demokratische autonomie in nordkurdistan Rätebewegung, Geschlechterbefreiung und Ökologie in der Praxis

demokratische autonomie in nordkurdistan

3.8 eine dorfkommune bei gewer

2007 haben sich die Bewohner_innen eines Dorfes in der Nähe von Gewer (Yüksekova) entschieden, eine Kommune aufzubauen, die Vorbildcharakter in der Region haben sollte. Zu Beginn führten sie untereinander viele Gespräche und holten sich zudem Meinungen und Hilfestellung von außerhalb ein. Drei Faktoren waren für die Dorfbewohner_innen innerhalb des Diskussionsprozesses ausschlaggebend: Die Verteidigungsschriften von Abdullah Öcalan, die historischen Erfahrungen der kurdischen Bewegung und europäische Erfahrungen mit kommunalem Leben.

Diejenigen, die in der Kommune mehr Verantwortung übernehmen wollten, organisierten sich im Dorfrat und begannen die Kommune und das gemeinsame Dorfleben aufzubauen. Die Dorfräte bestehen meist aus 20 bis 70 Personen, je nach Größe des Dorfes. In der Regel haben die Dörfer der Region 20 bis 120 Häuser. Bei einer Größe von 100 Häusern sind etwa 30 bis 40 Personen im Rat vertreten. In manchen Familien wird auch nur eine Person bestimmt, die sie im Rat vertritt. Momentan gibt es in der Kommune drei Sprecher_innen, die den Rat nach außen vertreten.

Nach wie vor gibt es Privateigentum in der Kommune, die Häuser und die Gärten gehören den einzelnen Familien. Doch es gibt nicht mehr nur eine Familie, die das gesamte Land besitzt und über seine Nutzung bestimmt. Mittlerweile werden in der Dorfkommune viele Flächen gemeinschaftlich von den Dorfbewohner_innen genutzt und bewirtschaftet. Der Aufbau dieser kommunalen Nutzung war zu Beginn mit verschiedenen Problemen verbunden. Einige Familien konnten erst mit Hilfe des Stadtrates vom Aufbau eines kommunalen Lebens überzeugt werden.

Die Dorfkommune hat ihr eigenes Regelwerk. Wenn ein Mann beispielsweise eine zweite Frau heiratete, würde er sozial isoliert werden. Die höchste Strafe ist der Ausschluss aus dem Dorf. Insgesamt kommt es jedoch selten vor, dass Familien sich nicht am Kommuneleben beteiligen. Die meisten wissen die kommunalen Strukturen zu schätzen. Der Gedanke der gegenseitigen Unterstützung war dafür ausschlaggebend und hat viele Familien überzeugt. Ein Beispiel: Vor ein paar Jahren haben die Dorfbewohner_innen einer Frau, deren finanzielle Situation sehr schlecht war, weil ihr Ehemann ins Gefängnis gekommen ist, ein Haus gebaut, um sie zu unterstützen.

Die Zusammensetzung des Dorfrates ist heute bunt gemischt: Frauen, Kinder und Männer verschiedener Altersgruppen organisieren sich im Dorfrat. Es gibt keine Altersbeschränkung. Bei der Organisation der letzten Newroz-Feierlichkeiten haben schon Sieben- bis Achtjährige mitgewirkt. Um traditionellen Rollenverteilungen entgegenzuwirken, wurde eine Frauenquote eingeführt. Bei Abwesenheit aller Frauen darf beispielsweise nicht getagt werden. Die Beseitigung von Problemen, die vor allem Frauen betreffen, wie Polygamie, physische Gewalt und Ausschluss aus dem ökonomischen Leben, spielt im Dorf eine große Rolle. Solche Probleme widersprechen dem Gedanken und den Prinzipien einer Kommune und werden über die Strukturen des Dorfrates versucht zu lösen. Im Dorfrat wurden nach und nach mehrere Kommissionen, z. B. Gesundheit, Ökonomie, Sport und Kultur, eingerichtet. Ihre Mitglieder und Vertreter_innen werden für ein Jahr gewählt und berichten alle sechs Monate über ihre Aufgabenbereiche. In diesen Zwischenberichten werden Probleme und Mängel benannt und Lösungswege vorgeschlagen, die in den darauffolgenden sechs Monaten umgesetzt werden sollen. Wenn eine Person ihren Aufgabenbereich nicht zufriedenstellend ausführt, kann sie abgewählt werden.

Im Dorf hat sich seit der Gründung der Kommune und dem Aufbau des Dorfrates einiges verändert und verbessert. Beispielsweise gibt es heute keine Fälle mehr von Polygamie und Gewalt gegen Frauen. Denn die Frauen und alle Dorfbewohner_innen wissen, dass sie zum Dorfrat gehen und den Fall schildern können. Schon bei früheren Beschwerden über häusliche Gewalt wurde versucht, das Problem im Dialog zu lösen und in manchen Fällen der Ältestenrat hinzugezogen. So hat sich im Laufe der Zeit eine ablehnende Haltung im Dorf gegenüber Gewalt gegen Frauen entwickelt. Des Weiteren konnten das Wildern von Tieren und die wilde Abholzung gestoppt werden. Eine Bibliothek gibt es zum Bedauern der Dorfbewohner_innen noch nicht, aber vermehrt Bildungsangebote zu verschiedenen Themen, von Gesundheit über kurdische Sprache bis hin zur historischen Entwicklung von Kommunen. Nach wie vor holen sich die Dorfbewohner_innen Hilfe und Expertise von außen ins Dorf. Vor kurzem hat eine Gruppe von Ärzt_innen einzelne Dorfbewohner_innen zu den Themen Erste Hilfe, Frauen- und Kinderheilkunde unterrichtet. Diese geben in ihrer Funktion als Multiplikator_innen ihr erworbenes Wissen an die anderen Dorfbewohner_innen weiter.

In die Stadt zu ziehen, kann sich kaum eine Familie vorstellen. Die Landschaft sei zwar nicht die schönste und im Dorf existieren immer noch einige Probleme, doch durch die Kommune ist „das Leben hier wieder wertvoll geworden“, so eine Dorfbewohnerin. „Probleme können nicht durch einen Staat gelöst werden. Lösungen werden nur über konkrete Projekte gefunden und das Kommuneleben kann in der Demokratischen Autonomie gelebt werden.“

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