demokratische autonomie in nordkurdistan Rätebewegung, Geschlechterbefreiung und Ökologie in der Praxis

demokratische autonomie in nordkurdistan

3.3.3 frauenrat colêmerg

In der kurdischen Kleinstadt Colêmerg haben wir uns ebenfalls mit Vertreterinnen des Frauenrates getroffen. Seit fünf Jahren haben Mitreisende von uns Frauenräte in dieser Stadt besucht und sich mit ihnen ausgetauscht. Jeder dieser Räte ist durch Repression und Festnahmewellen vom türkischen Staat zerschlagen worden. Aber jedes Mal wurde wieder ein neuer Frauenrat gegründet, so auch einen Tag nach unserem Besuch. Es folgt ein Interview über die Situation speziell in Colêmerg.

„Jede Frau, die irgendwie aktiv für die Demokratie wird, ist Opfer der staatlichen Gewalt.“

Morgen wird der Frauenrat Colêmerg neugegründet. Wie kommt es dazu?
Erst einmal ist es das Ziel eines solchen Rates, unabhängig arbeiten zu können. Vorher gab es bereits Frauenräte, die durch verschiedene Repressalien und Verhaftungen aufgelöst wurden. Wie lange die anderen Frauenräte überstanden haben, kann ich nicht sagen. Für das Gebiet Kurdistan ist die politische Aktivität von Frauen wichtig und es gibt überall die gleiche Meinung zur Befreiung der Frau. Dennoch ist es für Frauen sehr schwer, politisch aktiv zu werden. Der Grund hierfür ist, dass Frauen Opfer verschiedener Gewalttaten sind. Sie sind sowohl familiärer als auch staatlicher Gewalt ausgesetzt. Das nächste Problem ist, dass die älteren Frauen größtenteils nicht lesen und schreiben können. Daraus resultiert die Schwierigkeit, diese Frauen politisch zu bilden. Obwohl heutzutage sehr viele kurdische Frauen einen Schulabschluss haben, heiraten sie direkt nach dem Abschluss. Sie werden anschließend zu Müttern und leiden unter familiären Problemen. Dadurch wird ein möglicher Einstieg in ein politisches Leben massiv erschwert.

Wie sind die Frauen in den Stadtteilen organisiert?
Es ist wichtig, dass es in jedem Stadtteil Frauenkommissionen gibt, damit die Probleme in den Stadtteilen schneller gelöst werden. Denn vor Ort können die Frauen schneller sehen, welche Probleme während der Ehe entstehen. Diese Probleme wiederum erschweren es den Frauen, aus ihren Häusern heraus zu kommen. Aber wenn man die Frauen in Colêmerg mit den Frauen in den Metropolen vergleicht, so sind sie viel aktiver und mutiger. Insgesamt arbeiten in jeder Kommission zehn bis 15 Frauen. Die Kommissionen arbeiten im Rahmen der Stadtteilräte.

Wie sieht die Arbeit in den Kommissionen konkret aus?
Wenn die Nachbarin einer Frau Opfer von Gewalt ist, werden wir benachrichtigt. Sie kommt zu uns und nicht zum Staat, weil mit dem Staat schlechte Erfahrungen gemacht wurden. Und wir versuchen Lösungen für die Probleme in den Stadtteilen zu finden. Ein Beispiel ist eine Frau, die aus dem Dorf in die Stadt gezogen ist und deren Mann am Fuß verletzt ist. Deswegen kann er nicht arbeiten und sie haben finanzielle Probleme. Wir haben versucht diese Personen folgendermaßen zu unterstützen: Wir haben zunächst Lebensmittel für sie besorgt, dann haben wir mit der Stadtverwaltung geredet und von ihr Backsteine und Sand bekommen, damit die Familie sich ein Haus bauen konnte. Und das Problem der Familie haben wir dem Muhtar (Stadtteilbürgermeister) mitgeteilt. Genau solche Unterstützung geben wir auch Frauen, deren Männer in Gefängnissen sitzen.

„Da das Volk die Bewegung ernst nimmt, nimmt sie auch unsere Forderungen ernst.“

Ein weiteres Beispiel: Hier in unserer Region werden Scheidungen nicht akzeptiert. Aber wir haben eine klare Einstellung zu Gewalt. Wenn wir wissen, dass eine Frau Opfer von Gewalt ist, setzen wir uns mit ihr zusammen und hören uns ihre Wünsche an. Manchmal ist das so, dass die Frau den Mann sehr liebt und sich nicht scheiden lassen möchte. Dann wird die Familie und der Mann zu einer weiteren Besprechung gerufen. Dort verdeutlichen wir unsere Einstellung zu Gewalt und stellen die Forderungen der Frau noch einmal dar. Da das Volk die Bewegung ernst nimmt, nimmt sie auch unsere Forderungen ernst. Das gilt auch, wenn die Frau sich scheiden lassen möchte, und z. B. ihr Gold, das sie zur Hochzeit geschenkt bekommen hat, und die Mitgift zurück bekommen möchte. Während der Zeit ihrer Scheidung stehen wir ihr dann bei.

Werden alle Frauen erreicht?
Ja, fast alle Frauen aus den Stadtteilen werden erreicht. Wir sprechen jede Frau an und packen sie nicht in bestimmte Kategorien. Gebildete und ungebildete, Gewerkschafterinnen und viele andere mehr, nur Beamtinnen halten sich sehr bedeckt, was die Organisierung angeht. Das hängt mit ihrem Status zusammen.

Wie sind die Verbindungen zu den anderen Räten?
Wie gesagt, es gibt Frauenkommissionen in allen Stadtteilräten und der Stadtfrauenrat ist mit zwei Vertreterinnen im allgemeinen Stadtrat vertreten. Ihre Aufgabe ist es, Ideen, Wünsche und Forderungen des Frauenrates in den allgemeinen Rat einzubringen und andersherum. Die Geschlechterquote im allgemeinen Stadtrat ist leider nicht erfüllt. Das liegt an den oben beschriebenen Schwierigkeiten hier in der Region, als Frau politisch tätig zu werden.

Gibt es Konflikte zwischen den Männern und den Frauenstrukturen in den Räten?
Die Frauenstruktur wird dafür kritisiert, dass sie ihre Ideologie noch nicht weit genug entwickelt hat. Aber das Problem liegt darin, dass einige Frauen nicht lesen und schreiben können. Und dass alle Frauen einer vielfachen Belastung ausgesetzt sind, wie der Erziehung der Kinder, dem Haushalt und vielem mehr. Darüber hinaus sind sie zusätzlich innerhalb der Familie Opfer von Unterdrückung. Der Spielraum für politische Aktivitäten und Bildung ist dadurch sehr begrenzt.

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