demokratische autonomie in nordkurdistan Rätebewegung, Geschlechterbefreiung und Ökologie in der Praxis

demokratische autonomie in nordkurdistan

1 vorwort

Im September 2011 fuhr eine zehnköpfige Gruppe nach Nordkurdistan (Südosttürkei) mit dem Ziel, mehr über die Praxis des Demokratischen Konföderalismus zu erfahren. Die meisten Teilnehmer_innen sind Aktivist_innen der Kampagne TATORT Kurdistan oder anderweitig mit der Politik der kurdischen Freiheitsbewegung vertraut. Anlass der Reise war es zu recherchieren, wie die Idee des Demokratischen Konföderalismus – der in einigen deutschsprachigen Publikationen in der Theorie beschrieben ist – vor Ort umgesetzt wird.

Auch wir, die Mitreisenden, fuhren mit einer recht vagen Vorstellung darüber los, wie der Aufbau einer demokratischen, ökologischen und geschlechterbefreiten Gesellschaft im türkischen Teil von Kurdistan angegangen wird und welche Strukturen und Projekte in diesem Zusammenhang bereits existieren oder aktuell aufgebaut werden. Für uns stellten sich dabei insbesondere Fragen nach den Schwerpunkten, den Schwierigkeiten und den weiteren Perspektiven.

Während unseres zehntägigen Aufenthalts bereisten wir in eiligem Tempo die Städte Amed (Diyarbakιr), Êlih (Batman), Dêrsim (Tunceli), Colêmerg (Hakkari), Gewer (Yüksekova) und Wan (Van). Die Auswahl unserer Interviewpartner_innen hatten wir im Vorfeld grob festgelegt, mussten dann aber vor Ort unsere Pläne sehr flexibel den durch den Kriegszustand erschwerten Bedingungen anpassen. Ein Teil unserer potentiellen Ansprechpartner_innen war bereits im Zuge der seit 2009 andauernden Festnahmewelle im Gefängnis, die verbliebenen einem unglaublichen Arbeitspensum und Repressionsdruck ausgesetzt. Dennoch nahmen sich einige Zeit für uns. Von den meisten Interviews konnten wir Tonaufnahmen machen und sie später transkribieren, aber insbesondere in der Region um Colêmerg und Gewer war es der ausdrückliche Wunsch unserer Interviewpartner_innen, auf solche Aufnahmen aus Sicherheitsgründen zu verzichten und lediglich Notizen zu machen. Von Namensnennungen und Personenbeschreibungen haben wir daher in den meisten Fällen abgesehen. Aktivist_innen und zivilgesellschaftliche Gruppen, die sich innerhalb der Rätestrukturen organisieren, sind aufgrund der staatlichen Kriminalisierung mittlerweile dazu gezwungen, eher im Untergrund zu agieren. In der Zwischenzeit sind auch einige unserer Gesprächspartner_innen verhaftet worden.

Gelungen ist uns so eine Momentaufnahme, dokumentieren konnten wir Ausschnitte der aktuellen Situation und Praxis der kurdischen Freiheitsbewegung. Dabei sind selbstverständlich viele Punkte offen geblieben. Relevante Fragen, z. B. zu einer möglichen Landreform, waren in den Interviews kein Thema. Vieles wird noch intern debattiert – darauf wurde an mehreren Stellen verwiesen. Eine tiefergreifende Analyse bedarf in jedem Fall eines weitaus strukturierteren und auch längeren Besuches.

Von außen betrachtet wirkten die von uns besuchten Regionen sehr bewegt, eine zivilgesellschaftliche Gegenmacht ist deutlich spür- und sichtbar. Wir hoffen, dass dieses Gegenmodell der vehementen Repression von Seiten der türkischen Regierung in Zukunft standhalten kann. Hinsichtlich der Gesamtsituation in den kurdischen Gebieten stellen die hier entstandenen Strukturen einen wichtigen Anfang dar. Sie bilden einen Beginn, sind jedoch (noch) nicht an einem Punkt angelangt, der eine autonome Lebensform jenseits der bestehenden staatlichen und wirtschaftlichen Strukturen ermöglicht. Dies ist angesichts der verhältnismäßig kurzen Zeit des Aufbaus der Demokratischen Autonomie und der politischen Unterdrückung auch nicht anders denkbar.
Eine weiterführende Diskussion über die Idee und Praxis des Demokratischen Konföderalismus halten wir für sinnvoll und wünschenswert – sowohl hinsichtlich seines Beitrags für neue Perspektiven linker Bewegungen als auch angesichts fehlender gesellschaftlicher Utopien.

In diesem Sinne, viel Spaß beim Lesen!

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