demokratische autonomie in nordkurdistan Rätebewegung, Geschlechterbefreiung und Ökologie in der Praxis

demokratische autonomie in nordkurdistan

3.3.2 frauenrat gewer

Es hängt immer vom Stadtviertel und von der Bevölkerungsstruktur ab, wie weit der Aufbau eines solchen Rates fortgeschritten ist. Dynamisches Element der Veränderung sind dabei die Frauenräte, die unmittelbar verändernd auf die Gesellschaft einwirken, besonders was feudale und patriarchale Werte betrifft. Im Stadtteil von Wan, Bostaniçi, gibt bereits eine sehr starke Rätebewegung und Frauenräte sind hier ebenfalls besonders stark. In Kampagnen wie „Wir sind niemands Ehre – unsere Ehre ist unsere Freiheit“ oder „Lasst uns freie demokratische Gesellschaft schaffen und die Vergewaltigungskultur überwinden“ werden gesellschaftliche Strukturen, die durch die türkische Dominanz verschärft werden, deutlich und scharf angegriffen.

Ein anderer Schwerpunkt der Frauenräte ist die Bildungsarbeit. Dabei geht es um Alphabetisierung, Ausbildung zur ökonomischen Unabhängigkeit, Stärkung des eigenen Selbstbewusstseins, Gesundheitsbildung und Diskussion aller sozialen und gesellschaftlichen Probleme durch das patriarchale System. Aufgrund des hohen Organisierungsgrades in Bostaniçi sind die Frauenräte z. B. in der Lage, häusliche Gewalt direkt durch gesellschaftlichen Ausschluss zu sanktionieren. Männerdominierte Strukturen werden durch den Frauenkampf aktiv verändert. Innerhalb des Rätesystems haben Quotierungen und Bildungsarbeit einen tiefgreifenden Wandel in Gang gesetzt.

„Ohne Befreiung der Frau kann es keine freie Gesellschaft geben.“

Um die Arbeit der Frauenräte näher kennenzulernen, haben wir uns in verschiedenen Städten mit Aktivistinnen getroffen. Zunächst folgt ein Interview mit einer Vertreterin des Frauenrates aus Gewer über Geschichte und Praxis ihrer Arbeit:

Wie kam es dazu, dass hier in Gewer ein unabhängiger Frauenrat besteht?
Wir haben etwa 1996 angefangen, uns als Frauenkommission in der damaligen linken kurdischen HADEP1 zu organisieren. Damals waren wir stark an die Partei gebunden, was wir als Problem angesehen haben. Deshalb haben wir begonnen, als separater Arm zu arbeiten, aber immer noch angebunden an die Partei. Anfangs haben wir erst die Spitze bzw. das Dach organisiert und dann nach unten hin die Strukturen ausgebildet. Erst ab 1999 wurde die Basis organisiert. Jetzt mit dem Frauenrat ist das anders. Erst organisiert sich die Basis und dann der Rest nach oben hin. Die Frauenräte haben angefangen, unabhängig zu arbeiten. Es gibt Frauenräte in den Stadtvierteln und den Dorfkommunen. Außerdem gibt es in Gewer einen Stadtfrauenrat. Ziel ist auch, in den einzelnen Straßen Frauenräte zu gründen. Bis jetzt gibt es diese aber noch nicht. Darüber hinaus gibt es noch den Rat der Region, d. h. den Frauenrat von Colêmerg. In Gewer gibt es bereits seit 2000 einen Rat. Aber es fehlte an Kontinuität aufgrund der vielen Festnahmen. Jetzt geht es darum, dass die Demokratische Autonomie aufgebaut und verteidigt wird. Wenn die Demokratische Autonomie aufgebaut ist, kann sie zum Modell für die Türkei und die ganze Region des Mittleren Ostens werden.

Ziel der Räte ist es, die Frauen auf der Straße einzubeziehen.

Wie sieht eure Praxis aus?
Die Frauen werden zunächst zu ihren Ideen und Bedürfnissen befragt. Dann werden im Rat alle Gedanken und Ideen noch einmal zusammengetragen. In den Rätestrukturen werden Entscheidungen darüber getroffen, was für Projekte angegangen werden, zum Beispiel wo Frauenhäuser aufgebaut werden können. Weiterer Bedarf und entsprechende Projektideen bestehen beim Aufbau von Kindergärten und Kooperativen. Es gibt finanzielle Probleme, Mittel für Projekte aufzubringen, ist schwer. Projektanträge werden dorthin geschickt, wo Mittel für den Aufbau des Südosten bereitgestellt werden, auch an die EU. Die gehen jedoch über türkische Ministerien. Hier aus der Region wurde nur ein Projekt angenommen.

Wie erreicht ihr die Frauen?
Damit sich die Beteiligung von Frauen an den Räten weiter verstärkt, halten wir in der Stadt Versammlungen mit den Frauen ab. Dort sprechen wir über deren Probleme. Wir versuchen ihnen klar zu machen, dass sie sich organisieren müssen, um die Probleme zu lösen. Nur so können sie die Kraft dafür entwickeln.

Könntet ihr ein konkretes Beispiel eurer Arbeit geben?
Es wird versucht, ganz alltägliche Probleme in den Räten zu lösen. Wenn es zum Beispiel einer Frau finanziell schlecht geht und ihr Haus ist am Zusammenstürzen, dann entscheidet der Rat, dass geholfen werden soll. Diese Hilfe ist dann finanziell, es wird aber auch Material gespendet und praktisch geholfen. Wenn eine Frau krank ist und kein Geld hat, dann kann entschieden werden, dass ihr Geld gegeben wird. Im Fall von Gewalt gegen die Frau wird versucht, im Stadtteilrat eine Lösung zu finden oder die BDP [Partei für Frieden und Demokratie] einzubeziehen. Die Frauenräte sind noch nicht wirklich institutionalisiert, manchmal sind sie noch überfordert. Ziel ist es, eine starke Basis zu etablieren. Wir wollen uns institutionalisieren, aber insbesondere Frauen mit ideologischem Fundament werden sofort verhaftet.

Wie seid ihr organisiert und strukturiert?
Der Stadtfrauenrat besteht zu 60 Prozent aus Volksvertreterinnen und zu 40 Prozent aus Vertreterinnen von Vereinen. Die Delegierten der Stadtteilräte bekommen durch Wahlen ihr Mandat für den Stadtrat. Im Sommer ist die Arbeit verlangsamt, weil viele Familien in die Dörfer gehen und daher nicht mitarbeiten können.

Habt ihr auch institutionelle Interventionsmöglichkeiten?
Als der Frauenrat organisiert wurde, haben wir in der Stadtverwaltung die Frauen-Männer-Gleichstellungskommission aufgebaut. Wenn sich Frauen organisieren, haben Männer immer blockiert, deshalb ist diese Kommission wichtig. Innerhalb der Gleichstellungskommission gibt es auch Bildungsarbeit für Männer, um das Bewusstsein der Männer zu entwickeln.

„Die Frage der Geschlechterbefreiung ist gleichzeitig auch immer eine Frage der Ökologie.“

Eines der Paradigmen des Demokratischen Konföderalismus ist die Ökologie. Beschäftigt ihr euch auch mit solchen Themen?
In allen Frauenvereinen gibt es Ökologie-Kommissionen, weil auch beim Thema Ökologie Frauen mitbestimmen müssen. Ökologie soll nicht nur Männerthema sein. Die Frage der Geschlechterbefreiung ist gleichzeitig auch immer eine Frage der Ökologie. Ein Ökologieprojekt ist das Bäumepflanzen. Letztes Jahr wurden 3.000 Bäume gepflanzt, dieses Jahr 4.000, in fünf Jahren sollen es eine Millionen Bäume sein.

Führt ihr auch Projekte durch, um ökonomische Unabhängigkeit für Frauen zu garantieren?
Nach wie vor gibt es kaum Arbeitsfelder für Frauen, das heißt es fehlt ihnen an Einkommensquellen. Eine ökonomische Unabhängigkeit ist schwer erreichbar – aber damit ist die Befreiung der Frau eng verbunden. Es sind Frauenkooperativen zum Thema Landwirtschaft und Viehzucht in Planung. Das Projekt wurde beantragt und auch angenommen. Lange hatten wir das Problem, dass kein Grundstück gefunden wurde und deswegen die Kooperative auch nicht aufgebaut werden konnte. Momentan ist dort eine Frau beschäftigt, 21 weitere beteiligen sich. Ziel ist es, 500 Frauen dort zu beschäftigen. Erst soll der Bereich der Viehzucht (Rinder) aufgebaut werden und dann der Bereich der Landwirtschaft. Weiterhin ist für nächstes Jahr geplant, eine Handarbeitskooperative aufzubauen, in der 150 Frauen sticken, nähen, Teppiche knüpfen und ähnliche Handarbeiten verrichten sollen. Die Kooperative für Landwirtschaft und Viehzucht war die erste in der Türkei, die von einer Stadtverwaltung aufgebaut wurde. Aber wie gesagt, die Arbeiten sind aufgrund der fehlenden Ländereien eine Weile lang liegen geblieben.

Mit welchen Problemen seid ihr bei eurer Arbeit konfrontiert?
Ein Problem hier sind Drogen und Drogenabhängigkeit. Dies betrifft viele junge Frauen und Kinder. Wenn Kinder in Abhängigkeit geraten, sind wiederum die Mütter davon betroffen. Es wurde dazu ein Projekt entwickelt, ein Reha-Zentrum. Ein weiteres Problem in dieser Region ist, dass die Polygamie erlaubt ist. Eine Mehrehe ist auch psychische Gewalt. Dagegen haben wir für die Mitarbeiter in der Stadtverwaltung folgende Regelung getroffen: 50 Prozent des Gehaltes eines Mannes, der sich eine zweite Frau nimmt, wird an seine erste Ehefrau gezahlt und sie wird darüber hinaus aus der Familie herausgenommen.

Stadtverwaltung ergreift Maßnahmen gegen Polygamie.

Was ist speziell zu Gewer zu sagen?
Vom Krieg sind am meisten die Frauen betroffen – sowohl durch Vergewaltigung, als auch durch den Tod der Kinder. Aber die Frauen in Gewer haben auch eine Kultur des Widerstandes entwickelt. Deshalb ist ihre Teilnahme am sozialen Leben hier im Vergleich zu anderen Orten gut. Hier finden sich auch vergleichsweise wenige verschleierte Frauen. Sie können hier leichter ihre Belange artikulieren, denn die Frauen in dieser Region sind politisch sehr gebildet.

Die Frauenbewegung ist ja auch immer wieder Zielscheibe von scharfer Repression – erlebt ihr das hier auch so?
Letztes Jahr haben wir eine Kampagne gegen die Vergewaltigungskultur durchgeführt. Nun sind wir angeklagt, weil wir auf der Kundgebung einen Redebeitrag gehalten haben. Eine der größten Gewalttaten gegen Frauen ist, ihnen die Sprache zu verbieten. Daher beharren wir darauf, auf Demos zu sprechen und das auf Kurdisch, unserer Muttersprache. Wir haben viele Anklagen wegen Redebeiträgen oder kurdischen Transparente auf Demonstrationen. Es gab eine Bürgermeisterin, die viele Frauenprojekte initiiert hat. Als sie verhaftet wurde, sind diese Projekte nicht weiter verfolgt worden. Männer machen diese Projekte nicht.

  1. Halkιn Demokrasi Partisi (Partei der Demokratie des Volkes), 1994 gegründet, Verbot 2003. Vorgängerpartei der BDP (Barιş ve Demokrasi Partisi, Partei für Frieden und Demokratie). []

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