demokratische autonomie in nordkurdistan Rätebewegung, Geschlechterbefreiung und Ökologie in der Praxis

demokratische autonomie in nordkurdistan

3.4 doppelstruktur – stadtverwaltungen …

… zwischen staat und demokratischer autonomie

Viele lokale Verwaltungen der Provinzen, Landkreise und Gemeinden, die von der prokurdischen Partei für Frieden und Demokratie (Barιş ve Demokrasi Partisi, BDP) geführt werden, sind auf unterschiedliche Weise in den Aufbau der Demokratischen Autonomie integriert. Es existiert ein reger Austausch über Ideen, Ansichten, Projekte und Entscheidungsprozesse. Viele Stadtverwaltungen (Belediye) unterstützen den Aufbau von Stadt- und Stadtteilräten, von welchen sie selbst ein Teil sind oder werden.

Die Illegalisierung der Rätestrukturen erschwert eine offizielle Zusammenarbeit dabei erheblich. Im zentralistischen System der Türkei sind den lokalen Verwaltungen zudem in vielerlei Hinsicht die Hände gebunden. Den kommunalen Ebenen werden nur sehr geringe Kompetenzen zugesprochen, die finanziellen Schwierigkeiten sind immens und die sozioökonomische Problemen der ost- und südostanatolischen Provinzen nur schwer zu bewältigen.

Mit Mitarbeiter_innen der Stadtverwaltung von Gewer (Yüksekova) und Dêrsim (Tunceli) sowie dem Bürgermeister des Bezirks Sûr in Amed (Diyarbakιr), Abdullah Demirbaş, haben wir über ihren Kampf für kommunale Selbstbestimmung und über die Bedingungen ihrer Arbeit gesprochen.

Aufbau der Rätestruktur – ein Prozess und Dialog
„Als Stadtverwaltung sind wir ein Teil des demokratisch autonomen Prozesses. Eine unserer Aufgaben ist es, das Konzept der Demokratischen Autonomie in allen sozialen Bereichen und Institutionen von der Basis aus kommunal aufzubauen. Wir unterstützen Stadtviertel für Stadtviertel die Bevölkerung, organisieren Versammlungen und diskutieren gemeinsam, wie wir die Demokratische Autonomie aufbauen können. Das kann auch als Unabhängigkeit vom Staat verstanden werden. Aber es geht in erster Linie darum, dass wir die Bevölkerung aufklären und dass wir uns gegenseitig aufklären.“ (Stadtverwaltung Gewer)

Die Stadtverwaltung von Dêrsim orientiert ihr Handeln am Modell der Demokratischen Autonomie. Die Bürgermeisterin hat gemeinsam mit allen Mitarbeiter_innen das Modell mehrfach diskutiert. Daraufhin wurde beschlossen, eine demokratische, geschlechterbefreite und ökologische Stadt aufzubauen. Bei jeder Arbeit soll hinterfragt werden, ob sie mit dieser Perspektive vereinbar ist. Dabei steht der Dialog mit der Bevölkerung, die sich Schritt für Schritt in Stadtteilräten organisiert, im Vordergrund.

„In jedem Stadtteil organisiert sich ein Stadtrat, der die Probleme vor Ort an uns weiterleitet. Wir gehen dann wiederum zu den Betroffenen, um mit ihnen darüber zu sprechen. In letzter Zeit veranstalten wir verstärkt Sitzungen in den Stadtteilen. Die Bürgermeisterin besucht wöchentlich die Stadtteile und die dort ansässigen Familien. Wenn sie eine Familie zu Hause besucht, kommen auch die Nachbarn. Aus solchen Situationen entstehen dann Diskussionen, bei denen die Probleme und die Erwartungen der Leute zur Sprache kommen. Aber es gibt auch die Bemühung, dies in Form von Stadtteilräten zu institutionalisieren. Das sitzt noch nicht ganz. Aber Ziel ist, dass in jedem Stadtteil ein Stadtteilrat errichtet wird, bestehend aus den Bewohner_innen des Stadtteils. Diese sollen sich mit den Problemen ihres Stadtteils befassen und Lösungen suchen oder der Stadtverwaltung mitteilen, was sie für den Stadtteil machen soll. Es gibt in Kurdistan überall Arbeiten hierzu, aber es entwickelt sich eben langsam und nicht von jetzt auf gleich.“ (Stadtverwaltung Dêrsim)

Bei der Zusammenarbeit geht es weniger um eine einseitige Informationsweitergabe, sondern vielmehr um einen Dialog der unterschiedlichen linken Gruppierungen, wie es sie insbesondere in Dêrsim gibt, und ihrer unterschiedlichen Vorstellungen über eine demokratische Stadtverwaltung. In wöchentlichen Versammlungen werden Konkretes, wie etwa der Bau einer Straße, und Allgemeines, wie Möglichkeiten des Naturschutzes, diskutiert. Die Prioritäten und Voraussetzungen, unter denen die Stadtverwaltungen arbeiten, sind in den Orten Dêrsim, Gewer und Sûr sehr unterschiedlich.

Multikulturelle und multilinguale Demokratie
Sûr, der Altstadtbezirk von Amed, hat eine rund 7.500-jährige Geschichte und Kultur. Die Bezirksverwaltung legt ihren Schwerpunkt auf die kulturelle wie stadthistorische Erhaltung der Traditionen. In Amed findet sich eine Vielfalt von Kulturen, Ethnien, Sprachen und Religionen und heute noch leben hier Kurd_innen, Türk_innen, Araber_innen, Armenier_innen und andere Gruppen. Die historische 5,5 Kilometer lange Stadtmauer von Sûr mit ihren 82 Türmen wird renoviert und soll als Weltkulturerbe anerkannt werden. Für die Bewohner_innen wurde ihre Umgebung begrünt und begehbar gemacht. Weitere historische Gebäude werden restauriert und die Bezirksverwaltung plant den Bau eines Diyarbakιr-Museums. Außerdem errichtet sie Kinderbibliotheken, Kunst- und Kulturzentren sowie Frauenzentren und veranstaltet Kinderfestivals.

„Wir wollen die Vielfalt der Religionen und Glaubensrichtungen in dieser Stadt thematisieren. Deswegen gibt es hier eine Kulturstraße, in der wir begonnen haben, eine Moschee, eine keldanisch-aramäische katholische Kirche, eine orthodoxe armenische Kirche und eine jüdische Synagoge zu restaurieren. Außerdem werden wir dort ein alevitisches und ein yezidisches Gemeindezentrum eröffnen. Wir möchten damit auch zeigen, dass diese ganze Vielfalt miteinander leben kann. Eines der grundlegenden Projekte der Demokratischen Autonomie ist das Zusammenleben der Menschen in ihrer Vielfalt und Unterschiedlichkeit. Wenn wir das schaffen, haben wir Demokratie erreicht. Das ist unser Kampf gegen die offizielle Ideologie, die verkündet: Eine Sprache, eine Kultur, eine Nation! Wir dagegen stehen für multikulturell und multilingual.“ (Abdullah Demirbaş)

„Eines der grundlegenden Projekte zur Demokratischen Autonomie ist das Zusammenleben der Menschen in ihrer Vielfalt und Unterschiedlichkeit.“

Die Bezirksverwaltung Sûr arbeitet als erste der Türkei in dieser Weise multilingual. Es gibt Angestellte, die Kurdisch, Türkisch, Englisch, Russisch, Armenisch und Assyrisch sprechen. Mitarbeiter_innen, die Kurdisch, Armenisch oder Assyrisch sprechen, werden entsprechend gefördert. Viele Projekte der Bezirksverwaltung stehen im Rahmen einer solchen Sprachförderung und Zusammenarbeit verschiedener Sprachen. Speziell an Familien und Kinder richtet sich ein mehrsprachiges Fabelbuch und eine vierteljährlich erscheinende Zeitschrift. Als nächstes Projekt der Reihe „Jeden Abend ein Märchen“ und „Jedes Haus ist eine Schule“ ist ein Märchenbuch für Armenier_innen, Assyrer_innen und Kurd_innen geplant. Diese Projekte der Mehrsprachigkeit und Multikulturalität bringen den Mitarbeiter_innen der Bezirksverwaltung immer wieder Probleme mit dem türkischen Staat ein. Abdullah Demirbaş berichtete uns, dass er aufgrund der multilingualen Arbeit 2007 von seinem Amt suspendiert wurde, nach seiner Wiederwahl im Jahr 2009 inhaftiert und seitdem mit mehreren Strafprozessen verfolgt wird. Derzeit beträgt das für ihn geforderte Strafmaß 232 Jahre Haft.

Nicht warten, bis die Gesetze sich verändert haben
Mit dem Aufbau der Stadtteilräte verändert sich die Rolle die Stadtverwaltungen zunehmend. Ihr Ziel ist es, Teil der Stadtteilräte zu werden. Gleichzeitig nehmen sie im Aufbauprozess eine Art Vermittlerrolle ein. Einerseits geht es darum, demokratische Forderungen nach oben weiterzuleiten und andererseits um eine Aufklärung und demokratische Umsetzung von und nach unten. Insofern verschwimmen bereits im Entstehen dieser Doppelstrukturen Grenzen der Aufgabenverteilung und Entscheidungsprozesse.

„Wenn wir von Demokratischer Autonomie sprechen, müssen wir nicht unbedingt warten, bis die Gesetze sich verändert haben. Wir können das auch selber faktisch in die Tat umsetzen. Daher sagen wir: ,Es mag sein, dass das nicht in unseren Aufgabenbereich fällt und wir hierfür nicht entlohnt werden, aber jegliches Problem der Bevölkerung ist zugleich auch unser Problem!‘ Es kann sich dabei auch um ein Problem handeln, welches eigentlich im Zuständigkeitsbereich irgendeiner staatlichen Institution liegt. In zehn Jahren werden wir die Demokratische Autonomie aufgebaut haben und über alles selbst entscheiden, was mit der Stadtplanung und dessen Umsetzung zu tun hat. Entweder werden wir das Ganze weiterhin einfach umsetzen oder die Türkei wird gezwungen sein, ihr System zu ändern. Aber zurzeit errichten wir das de facto. Wir kümmern uns bereits jetzt um Dinge, die nicht zu unserem Aufgabenbereich gehören. Mit den Bildungseinrichtungen für Kinder [tr. „Eğitim Destek Evi“]1 versuchen wir beispielsweise, auf das Bildungswesen als Aufgabenbereich des Staates Einfluss zu nehmen. Wir bauen also langsam unsere eigenen Institutionen auf, um Widerstand gegen das System zu entwickeln. Im Kulturbereich haben wir beispielsweise das Jugend- und Kulturzentrum errichtet und somit erste Schritte in Richtung einer eigenständigen Kulturarbeit getan. Die Türkei hat keine Wahl außer der Demokratischen Autonomie. Das aktuelle System ist sinnlos. Und alles, was sinnlos ist, wird durch die Geschichte untergehen. Der Staat ist gezwungen, dies einzusehen und zu verändern!“ (Stadtverwaltung Dêrsim)

In Sûr steht an erster Stelle der Stadtverwaltungsrat, der in Zusammenarbeit mit den Stadt- und Stadtteilräten Entscheidungen trifft. Zudem existiert ein Präsidialrat und ein Exekutivrat. In die Entscheidungen des Frauenrates mischt sich die Stadtverwaltung nicht ein und innerhalb der Stadtverwaltung entscheiden die Frauen autonom über ihr Budget.2 Polygamie wird nicht geduldet und als Novum in der Türkei erhalten Frauen im Falle von häuslicher Gewalt das Gehalt des Ehemanns. Es gibt auch einen Kinderrat, der von der Stadtverwaltung für unter 18-jährige ins Leben gerufen wurde.

„Die Kinder haben unsere Stadtverwaltung besetzt und gefordert, dass in den Internetcafés ein Filtersystem eingeführt wird. Wir haben diese Forderung akzeptiert und sind dann mit Mitarbeiter_innen des Ordnungsamtes durch alle Internetcafés gegangen und haben ein Filtersystem installiert. Außerdem haben wir die Kinderspielplätze nach ihren Wünschen und Vorstellungen gebaut.“ (Abdullah Demirbaş)

Auch wir sind Mitglieder des Stadtrates
Die konkrete Praxis der Entscheidungsfindung ist ohne die personellen Überschneidungen von Räten und Stadtverwaltung nicht zu verstehen. Inhaltliche Konflikte werden diskutiert, versucht im Konsens zu lösen und sind nicht unbedingt in institutionellen Parallelitäten begründet. Kann sich im Stadtrat auf keine Lösung geeinigt werden, wird der Fall mit einfacher Mehrheit entschieden.

„Man muss bedenken, dass auch wir Mitglieder des Stadtrates sind. Man darf das nicht separat voneinander verstehen, denn der Stadtrat ist nichts Getrenntes von der Stadtverwaltung. Es werden in den Sitzungen prinzipielle Dinge und langfristige Projekte diskutiert, Details werden nicht in einem so großen Entscheidungsgremium besprochen. Aber man darf nicht vergessen, dass dies in der offiziellen Türkei nicht akzeptiert wird. Es ist etwas, das wir einfach in die Praxis umsetzen. Es sieht dann offiziell so aus, als hätte die Stadtverwaltung diese Entscheidung getroffen, doch in Wirklichkeit wurde sie gemeinsam getroffen. Zum Beispiel wurden in der Türkei die Namen der Orte geändert. Wir haben ein Projekt begonnen, um den Orten wieder ihre alten Namen zurück zu geben. Das haben wir dem Stadtrat vorgelegt. Dann haben wir entschieden, in die betroffenen Orte zu gehen und die Bewohner_innen einzeln zu befragen, was sie wollen. 99 Prozent der Bewohner_innen wollten den alten Namen der Stadt wieder haben, nur ein Prozent wollte es nicht. In der Praxis wurde so die Entscheidung getroffen, aber offiziell hat die Stadtverwaltung entschieden.“ (Abdullah Demirbaş)

Transparenz als Grundlage
Alle drei Stadt- bzw. Bezirksverwaltungen, mit denen wir gesprochen haben, legen in ihrer Arbeit großen Wert auf Transparenz. Den Bürger_innen soll nachvollziehbar sein, welche Gelder für welche Projekte verwendet wurden und warum zu einem bestimmten Zeitpunkt das Budget für weitere Projekte nicht mehr ausreicht. In Dêrsim wird beispielsweise alle paar Monate in den Räumlichkeiten der Stadtverwaltung, auf ihrer Homepage und in den örtlichen Zeitungen veröffentlicht, wofür Gelder ausgegeben wurden, wie hoch das aktuelle Budget und wie hoch die Schulden sind.

„Wir müssen transparent sein und die Menschen sollen alles wissen. Das ist auch ein Teil der Demokratischen Autonomie. Wenn die Stadtverwaltung die Entscheidungen in einer Stadt treffen darf, dann müssen die Menschen sie auch kontrollieren können. Also öffnen sich die Stadtverwaltungen dieser demokratischen Kontrolle. Solch ein System gibt es in der Türkei nicht. Unsere Bürgermeisterin führt alle paar Monate in den Stadtteilen öffentliche Versammlungen durch und erklärt der Bevölkerung, was sie in diesem Stadtteil für Projekte umsetzen konnte, was sie nicht geschafft hat und was sie noch vor hat. Und dann befragt sie die Leute nach ihren Wünschen. Das können allgemeine oder ganz konkrete Forderungen sein wie: ,Hier gibt es keinen Weg, bau hier einen Weg!‘ oder ,Hier ist ein Rohr geplatzt, kümmere dich darum!‘. Genauso werden alle paar Monate von der Bürgermeisterin Versammlungen mit allen Vertreter_innen der örtlichen Zivilgesellschaft initiiert. Die Kontrolle obliegt in diesem System eigentlich Ankara. Alle zwei Jahre wird von dort ein Inspekteur zu Kontrollen hierher geschickt. Die eigentliche Instanz, die uns kontrollieren sollte, ist aber das Volk. Daher erklären wir uns den Menschen und hören uns ihre Kritikpunkte an.“ (Stadtverwaltung Dêrsim)

Die Zentralverwaltung will ihre Kompetenzen nicht abgeben
Im zentralistisch organisierten politischen System der Türkei sind die Kompetenzen der lokalen Verwaltungen sehr beschränkt. Den 81 Provinzen steht jeweils ein Gouverneur als höchster Repräsentant vor, welcher vom Innenminister ernannt und vom Staatspräsidenten bestätigt wird. Dieser ist zudem Vorsitzender der gewählten Provinzversammlung. Nur Bürgermeister_innen und Dorfvorsteher_innen werden vom Volk gewählt. Diese Schieflage der Kompetenzen zwischen Staat und lokaler Verwaltung wurde in unseren Gesprächen vielfach kritisiert.

„Alle Aufgabenbereiche des Staates laufen hier über den Gouverneur. Der Gouverneur wird nicht gewählt, sondern vom Staat als Beamter hierher geschickt. Das Bildungswesen beispielsweise läuft komplett über den Staat und damit auch die Entscheidung, wie viele Lehrer_innen in welche Orte geschickt werden. Ebenso entscheidet der Staat über die Planung der Hauptverkehrsstraßen, über die Wasserplanung, die Kulturarbeiten und die Bibliotheken. Am wichtigsten ist aber, dass der Staat über das Bildungs- und Gesundheitswesen entscheidet. Alles was um Grundeigentum und Grundbucheinträge geht, wird durch den Staat geregelt. Hierauf haben wir keinerlei Einfluss, was völlig unsinnig ist. Denn wenn irgendwo etwas gebaut werden soll, prüfen wir vor Ort, wem das Grundeigentum gehört und wie dort gebaut werden kann. Aber alle Einträge nehmen die staatlichen Institutionen vor. Die Justiz wird durch den Staat geregelt. Auch die Pressearbeit wird von der Zentralregierung gesteuert. Das heißt, wenn du eine Lokalzeitung herausbringen willst, musst du eine Genehmigung erlangen. Wenn beispielsweise eine Fabrik zu viele Abgase in die Luft lässt, wird das vom Staat kontrolliert. Auch das müsste eigentlich in unseren Zuständigkeitsbereich fallen. Wenn eine Fabrik durch ihre Produktion Lärm verursacht, wird das durch den Gouverneur geregelt. Auch dies müsste in unseren Aufgabenbereich gehören. Der Gouverneur erhält aus all diesen Bereichen auch die Steuern. Militär und Polizei gehören ohnehin zu seinem Aufgabenbereich. Also letztlich kontrollieren sie alles!“ (Stadtverwaltung Dêrsim)

Versuche der Stadtverwaltungen, der ungerechten Verteilung des Budgets für kommunale Arbeit entgegenzuwirken, werden von der türkischen Regierung häufig verhindert. So verweigerte sie der Bezirksverwaltung Sûr vielfach die notwendige Genehmigung für Kredite oder eigene Unternehmen.

„Das Oberbürgermeisteramt hat zum Beispiel ein Unternehmen gegründet und darin investiert. Dinge ihres Bedarfes für den Straßenbau wie Asphalt wurden selbst produziert und es wurde damit begonnen, Arbeiter_innen einzustellen. Innerhalb eines Jahres haben sich sowohl die Zahl der Beschäftigten als auch das Budget der Stadtverwaltung erhöht. Das hat der Regierung missfallen und sie bestand darauf, die Firma zu schließen. Obwohl es in allen Kommunen der Türkei Unternehmen gibt – von 16 Kommunalverwaltungen der Großstädte besitzen 15 eigene Unternehmen –, wurde es nur uns untersagt. So hat die Stadtverwaltung von Ankara mit ihren vier oder fünf Millionen Einwohner_innen eine Schuldenlast von vier Milliarden Dollar. Diyarbakιr hat eine Million Einwohner_innen und 100 Millionen Dollar Schulden. Ankara kann so viel Schulden machen und Kredite aufnehmen wie sie will, aber wir können dies nicht. Ankaras Einwohnerzahl ist viermal so hoch wie unsere, aber sie haben vierzigmal so viel Schulden wie wir – das ist der Unterschied.“ (Abdullah Demirbaş)

Flughafen und Überwachungskameras – Entscheidungen aus Ankara
Die kurdischen Provinzen gehören ausnahmslos zu den ärmsten der Türkei. Die Vereinigung der Kommunen von Ost- und Südostanatolien (GABB, Doğu ve Güneydoğu Anadolu Belediyeler Birliği) verdeutlicht in ihren Berichten, inwieweit die Region durch geringe Investitionen, Verhinderung von Krediten und ungerechte Steuerverteilung eine strukturelle ökonomische Vernachlässigung erfährt. Auch ausländische Unterstützungsgelder werden durch die staatlichen Entwicklungsorganisationen meist verhindert. In der Stadt Gewer liegt die Arbeitslosenquote bei ca. 80 Prozent. Der Stadtverwaltung stehen fast keine finanziellen Mittel zur Verfügung, um die Arbeitslosigkeit und Probleme wie Drogen, Prostitution oder Schmuggel zu bekämpfen. Ideen und Pläne für notwendige Projekte gibt es mehr als genug. Doch die ohnehin hohe Verschuldung verunmöglicht in Dêrsim wie in Gewer dringend notwendige Stadtentwicklungsprojekte wie den Ausbau einer Kanalisation oder eines Recyclingzentrums und soziale Projekte wie ein Rehabilitationszentrum für Drogenabhängige oder ein Frauenzentrum. Nahe der Stadt Gewer wird derzeit ein Flughafen gebaut, wobei die Stadtverwaltung weder in die Planung miteinbezogen wurde noch sicher gehen kann, ob dieser zu rein zivilen Zwecken errichtet wird. Ein Zivilflughafen würde sich zwar positiv auf die hohe Arbeitslosigkeit auswirken, jedoch wird eher eine militärische Nutzung befürchtet. Ebenso wenig wie in die Planung des Flughafens wurde die Stadtverwaltung in die Errichtung der vielen Überwachungskameras miteinbezogen oder besaß irgendeine Form des Einflusses auf sie.

„Die ökonomische Situation hier in Gewer war 1993/94 besser. Erst seit 2000 haben die Unternehmer_innen ein Einkommen gleich null, die verdienen fast gar nichts. Dementsprechend ist derzeit eine Arbeitslosenquote von 80 Prozent erreicht. Wir versuchen hier und dort die Arbeitslosigkeit zu verringern, können aber diese große Wunde nicht heilen, sondern nur an bestimmten Stellen die Schmerzen lindern. Wir haben zum Beispiel das Projekt, ein neues Krankenhaus einzurichten. Damit entsteht vielleicht ein Personalbedarf von 30 bis 40 Menschen. So versuchen wir, in kleinen Bereichen die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen. Aber wir glauben nicht, dass wir sie in nächster Zeit überwinden werden. In letzter Zeit intensiviert sich daher auch die Perspektivlosigkeit der Bevölkerung in diesem Bereich.“ (Stadtverwaltung Gewer)

Du bist ein Terrorist
Über welche finanziellen Mittel die Stadtverwaltungen verfügen, entscheidet die Zentralregierung in Ankara. Das Budget für kommunale Arbeit wird dabei ungerecht verteilt und die Kommunen erhalten nicht die Steuergelder, die sie für Infrastruktur- und soziale Projekte benötigen.

„Er sammelt ein und gibt uns etwas ab. Manchmal gibt er den Stadtverwaltungen, die nicht seiner Partei angehören weniger, und jenen, die seiner Partei angehören dementsprechend mehr. Der Bürokrat in Ankara kann auf ganz einfache Weise unsere Projekte ins Leere laufen lassen, weil er mich nicht ausstehen kann. Er sagt: ,Du bist ein Terrorist‘ und verhindert dadurch deine Projekte.“ (Stadtverwaltung Dêrsim)

Viele Mitarbeiter_innen kommunaler Verwaltungen werden in die Grauzone zwischen Legalität und Illegalität gedrängt und mit Verfahren und Verhaftungen verfolgt. Die Verhaftungswellen der AKP-Regierung gegen die Bürgermeister_innen erinnern unsere Gesprächspartner_innen zum Teil an eine Strategie, die nach dem Militärputsch in den 80ern angewandt wurde.

„Alle kurdischen Mitarbeiter_innen der Stadtverwaltungen, die Bürgermeister_innen, die Unterstützer_innen, die Partei [BDP], die Aktivist_innen, alle werden verfolgt, repressiv behandelt und inhaftiert. Die so entstehenden Lücken werden meistens von uns gefüllt. Das Ziel der AKP ist es, ein Konzept anzuwenden, was bereits beim militaristischen Putsch 1980 und nach 1982 umgesetzt wurde: Nachdem der damalige Bürgermeister inhaftiert worden war, wurde an seiner Stelle ein Soldat, d. h. ein Angehöriger der Armee, bzw. ein Stadtgouverneur, eingesetzt, welcher dieses Amt bis zu den nächsten Wahlen weiterführte. Neun Monate lang war beispielsweise in den 80ern ein Stadtgouverneur Bürgermeister in Gewer. Die AKP möchte das reproduzieren und hier in ähnlicher Form wieder anwenden.“ (Stadtverwaltung Gewer)

Leben wie in Izmir – auf der Straße sein, ohne Angst zu haben
„Der Antrieb für unsere Arbeiten ist, ein menschliches und ein gleichberechtigtes Leben führen zu dürfen, genauso wie in Izmir im Westen die Bürger_innen beispielsweise bis nachts auf der Straße sind und keine Angst haben müssen. Dieses Recht möchten wir auch hier in Gewer haben, weil wir auch ein solches Leben verdient haben. Aber die AKP-Politik gegenüber den Kurd_innen versucht, genau diese Freiheiten und Gleichberechtigung zu unterbinden.“ (Stadtverwaltung Gewer)

  1. Vgl. Eğitim Destek Evi – Bildungseinrichtung der Stadtverwaltung Wan []
  2. Vgl. Gespräch mit Gülbahar Örmek – Kommunale Arbeiten im Bereich Frauen []

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