demokratische autonomie in nordkurdistan Rätebewegung, Geschlechterbefreiung und Ökologie in der Praxis

demokratische autonomie in nordkurdistan

5.1 die kooperative „ax û av“ aus wêranşar

Als erstes Beispiel einer Kooperative im Sinne der kurdischen Bewegung dient dieses Interview mit einem Aktivisten der Kooperative „Ax û Av“ (dt. „Erde und Wasser“) aus dem Ort Wêranşar (Viranşehir) südlich von Amed (Diyarbakιr). Die Kooperative beschäftigt sich seit 2011 mit dem kollektiven Bau von Wohnraum und der Generierung von Finanzmitteln durch Produktion und Verkauf von eingekochten Gurken und anderem Obst und Gemüse.

Das Interview fand im Sümer Park in Amed im Rahmen des 2. Mesopotamischen Sozialforums (MSF) 2011 statt. Im Hintergrund wird von etwa zehn Frauen und Männern gemeinsam ein Haus in Stampflehm-Bauweise gebaut.

„Wir wollen nicht nur diskutieren, sondern aktiv werden!“

Wofür wird dieses Haus hier gebaut? Hat es eine Funktion oder ist das ein Demonstrationsobjekt?
Unser Projekt „Ax û Av“ beabsichtigt, in der Region eine ökonomische Politik zu etablieren, die auf demokratischer Partizipation basiert. Unsere Arbeit ist im DTK [Demokratischer Gesellschaftskongress] vertreten und natürlich auch Teil der politischen Bewegung in der Region. Aufgrund dessen ist sie auch nicht frei von der regionalen Dynamik. Wir versuchen, mit dem Projekt einen Beitrag zum neuen Paradigma, dem Demokratischen Konföderalismus, zu leisten. Nach den Prinzipien: Gleichheit, Geschlechterbefreiung, ökologisches Leben und Demokratie. Wir haben hier am MSF und auch am ökologischen Forum, das dieses Jahr im Januar stattgefunden hat, teilgenommen. Die meisten Menschen sind mit dem aktuellen System unzufrieden, glauben aber nicht daran, etwas beitragen zu müssen, um es zu verändern. Sie haben Erwartungen, tun aber nichts dafür. Wir wollen nicht nur diskutieren, sondern auch praktisch aktiv werden! Auch hier auf dem MSF. Das ist auch ein Zeichen gegen den Kapitalismus und die Konsumgesellschaft. Wir sagen, dass wir etwas selbst aufbauen und von dem selbst Erarbeiteten leben möchten. Aus diesem Gebäude konkret wird wahrscheinlich ein Arbeitsgebäude, wo Projekte ausgearbeitet werden können oder dass auch zum Eigenbedarf genutzt werden kann. Dieses Projekt ist nicht nur für Kurdistan gedacht, sondern kann überall aufgebaut werden. Es wird ein breit gefächertes Solidaritätsnetzwerk aufgebaut, z. B. haben wir Kontakte in die Schwarzmeerregion und nach Istanbul aufgebaut, die mit Tee handeln oder T-Shirts herstellen. Überall auf der Welt gibt es Projekte, die Dinge selbst herstellen und so soll dieses Projekt dazu dienen, ein internationales Netzwerk für selbst produzierte Waren aufzubauen.

Wie ist die Arbeit hier im Projekt im Sümer Park organisiert? Wer arbeitet hier?
Das Baugelände hier ist besetzt. Das Haus steht auf einer Fläche des Sümer Parks, der von der EU, dem Gouverneur von Amed und der Stadtverwaltung initiiert und aufgebaut wurde, in „Europa-Zusammen-Kooperations-Trallala“. Deswegen war die Stadtverwaltung auch nicht unbedingt begeistert, als das Kollektiv hier ein Haus gebaut hat, nicht weil sie gegen das Projekt ist, sondern weil es jetzt erst einmal eine Untersuchung gibt.

Aber dieses Gelände gehört der Stadtverwaltung?
Also es gehört schon der Stadt, nicht der Stadtverwaltung. Der Name Sümer kommt von dieser Fabrik „Sümer-Teppich“, die es hier gab. Das Gelände war an die Provinz gegangen und der Gouverneur hat es dann der Stadtverwaltung übergeben. Vor vier Jahren wurde das Park-Projekt begonnen, mit diesen komischen Beton-Stelen hier. Es wurden auch mehrere Bäume gefällt und ein Rasen mit einer Sorte Gras gepflanzt, von der wir nicht mal wissen, wo sie herkommt. Dieser Park ist eigentlich ein zerstörter Platz, auch wenn es so schön aussieht. Wir denken, dass es nicht bei diesem Haus bleiben wird, sondern dass es nur unser erstes Projekt in Amed sein wird.

Wohnraum demokratisch gestalten.


Wie sieht das eigentliche Projekt in Wêranşar denn genau aus?

Wir haben ein Gelände etwa so groß wie der Sümer Park [Der Park ist vielleicht 4,5 Hektar groß und das Haus, das sie bereits gebaut haben, hat etwa 45 Quadratmeter Grundfläche]. Das Ziel ist es, 48 Häuser aufzubauen. Zurzeit werden zehn Häuser aufgebaut, die dann im November bezogen werden. Sie sind so konstruiert, dass sie sich in Sechserreihen gegenüberstehen, eine Art Sechser-Familien-Kollektiv. Jede Familie hat ein Haus mit 140 Quadratmeter für sich und zusätzlich noch einmal einen 90 Quadratmeter Garten. Wir hatten eigentlich vorgeschlagen, die Häuser nur 90 Quadratmeter groß zu bauen, aber die Familien wollten 140 Quadratmeter oder mehr. Und deswegen haben sie es auch so gemacht. Zwischen und um jeweils sechs Häuser ist dann noch 450 Quadratmeter Platz eingeplant für einen Kinderspielplatz, Landwirtschaft oder was auch immer. Es gehört dann alles, was sie auf diesen 450 Quadratmeter haben, diesem Sechser-Kollektiv.

Wer stellt die Grundstücke? Sind die besetzt?
Die Grundstücke sind nicht besetzt. Es wird besetzte Häuser geben, wenn sich das Projekt entwickelt. In Bezug auf Wêranşar ist es aber so, dass es eine Fläche der Stadtverwaltung war, eine offizielle Grünfläche, wo sie Schulen, ein Wirtschaftszentrum oder einen Park einrichten wollten. Nachdem die Idee geäußert wurde, dort das „Ax u Av“-Kollektiv aufzubauen, hat die Stadtverwaltung das unentgeltlich an dieses Kollektiv abgegeben. Aber das Kollektiv will die Kosten trotzdem übernehmen, d. h. sie werden arbeiten und die Schulden abarbeiten, indem sie selbst Angebautes wie z. B. Gurken verkaufen. Mit dem Geld ihrer Produkte wollen sie dann die Rechnungen begleichen. Außerdem haben sie der Stadtverwaltung angeboten, Dienstleistungen, d. h. einfache Stadtverwaltungsarbeiten, zu übernehmen, um so statt einer Entlohnung die Kosten abzuarbeiten. Die Stadtverwaltung in Wêranşar wollte zuvor eine Ökologieakademie aufbauen. Die Menschen haben dann vorgeschlagen, dass sie diese Akademie für Ökologie auf eigene Kosten bauen, um somit einen Teil der Kosten abzubezahlen. Die Stadtverwaltung hat das akzeptiert und jetzt werden sie im Oktober beginnen zu bauen.

Wie lange dauert es, so ein Haus zu bauen?
Die Konstruktion der Grundstruktur des Hauses dauert in der Regel so etwa 15 Tage. Es kann sich manchmal auch verlängern, wenn Leute außerhalb arbeiten oder anderweitig unterwegs sein müssen, und so nicht mitarbeiten können. Wenn alle sich beteiligen und mit nichts anderem beschäftigt sind, 15 Tage.

Wie teuer ist so ein Haus in den Materialkosten?
Für die Familien, die beim Projekt in Wêranşar mitmachen, ist es natürlich nicht leicht, das Haus zu finanzieren, auch wenn der Preis nicht wirklich hoch ist. Wenn man das vergleicht: Eine einzige Wohnung [in einem normalen Haus] kostet in Wêranşar ca. 15 Milliarden Lira. Davon kannst du zehn dieser Häuser bauen. Dennoch ist selbst die Finanzierung dieser Häuser für unsere Familien wirklich nicht einfach. Aber sie haben ein Solidaritätsnetzwerk von Freund_innen aufgebaut, die Material spenden oder hier und da mal unterstützen. Es handelt sich ja um ein Kollektiv, das sich gegenseitig unterstützt. Wir sind nur mit einer Idee nach Wêranşar gekommen, nicht als Projektleiter oder Ingenieure, sondern einfach nur Typen mit einer Idee. Wir sind nur mit Fleiß und Bemühungen an die Sache herangegangen. Die Leute dort hatten Erwartungen an uns bezüglich des Aufbaus der Häuser. Und nun haben wir Erwartungen an die Leute, eine Art Gegensolidarität, damit wir dieses Haus hier im Sümer Park bauen können. Ein Geben und Nehmen.

„Die Kooperative besteht aus allen Familien, die dort leben.“

Es wird oft gesagt, es sei ganz wichtig, dass die Häuser so aussehen wie „normale“ Häuser, nicht wie „Lehmhäuser“, um die Leute zu motivieren, überhaupt bei dem Projekt mitzumachen. Wie ist da deine Meinung dazu?
Es gibt leider eine Modernitätskrankheit, man will immer modern sein und hat ein Verlangen nach Aktualität und Oberflächlichkeit. Das gibt es jetzt auch schon hier in Amed, was man an den ganzen neuen Hochhausbauten und Baustellen hier sieht. Das gibt es aber auch in Paris oder in jeder Stadt in Deutschland. Das läuft überall mit derselben Philosophie. Wir denken, dass es zerstörerisch gegen die Natur, die Natürlichkeit des Menschen und sein Umfeld ist. Die Menschen sehen in den Medien, im Fernsehen, in den ganzen Serien Menschen, die schöne Häuser haben. So wird ihnen vorgegaukelt, was sie besitzen sollen. Damit die Leute des Projektes sich nicht minderwertig fühlen, werden die Häuser dementsprechend etwas angepasst, so dass sie Ähnlichkeiten haben. Aber sie unterscheiden sich auch ganz wesentlich darin, dass sie schöner werden, angenehmer und vor allem günstiger, auch was die Betriebskosten wie z. B. Heizkosten betrifft.
Außerdem muss man auch beachten, dass die Leute hier nicht diese Appartement-Nachbarschaft kennen. Sie kennen die kommunale und demokratische Nachbarschaft, manchmal mehr, manchmal weniger und auf diese demokratische Nachbarschaft wollen wir hinarbeiten: Es sollen nicht zwei, drei Familien jede für sich nebeneinander her leben, sondern es soll eine kommunale Solidarität entstehen, die es in Hochhäusern meist nicht gibt.
Vor allem Frauen hatten am Anfang Bedenken gegenüber Lehmhäusern, weil sie befürchteten, dass diese schmutziger sein würden, da sie aus Erde und Lehm gebaut werden. Natürlich hängt diese Angst auch mit dem Bild eines Hauses zusammen, das sie aus dem Fernsehen kennen. Aber nachdem sie diese Häuser besser kennengelernt haben, waren ihre Befürchtungen ausgeräumt. Aber ich möchte feststellen, dass die Frauen hierfür nicht schuldig oder verantwortlich sind. Die Männer wollen dafür stattdessen Garagen haben, Autoparkplätze oder andere Geschichten.

Wie ist denn die Situation mit Autos dort?
Viele haben Motorräder, weil Wêranşar sehr berühmt für seine Motorräder ist. Wir versuchen bewusst, die Straßen eng zu machen, so dass kein Anreiz entsteht, sich ein Auto anzuschaffen. Wir wollen nicht sagen: „Böse Autos! Kommt nicht rein!“ Aber es ist halt nicht unbedingt nötig. Und wenn es unbedingt nötig ist, dann kann man es weiter weg abstellen und bei Bedarf benutzen. Ein Auto ist so groß wie ein Zimmer und nimmt dementsprechend Platz weg. Wir wollen stattdessen lieber Spielplätze bauen. Das hört sich wie eine typische Bürgermeister- oder Stadtverwaltungs-Propaganda an. Aber wir können dafür wirklich besser andere Nutzflächen wie Äcker, Gärten oder Flächen für die Bevölkerung einrichten.

Werden in die Häuser auch sanitäre Einrichtungen eingebaut oder werden die außerhalb angelegt?

Wenn wir sagen, dass das Haus oberflächlich den anderen Häusern gleichen soll, dann soll es auch im Inneren eine ganz normale Struktur bekommen, wie z. B. eine Toilette. Der Unterschied ist, dass das demokratisch-ökologische Gleichgewicht eingehalten werden soll, d. h. dass der Bau demokratisch abläuft, etwa beim Aussuchen des Baumaterials, wie der Fliesen etc.

Was meinst du mit „demokratisch“?
In Bezug auf die Benutzung und bereits in der Planung des Baus soll demokratisch abgestimmt werden. Und zwar soll auch ein sechs Jahre altes Kind mit entscheiden können, aufwärts bis zu den Großeltern, ob sie etwas so oder so haben wollen. Wir versuchen, das kollektive und demokratische Verständnis durch Partizipation zu gewährleisten, z. B. indem man Kinder fragt, wie sie ihr Haus oder ihr Zimmer gerne hätten, und die Menschen etwas mehr einbezieht in die ganze Struktur. Wir haben aber dabei auch schon eine kleine Katastrophe erlebt: Wir, die mit der Idee kamen, sind Männer. Und deswegen hatten wir einmal das Problem, dass in einer hoch feudalen Region, wie Wêranşar auch, die Frauen meinten: „Das ist mein Platz, meine Küche, mein Gebiet! Da kommt keiner rein.“ Ich meine, ich fühle mich nicht in dem Recht zu sagen: „Nein! Das gehört nicht dir, das gehört allen. Da sind wir alle mit drin. Dementsprechend sollen alle daran teilhaben.“ Das ist schwierig zu sagen. Deshalb versuchen wir, das auf anderem Wege zu erklären, was natürlich bei ein paar türkischen Weiß-Feministinnen dazu geführt hat, zu sagen: „Ihr seid patriarchale Idioten. Ihr seid zwar ökologisch, aber ihr steckt die Frauen in die Küchen rein. Das ist eure Konsequenz.“

Was sind „Weiß-Feministinnen“?
Weiß-Feministinnen ist ein Begriff für eurozentristisch denkende Feministinnen. Das Problem hat sich aber gelöst. Bezeichnend dafür war, dass die Frauen, die das kritisiert haben, nicht mal in Wêranşar waren und es sich angeschaut haben. Sondern es wurde einfach von außen unsere veröffentlichte Nachricht kommentiert. Alles ist bloß im Internet abgelaufen. Aber wir haben das jetzt mit ihnen gelöst. Es wurde diskutiert und erklärt.

„Das Geld, was verdient wird, wird kollektiv aufgeteilt.“

Eine Frage zu den Besitzverhältnissen: Sind alle als Kollektiv organisiert? Bekommen alle den gleichen Lohn? Gibt es einen Chef? Sind die Arbeitsbedingungen kollektiv organisiert? Wird das Land oder Haus zu Privatbesitz oder bleibt es kommunales Eigentum?
Hier im Sümer Park sind sechs Familien aus Wêranşar, ich bin nicht von dort. Zu den Familien aus Wêranşar, die hier arbeiten, kommen noch sechs Freund_innen, die gerade auf dem Bau mitarbeiten. Der Rest sind Besucher_innen des Mesopotamischen Sozialforums, das gerade stattfindet. Sie helfen hier ab und zu mal ein paar Stunden. Den sechs Familien in Wêranşar wurde zwar Lohn angeboten, nachdem sie ihre Häuser fertig gestellt hatten, um die anderen Häuser mit aufzubauen. Aber die sagten: „Nein. Ihr habt ja auch nicht für Geld gearbeitet, seid ja auch hergekommen, habt hier so viel gearbeitet und wir werden jetzt auch mitarbeiten, ohne Lohn.“ Es ist eben eine Sache, die auf Solidarität basiert. Aber wenn Leute, die Geld haben, Interesse zeigen, ein Kollektiv mit aufzubauen, überlegen wir uns, ob sie die Materialien besorgen sollten. Oder, wenn alles etwas gefestigter ist, den Leuten einen gleichen Lohn zu bezahlen und kollektive Arbeitsbedingungen aufzubauen.
Zur Benutzung: Haus und Garten gelten als Lebensraum einer Familie. Das heißt aber nicht, dass es viele Klingeln gibt und die anderen nicht mal vorbeikommen dürfen. Nein, es ist so gemeint, dass es schon einen eigenen Lebensraum zur Entfaltung der familiären Dinge gibt, ein eigenes Haus, das man aufgebaut hat, oder einen eigenen Garten. Alles außerhalb des Hauses ist aber komplett kollektiv. Die Kooperative ist die Eigentümerin des Grundstücks und die Kooperative besteht aus allen Familien, die da leben. Wenn eine Familie ausziehen sollte, wird das Haus nicht verkauft an die, die neu einziehen, sondern es wird an diese abgegeben. Die 48 Delegierten der Familien, aus denen die Kooperative besteht, sind nur Frauen. Die Frauen sollen die Kooperative darstellen, nicht die Männer. 48 Familien, vertreten durch eine Person, und das ist eine Frau, egal ob Mutter, Tochter oder Großmutter. Aber noch etwas anderes zum Thema der erarbeiteten Produkte, die verkauft werden, und der Lohn-Frage: Das Geld, was verdient wird, wird kollektiv aufgeteilt. Aber es wird so aufgeteilt, dass die Familien, die auch für das verkaufte Produkt gearbeitet haben, das Geld erhalten. Die nichts gemacht haben, bekommen kein Geld.

Wird man eigentlich nur aufgenommen, wenn man mitarbeitet?
Nicht alle Lebensbereiche sind jetzt schon in diesem Kollektiv oder in dieser Stadt organisiert. Wir sind noch im Aufbau und daher arbeiten einige Familien noch außerhalb. Die Eigenproduktion ist nicht ausreichend, um alle zu versorgen und alle Ansprüche und Bedürfnisse zu decken. Wenn aber die Eigenproduktion so umfangreich wäre, dass alle gemeinsam davon leben könnten, dann würde wahrscheinlich auch keiner mehr der normalen Lohnarbeit nachgehen. Wir leben nach Möglichkeit von unserer Eigenproduktion, um so weit es geht autark zu sein.

Für die medizinische Versorgung und ähnliches braucht man ja schon Geld, d. h. es muss auch ein bisschen nach außen verkauft werden?
Mit dem Geld selbst ist es so konzipiert, dass die Menschen mehr oder weniger nach ihren wirklichen Bedürfnissen und nicht mit diesen luxuriösen Sachen leben können. Was ich damit meinte, dass die Familien, die nicht arbeiteten, auch nichts bekämen, war im Sinne von Gerechtigkeit gemeint, nicht: „Dann, pöh! Kriegen sie halt nichts!“ Sondern: Weil sie ja außerhalb arbeiten, das Geld aus der Eigenproduktion nicht so nötig haben und deshalb nicht für das Kollektiv arbeiten, bekommen sie auch kein Geld. Ist ja logisch.

Ein anderer Freund hat uns erzählt, es gäbe 170 Anträge von Leuten, die sich beteiligen wollen. Müssen das klassische Familien sein oder können sich auch Freund_innen zusammenschließen – Kollektive, Freundeskreise, kleinere Familien, Alleinerziehende oder Kinderlose, z. B. ein Paar mit ein oder zwei Kindern, die gerne wollen, dass ihre Kinder mit anderen Kindern aufwachsen, aber nicht unbedingt selber noch eins kriegen wollen?
Also die Wohnungen sind halt nach den realen Familienverhältnissen vor Ort konzipiert. Es gibt ja auch außerhalb dieses Kollektivs in der Umgebung von Wêranşar eigentlich nur Familien. Zwischen den sozialen Situationen der Familien gibt es keine gravierenden Unterschiede. Es gibt keine Individuen, Familien oder Gruppen, die da aus der Reihe fallen. Das „Ax û Av“-Kollektiv wurde in Wêranşar gemacht, um bedürftigen Familien zu helfen, und nicht primär, um sich gegenseitig das Leben zu finanzieren. Es ist erst einmal gezielt auf diese Bevölkerungsgruppe ausgerichtet. Natürlich gibt es aber die Möglichkeit, dass man z. B. in der Stadt lebt, aber arbeitslos und arm ist, und dann hierher ziehen möchte und hier leben kann. Also das Ziel sind Bedürftige, nicht unbedingt Sympathisant_innen. Aber wenn wir das Projekt erweitern und es auch in anderen Städten aufbauen, können vielleicht auch wohlhabendere Menschen solche Sachen aufbauen.

Werdet ihr diesen Prozess jetzt weiter begleiten oder ist der Plan, dass du irgendwann aussteigst und was anderes machst? Siehst du dich eher als Anschieber oder als Teilnehmer?
Das Wêranşar-Projekt ist natürlich zurzeit der Mittelpunkt, aber es gibt auch andere Sachen, für die wir uns interessieren. Beispielsweise würde ich gerne den Tomatenanbau in Lice [kurd. Pîran] erweitern, um den Eigenbedarf zu decken und daraus Ressourcen für die Gesellschaft vor Ort zu generieren. Aber zurzeit sind wir dabei, dieses Wêranşar-Projekt aufzubauen, und wir werden dieses Projekt auch zu Ende führen. Und deshalb sagen wir auch: „Wir haben keine andere Wahl als den Erfolg bei diesem Projekt.“ Wir müssen da erfolgreich sein, es komplett durchziehen. Aber selbst wenn wir einen Misserfolg in der Realität erzielen würden, sehen wir uns als erfolgreich, weil wir etwas gewagt, initiiert haben und auch danach nicht aufhören werden etwas zu initiieren, was viele Menschen für utopisch oder unmöglich halten oder mit einer „Warten-wir-mal-ab“-Haltung behandeln. Es ist sehr wichtig für uns, dass wir unsere Ideen und Gedanken in die Praxis umsetzen und nicht darüber nur reden.

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