demokratische autonomie in nordkurdistan Rätebewegung, Geschlechterbefreiung und Ökologie in der Praxis

demokratische autonomie in nordkurdistan

3.6.2 sarmaşιk …

… – Kampf gegen gezielte Verarmung der kurdischen Gebiete

Die Bevölkerung hungert. Dagegen muss sofort eine Lösung gefunden werden.

Sarmaşιk (dt. „Efeu“) ist ein Verein, der es sich zum Ziel gesetzt hat, gegen die massive Verarmungspolitik der türkischen Regierung Widerstand zu leisten. Die Verarmung ist politisch motiviert. Das zeigt sich u. a. in der Politik der türkischen Regierungspartei AKP, ausschließlich die eigene Klientel zu unterstützen und Lebensmittelspenden als Mittel politischer Bestechung und Erpressung im Wahlkampf einzusetzen. Gegen diese Politik formierte sich Sarmaşιk.

„Die Verarmungspolitik funktioniert zusammengefasst so: Armut verursachen, verschärfen und die Menschen in Abhängigkeit bringen.“

Die Gründung von Sarmaşιk im Jahr 2005 geht auf eine Initiative von Soziolog_innen zurück, die sich mit der sozialen Lage in der Stadt und Region Amed (Diyarbakιr) befasste. Die Ergebnisse der Studie, die den Zusammenhang zwischen Krieg und sozialer Not darstellt, waren alarmierend. Wir sprachen mit Mitarbeiter_innen von Sarmaşιk über die Kriegssituation, die damit verbundene Armut und die Arbeit des Vereins. Es folgen Ausschnitte aus dem Interview:

„Eine der größten Probleme dieses Krieges ist die Migration, die Zwangsvertreibung aus den Dörfern in die Städte. Davon sind etwa vier Millionen Menschen betroffen, die ihre Dörfer aufgrund des Krieges verlassen mussten. An die 2.000 Dörfer wurden zerstört. Als Konsequenz dieser Vertreibungen ist ein Großteil der Menschen in die Metropolen in Kurdistan gesiedelt, z. B. nach Diyarbakιr. Viele mussten auch in den Westen und in türkische Metropolen wie Istanbul umsiedeln. Zuerst haben wir einen Stadtplan ausgearbeitet, in dem die Armutsviertel der Stadt gekennzeichnet wurden. Um diesen ,Armuts-Stadtplan‘ weiter auszuarbeiten, haben wir Diyarbakιr in vier Teile aufgeteilt und besonders betroffene Stadtteile ausgesucht. Diese haben wir danach alle besucht und erforscht. Wir haben in diesem Rahmen 5.700 Haushalte aufgesucht. Das war eine sehr umfangreiche Arbeit und die Ergebnisse waren schockierend.“

Die Bevölkerung ist nicht nur mit Armut konfrontiert, sie hungert.
„Die Bevölkerung war nicht mit nur mit Armut, sondern auch mit Hunger konfrontiert. Gegen diese Hungersnot mussten sofort Lösungen gefunden werden. Das jährliche Durchschnittseinkommen in der Türkei beträgt 5.000 US-Dollar |in Amed 2.000 Dollar], in den vier ärmsten Stadtteilen von Diyarbakιr sind es nur 240 Dollar. Dies ist ein Beweis, anhand dessen man die Ost- West Kluft gut erkennen kann. Durch die Entvölkerung der Dörfer gab es zwischen 1990 und 2000 einen Bevölkerungsanstieg um 72 Prozent. Die Situation ist hier viel schlechter als auf den Dörfern. 64 Prozent der Menschen äußerten, dass sich ihre Situation beim Umzug in die Städte extrem verschlechtert hat. Sie gaben an, dass es ihnen in den Dörfern viel besser ging und sie keine ökonomischen Probleme hatten. Die Anzahl der Behinderten in den Haushalten liegt bei 14 Prozent. Bei 42 Prozent treten somatoforme Störungen auf. 7,2 Prozent der schulpflichtigen Kinder arbeiten, um die Familie zu ernähren, und können aus finanziellen Gründen nicht zur Schule gehen. Die Armutsgrenze liegt in der Türkei bei einem Monatseinkommen von 2.100 Türkische Lira pro Familie, die Hungergrenze bei 740 Lira. Allerdings muss in Diyarbakιr häufig eine Familie mit 100 Lira im Monat auskommen. In den untersuchten Vierteln leben 84 Prozent unter der Hungergrenze. Etwa 28.000 Familien in Diyarbakιr [mit durchschnittlich sieben Personen] brauchen dringend Hilfe. Bei einer weiteren Untersuchung auf Basis dieser Daten zum Bedarf der Menschen stellte sich heraus, dass 94 Prozent der Befragten Hilfe in Form von Grundnahrungsmitteln, also Reis, Mehl und Öl benötigen. 200.000 Menschen brauchen in Diyarbakιr besonders dringend Hilfe. Diese Familien können sich nicht selbst mit Grundnahrungsmitteln versorgen.“

Eine Lebensmittelbank als Projekt gegen die kapitalistische Moderne
„Als Ergebnis dieser Arbeiten [zum Armuts-Stadtplan] haben wir eine Lebensmittelbank eröffnet. Das war eigentlich nicht das Ziel unserer Arbeit und wir hatten zuvor auch nicht solche Überlegungen angestellt. Unser Ziel war eher die Armutsverhältnisse hier zu erforschen, sie zu dechiffrieren und den Staat damit zu konfrontieren. Aber aufgrund der Ergebnisse haben wir die Notwendigkeit gesehen, diese Lebensmittelbank einzurichten. Die Lebensmittelbank in der Stadt Diyarbakιr soll zu einem sozialen Solidaritätszentrum werden. Die Lebensmittelbank wurde durch die Mithilfe von über 50 Organisationen und Institutionen aufgebaut. 2.300 Familien werden darüber unterstützt. Diese Unterstützung ist nicht auf eine Zeitdauer beschränkt, sie ist fortdauernd, solange die finanzielle Lage der Familie sich nicht verbessert.“

In den kurdischen Gebieten gibt es einen starken Solidaritätsgedanken
„Bei den Kurden_innen ist es so, dass der Solidaritätsgedanke ein wenig in ihrer Kultur steckt. Das liegt daran, dass der Kapitalismus zumindest bis vor 20 Jahren in der Region noch nicht so wirklich Fuß gefasst hatte hier in der Region, weil die Produktionsverhältnisse noch nicht kapitalistisch waren. Die Solidaritätsmentalität in der ländlichen Bevölkerung ist noch intakt. Aber mit der Verstädterung der Region und der Explosion der Städte hat sich der Kapitalismus auch hier zunehmend etabliert und damit eine andere Mentalität gebracht. Dadurch hat der Solidaritätsgedanke ein wenig an Bedeutung verloren. Unser Ziel ist es, diesen Solidaritätsgedanken wieder zu stärken.“

Hauptgrund für Armut ist die ungelöste kurdische Frage
„Unser Ziel ist es auch, die Wurzeln dieses Armutsproblems zu erfassen. Die kurdische Frage und die Vertreibung sind Hauptursachen für die Armut in dieser Stadt. Der Staat befördert mit unterschiedlichen Mitteln bewusst die Armut in der Region. Vor allem in den letzten Jahren, seitdem es den kurdischen Widerstand gibt, wurde diese Politik verstärkt. Die Verarmungspolitik funktioniert zusammengefasst so: Armut verursachen, verschärfen und die Menschen in Abhängigkeit bringen.“

Der Staat fühlt sich gestört vom sozialen Unterstützungsprojekt
„Direkt nach dem Beginn unserer Arbeit wurde deutlich, dass der Staat und der Gouverneur sich gestört fühlen. Sie haben versucht, die Arbeiten des Vereins zu sabotieren. Aktuell versucht der Gouverneur zu verhindern, dass wir ein Büro kaufen können. Meine Kolleg_innen sprechen gerade mit ihm. Wir halten unseren Widerstand für sehr bedeutend und sehr wichtig. Und auch außerhalb von Diyarbakιr merken die Leute langsam, wie wichtig und wertvoll so eine Arbeit ist. Deswegen bekommen wir inzwischen auch von außerhalb Unterstützung, auch aus Europa.“

Die Menschen brauchen nicht nur Essen, sondern auch Bildung
„Neben der Lebensmittelbank, führen wir seit einem Vierteljahr ein Bildungsprojekt für Kinder durch. Es geht darum, den Kindern von Vertriebenen, die Unterstützung von uns erhalten, bei einer erfolgreichen Schulbildung finanziell unter die Arme zu greifen. Ihr wisst, dass die größten Opfer des Krieges Kinder und Frauen sind. Kinder müssen auf der Straße unter schlechten Bedingungen arbeiten und können nicht mehr in die Schule gehen. Manche können sich aufgrund ihrer Armutsverhältnisse auch nicht auf die schulische Bildung konzentrieren. Wir unterstützen im Moment 110 Schüler_innen mit Stipendien. Ein Schwerpunkt liegt auf der Schulbildung der Mädchen. Sie werden ökonomisch, psychologisch und sozial unterstützt. Wir begleiten die Kinder von der Grundschule bis zur Universität – wir legen dabei Wert auf Kontinuität.“

Gesundheitsbildung und Hilfe für Frauen
„In dem Pilotprojekt zur Gesundheit werden über 100 Familien bzw. Frauen, die von unserer Lebensmittelbank Unterstützung erhalten, in Bildungseinheiten über Frauengesundheit, Hygiene und Kindergesundheit geschult. Sie erhalten auch Hygieneartikel von uns. Die Frauen wurden einem gesundheitlichem Check unterzogen und diejenigen, die gesundheitliche Probleme hatten, wurden an die jeweiligen Fachärzte weitergeleitet. Es ist ein sehr wichtiges Projekt und wir planen das Projekt zu vergrößern und mit einer breiteren Unterstützung wieder aufzunehmen. Aber derzeit läuft es leider nicht weiter.“

Dokumentationsprojekt über Armut in Amed
„Über ein Jahr lang machte ein professioneller Fotograf in den Armenvierteln Fotos von der Realität der Familien, die wir unterstützen. Es wurden an die 50 Bilder ausgesucht und an Akademiker_innen, Intellektuelle und andere Menschen aus Kurdistan oder der Türkei weitergeleitet. Diese haben Gedichte oder kurze Texte zu den Bildern geschrieben. Aus den Bildern und den Texten wurde ein dreisprachiger Bilderband zusammengestellt, auf Kurdisch, Türkisch und Englisch. Er wird auf Veranstaltungen verkauft, zur finanziellen Unterstützung des Vereins. Die zwei Fotos hier im Raum gehören auch dazu.
Uns geht es darum, jede Dimension der Armut in Amed öffentlich zu machen, die Leute dafür zu sensibilisieren und uns als Verein zum Ansprechpartner für Solidaritätsarbeit zu entwickeln. Es ist ein Modell. Dieses Modell muss man auf alle Lebensbereiche und Dimensionen der Armut, der Armutsbekämpfung ausdehnen. Armut ist ein sehr sensibles Thema. Der Staat und die Politik versuchen daraus ihren Nutzen zu ziehen. Dagegen muss eine Alternative aufgebaut werden. Das ist keine einfache Arbeit, aber eine sehr wichtige, wenn es darum geht, einen Lösungsweg zu entwickeln.“

Es folgt eine längere Passage aus dem Interview vom Oktober 2011:

Wie ist eure Organisationsstruktur und wie stellt ihr euch den Aufbau eines Solidaritätszentrums konkret vor?
Es gibt 15 Vollzeitmitarbeiter_innen, die hier und in der Lebensmittelbank für den Verein arbeiten. Daneben gibt es Projektgruppen und Personen, die auf freiwilliger Basis die Projekte unterstützen. Das können Leute sein, die halbtags arbeiten oder uns einen Tag im Monat oder in der Woche unterstützten. Insgesamt sind es über 100 Leute, die hier Vollzeit oder auf freiwilliger Basis mit uns arbeiten. Zu den Entscheidungsbefugnissen innerhalb des Vereins: Es gibt einen Vorstand, der aus 14 Personen besteht. Aber jedes Projekt hat zusätzlich noch seinen eigenen Vorstand und fällt seine eigenen Entscheidungen. Die werden dann durchgewunken vom Hauptvorstand. Moment gibt es allein in Diyarbakιr 6.000 Personen, die den Verein jeden Monat mit Geld und Sachspenden an den Verein unterstützen. Wir legen Wert auf kontinuierliche Unterstützung, auch wenn sie gering ist, denn nur so können wir eine kontinuierliche Arbeit leisten.

Bekommt ihr auch Geld von Institutionen und Vereinen?

Wir werden auch von Institutionen und Vereinen wie dem Lehrerverband und der Anwaltskammer unterstützt. Uns ist es aber wichtig, das Verantwortungsbewusstsein des Einzelnen zu erreichen und die Bürger_innen dazu zu bringen, sich mit den armen Menschen in dieser Stadt zu solidarisieren. Damit z. B. Lehrer_innen, Anwält_innen, Ärzt_innen, also Personen, die ein regelmäßiges und gutes Einkommen haben, sich dafür verantwortlich fühlen, die Armut in ihrer Stadt zu bekämpfen.

Wie erreicht ihr die Einzelpersonen?
Eine unserer Kampagnen lautet: „Öffnet nicht die Hände zum Betteln, sondern lasst uns einander die Hände reichen.“ Damit soll das Verantwortungsbewusstsein der Menschen angesprochen werden, die die Projekte unterstützen können. Die Unterstützung durch die Institutionen besteht darin, dass sie ihre Arbeiter_innen oder Mitglieder versammeln, um ihnen das Modell von Sarmaşιk zu erklären. So werden sie sensibilisiert. Viele unterstützen auf finanzieller Basis bestimmte Projekte mit. Wir benötigen für manche Aufgaben auch Freiwillige. Wenn wir bei den Institutionen darum bitten, versuchen sie, dafür Leute zu organisieren.

Wie sieht es mit der Zusammensetzung von Frauen und Männern bzw. jung und alt aus?

Es ist sehr gemischt, wir sind keine männliche Organisation. Im Vorstand sind vier Frauen, bei anderen Projekten ist es noch ausgeglichener. Im Bildungsbereich etwa sind ca. 50 Prozent Frauen. Bei der Lebensmittelbank ist eine Frau die Verantwortliche. Wir sehen es auch als sehr wichtig an, weil Frauen die Probleme von Frauen besser verstehen. Die freiwilligen Unterstützer_innen sind vor allem Student_innen und junge Lehrer_innen. Aber es gibt auch Rentner_innen, die Vollzeit in der Lebensmittelbank arbeiten. Es sind Leute aus allen Schichten. Wenn beispielsweise jemand aus dem Vorstand einer Bank sagt, er möchte uns unterstützen, dann kann es sein, dass wir ihm einen Ordner in die Hand drücken und sagen: „Geh in dieses oder jenes Armutsviertel, sprich mit den Familien und verfass für uns einen Bericht.“ Es ist sehr gemischt und bunt.

Inwieweit ist der Verein in die Strukturen der Demokratischen Autonomie, in den Stadtrat, den Demokratischen Gesellschaftskongress (DTK) usw. eingebunden?
Es geht bei der Autonomie zusammengefasst darum, dass die Kurd_innen mit eigener Kraft ihr eigenes System aufbauen, ihre eigenen Bedürfnisse stillen und ihre eigenen Probleme lösen. Das ist zusammengefasst das, was mit der Autonomie bezweckt wird. Sarmaşιk nimmt da einen bestimmten Platz ein, weil eines der dringendsten Probleme des Kurd_innen die Armut und der Hunger ist. Eine der wichtigsten Herausforderungen für die kurdische Bevölkerung ist es, ein eigenes wirtschaftliches System aufzubauen, um die wirtschaftlichen Probleme selbst lösen zu können.1 Wie gesagt, wir sind mitten in einer Kriegsphase und dieser Krieg hat der Bevölkerung und der Regierung sehr große wirtschaftliche und ökonomische Schäden zugefügt. Innerhalb dieser Phase ist es zu einem Übergang gekommen von einem auf Ackerbau und Landwirtschaft basierenden Dorfleben zu einem Stadtleben. Die Leute wurden in die Städte vertrieben oder mussten zwangsweise in die Städte migrieren. Das hat große Armutsprobleme mit sich gebracht.

„Unser Ziel ist es, die Abhängigkeit vom Staat zu brechen.“

Aufgrund der wirtschaftlichen Probleme sind die Kurd_innen derzeit gewissermaßen vom Staat abhängig. Unser Ziel ist es, diese Abhängigkeit zu brechen. Genau an dem Punkt setzt – wie auch die Demokratische Autonomie – unser Verein an, weil eben die arme Bevölkerung immer auch eine Bevölkerungsschicht ist, mit welcher der Staat spielen und die von ihm instrumentalisiert werden kann. Wir wollen dem Staat diese Grundlage entziehen, damit die Bevölkerung nicht mehr benutzt werden kann, sondern im Gegenteil ihren freien Willen behalten und sich gerade bei Wahlen, frei entscheiden kann. Der Staat verliert im politischen Bereich, das steht außer Frage. Auch im militärischen Bereich verliert er gegen den Widerstand. Der einzige Bereich, in dem er noch etwas zu bewegen versucht, ist der wirtschaftliche, also letztlich der soziale Bereich. Deswegen sieht der Staat auch gerade unseren Verein als gefährlich an, vielleicht als genauso gefährlich wie eine politische Partei. Der Staat versucht, uns zu verbieten. Zuletzt hat er uns verboten, eigene Büroräume anzumieten. Vielleicht ist der beste Beweis für die Bedeutung unsere Arbeit für die Entwicklung der Demokratischen Autonomie, dass wir zur Zielscheibe werden.

„Wir nehmen keine Unterstützung von Organisationen wie dem IWF oder der EU.“

Euer Ziel ist, eine kommunale Unterstützung aufzubauen, ihr sagtet, dass ihr keine Unterstützung von außen möchtet. Gibt es andere Formender Unterstützung von außen? Durch internationale Solidarität etwa, durch Gruppen oder Vereine, die ähnlich arbeiten, die Öffentlichkeitsarbeit machen und mit denen ein Austausch besteht?
Ich betrachte das nicht als Widerspruch keine Unterstützung von internationalen Institutionen anzunehmen, aber die von Leuten aus dem Ausland zu erhalten. Denn es gibt Leute, die solidarisch mit der kurdischen Bevölkerung sind und die Lösung der Probleme unterstützen wollen. Die Unterstützung dieser Personen sehen wir als sehr wichtig an. Wir wollen keine Unterstützung von der EU, dem IWF oder der Weltbank. Das sind Institutionen von Staaten, deren Mittel vor allem an den Staat geht, also an Ankara. Der türkische Staat versucht, den Verein auf seine Linie zu bringen. Weil wir uns darauf nicht einlassen, sind wir von einer Unterstützung ausgenommen.

Türkische Regierung verteilt EU Hilfsgelder an eigenes Klientel.

Wie gesagt, der Schwerpunkt liegt auf Unterstützung und Solidarität innerhalb der Bevölkerung von Diyarbakιr, aber wir sind nicht verschlossen gegenüber Unterstützern von außen, wenn sie sich solidarisieren und mit anpacken. Im Rahmen des Beitrittsprozesses der Türkei in die EU gibt es Unterstützungsgelder und Töpfe, die eigentlich zur Verfügung stehen. Aber bei der Verteilung dieser Gelder gibt es ein ganz großes Problem. Die EU leitet diese Gelder über die Zwischeninstanz eines türkischen Ministeriums an die NGOs weiter. Und es wird natürlich nicht gleichmäßig weitergeleitet. Wenn wir uns beispielsweise anschauen, welche finanziellen Unterstützungen die NGOs in Kurdistan im Vergleich zu den NGOs in der Westtürkei erhalten, weiß man nicht, was man damit anfangen soll. im Vergleich ist es lächerlich. Darin besteht letztlich das Problem.

Trotz Repression können wir eine kontinuierliche Ausweitung der Arbeit von Sarmaşιk feststellen.
Viele Aspekte der Arbeit des Vereins Sarmaşιk sind schon im Interview benannt worden. Einige Teilnehmer_innen der Reise verfolgen die Arbeit des Vereins Sarmaşιk schon seit 2008 und können trotz der Repressionen eine sehr positive Entwicklung feststellen. So unterstützt der Verein mittlerweile mehr als 20.000 Personen und hat sein 2008 formuliertes Ziel von 3.000 Familien mit 3.150 schon weit überschritten. Mit zunehmender ökonomischer Not wird leider auch die Arbeit von Sarmaşιk durch die türkische Regierung eingeschränkt. Die Regierung bezeichnet alle, die von Sarmaşιk Hilfe beziehen, häufig als „Terrorist_innen“ und versucht darüber den Verein zu kriminalisieren. Der Verein unterstützt aber nicht nach politischen Kriterien, sondern nach Armutskriterien. Mit dieser Beschuldigungen soll nicht nur die Arbeit des Vereins behindert, sondern Menschen davon abgeschreckt werden, Hilfen zu beziehen, um sie in tiefere Abhängigkeit zum Staat und der AKP zu bringen. Beispielsweise wurde im Januar 2012 eine Strafe von 862 Türkische Lira für jedes Führungsmitglied von Sarmaşιk verhängt, weil der Verein eine Hilfskampagne für die Erdbebenopfer von Wan initiiert hatte – unter dem Vorwand, die Mitglieder hätten damit gegen Gesetze verstoßen. Weiterhin wurden 76.000 Lira Hilfe für die Erdbebenopfer vom Staat eingefroren. Dies sind nur einige Beispiele für Hindernisse, die tagtäglich emanzipatorischen Initiativen in der Türkei und den kurdischen Gebieten in den Weg gelegt werden.

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