demokratische autonomie in nordkurdistan Rätebewegung, Geschlechterbefreiung und Ökologie in der Praxis

demokratische autonomie in nordkurdistan

3.7 şikefta – im schatten des ιlisu staudamms

In der Nähe der Kleinstadt Heskîf (Hasankeyf) liegt im Schatten eines Gendarmarie Stützpunktes das kurdische Dorf Şikefta (Suçeken), auf Kurdisch Höhle. Şikefta ist eines der wenigen Dörfer, die schon seit Ende der 1970er Jahre kollektiv organisiert sind.
Die Geschichte des Dorfes ist eng mit der kurdischen Frage verknüpft und führt uns weit zurück zum Beginn des kurdischen Freiheitskampfes unter der Führung der PKK. Es ist eine besondere historische Entwicklung, die zu der basisdemokratischen Dorfstruktur führte. Damals traten die Bürgermeister_innen aus der kurdischen Bewegung als unabhängige Kandidat_innen an. In der Region Elîh (Batman) wurde ein linker kurdischer Revolutionär 1979 zum Bürgermeister gewählt, kurz nach seiner Wahl aber von staatlichen Kräften ermordet. Das Dorf Şikefta hatte den unabhängigen Kandidaten entschlossen unterstützt.
Daraufhin kam es zu Repressionen von Seiten der Großgrundbesitzer gegen die Dorfbevölkerung. Insgesamt 22 Menschen starben bei darauffolgenden Auseinandersetzungen. Die Bevölkerung des Dorfes floh in Höhlen und organisierte dort ein kollektives Leben. Ende der 1970er Jahre kehrte die Bevölkerung von Şikefta zurück in ihr Dorf. Doch dann holte sie der Militärputsch vom 12. September 1980 ein und verwandelte ihr Dorf in ein wahres Folterzentrum. Die Menschen wurde systematisch bedroht und misshandelt. In den 1980er und 90er Jahren sollte die Dorfbewohner_innen immer wieder dazu gezwungen werden, als Kollaborateur_innen oder Dorfschützer_innen für den Staat zu arbeiten. Weder das eine noch das andere akzeptierte die Dorfbevölkerung und leistet bis heute Widerstand. Auch ein Großgrundbesitzer, der wie ein Feudalherr über das Land herrschte, kapitulierte vor dem Widerstand der Bevölkerung und verließ den Ort.
Das Dorf stand lange Zeit unter einem Lebensmittelembargo, was bedeutete, dass nur geringe Mengen an Getreide und anderen Lebensmitteln ins Dorf gebracht werden durften. Dazu kommt, dass im Rahmen der Repression in den 1990er Jahren viele Dorfbewohner_innen von staatlichen oder parastaatlichen Kräften ermordet wurden. Trotz alledem hat Şikefta es geschafft, sein Leben als Kommune immer weiter zu entwickeln. So legen die Dorfbewohner_innen ihre Einkünfte zusammen und führen das Dorf als Kollektiv auf solidarischer Basis. Die landwirtschaftliche Produktion wird kollektiv betrieben, jenseits von Großgrundbesitz- oder Kleinbauerntum. Sie betreiben zudem zusammen eine Firma zum Sandabbau. Alle Mitarbeiter_innen sind versichert und bekommen ein festes Gehalt. Das Dorf besitzt einen kollektiven Minibus, ein neues Gemeinschaftszentrum und Versammlungshaus wird gerade gebaut. Die kollektiven Errungenschaften erstrecken sich aber nicht nur auf ökonomische und infrastrukturelle Aspekte. Die kurdische Freiheitsbewegung mit ihrer Schwerpunktlegung auf die Frauenbefreiung hat in Şikefta zu einem Geschlechterverhältnis geführt, welches sich deutlich von anderen Dörfern in der konservativen Region Elîh (Batman) unterscheidet. So erklären die Frauen selbst, sie lebten gleichberechtigt mit den Männern und es gäbe keine Geschlechterhierarchie. Deutlich werden diese Ansätze z. B. darin, dass Frauen ohne die sonst oft obligatorische Erlaubnis des Ehemannes verreisen, um beispielsweise an Aktionen teilzunehmen. Auch spielt sich das Leben der Frauen in Şikefta auf der Straße ab, sie sind spürbar Teil des öffentlichen Lebens. Die Frauen entscheiden gleichberechtigt in der Dorfratsversammlung und haben beispielsweise dafür gesorgt, dass die Mehrfach- und Zwangsehe in ihrem Dorf illegal sind. In unseren Gesprächen mit Teenagern im Dorf wird auch deutlich, dass für sie das Leben in dem kollektiven Dorf auf jeden Fall dem Stadtleben vorziehen.
Doch das Dorf ist vom Ilisu Staudamm bedroht.1 Sollte dieser fertig gebaut werden, drohen große Teile des Dorfes überflutet und damit Şikefta zerstört zu werden. Das macht uns noch einmal deutlich, dass der Kampf gegen den Ilisu Staudamm nicht nur ein Kampf für den Erhalt unwiederbringlicher historischer Werte ist. Dadurch dass zehntausende Menschen ihre Heimat verlassen müssten, sollen auch soziale Werte – wie im kollektiven Dorf Şikefta gelebt – vernichtet werden

  1. Vgl. Aktuelle Aktivitäten im Umweltbereich []

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