demokratische autonomie in nordkurdistan Rätebewegung, Geschlechterbefreiung und Ökologie in der Praxis

demokratische autonomie in nordkurdistan

5.2.1 die frauenkooperative bağlar kadιn kooperatifi …

… im stadtteil bağlar, amed

Wir versammeln uns im Innenhof eines Hauses, in dem die Kooperative ihre Werkstätten hat, z. B. eine Nähwerkstatt mit ca. 15 Maschinen. Um den Tisch sitzen etwa zehn Frauen der Kooperative und die derzeitige Leiterin, der wir unsere Fragen stellen können.

Kannst du erzählen, wie die Kooperative entstanden ist und in welcher Beziehung sie zum Rätesystem steht? Nimmst du als Vertreterin der Kooperative an den Sitzungen des Stadtrates Teil?
Es ist so, dass 60 Prozent der Frauen aus der Frauenbewegung im Gefängnis sitzen – sie sind alle festgenommen worden. Deswegen gibt es leider in den Institutionen kaum noch Leute. Ich bin die ganze Zeit in der Kooperative beschäftigt und versuche, hier die Aufgaben wahrzunehmen, weil es sonst gerade niemanden gibt, der sich um diese Aufgaben kümmern kann. Deswegen kann ich es mir zurzeit nicht leisten, zu den Sitzungen des Rates zu gehen. Aber durch die Sprecherinnen des Rates werden die Ergebnisse der Ratssitzungen ohnehin an mich weitergeleitet. Ich habe einen Sitz im 101-köpfigen ständigen Rat.1 Da gibt es dann auch die Wirtschaftskommission, an der ich als Vertreterin der Kooperative teilnehme, denn die Wirtschaftskommission versucht in erster Linie, Kooperativen zu fördern. Hier in der Kooperative sind wir sieben Arbeiterinnen. Es gibt auch hier Kommissionen, die aus Leuten aus der Basis bestehen sollten. Diese Kommissionen werden nur mit Leuten besetzt, die auch in der Kooperative mitarbeiten.
Unsere Arbeit läuft so, dass wir in die Stadtteilräte gehen und da mit den Frauen diskutieren. Sie erzählen von ihren Problemen, wie sie zu Hause ausgebeutet werden. Wir versuchen dann, das kapitalistische System zu erklären und reden darüber, wie eine Alternative geschaffen werden kann. Sie sagen dann beispielsweise: „Ich will nicht zehn Stunden am Tag arbeiten, sondern nur fünf Stunden, weil ich auch Zeit für meine Kinder haben möchte.“ In der Diskussion darüber entstehen praktisch die alternativen Systeme, die man aufbauen kann. Wie eine Kooperative funktioniert, ergibt sich also aus den Diskussionen. Die Frauen bringen die Vorschläge von selbst. Das Rätesystem legt sozusagen die Basis dafür, dass sie ihre Wirtschaftsweise in den Kooperativen selbst entwickeln können.
Als Beispiel kann die hiesige Textilkooperative genannt werden, die durch eine Diskussion mit den Frauen über die Notwendigkeit eines Frauenrates beim Aufbau der Rätestrukturen entstanden ist. Auf der Grundlage solcher Diskussionen ergibt sich auch eine bessere Basis für die Arbeit der Kooperative. Du gehst zum Beispiel in einen Stadtteil und diskutierst mit den Leuten. In den Gesprächen entsteht ein Eindruck, wo die Talente, Fähigkeiten oder Wünsche der Frauen liegen und entsprechend wird dann versucht, für diesen Stadtteil passend etwas zu entwickeln.

Bekommt die Kooperative Unterstützung von außen?
Wir haben einmal von der englischen Botschaft eine Unterstützung für ein Projekt bekommen. Aber im Allgemeinen lehnen wir das ab: Zum einen, weil die bürokratischen Prozeduren immer zu einer Folter werden. Zum anderen, weil es im Sinne der Demokratischen Autonomie eigentlich darum geht, aus der eigenen Kraft Sachen zu erschaffen und nicht so viel Unterstützung von außen, z. B. von anderen Staaten, zu bekommen.

Aber die Festnahmen des Staates schwächen eure Arbeit in der Kooperative?
Die Festnahmen haben eigentlich nach den Kommunalwahlen ab dem 14. April 2009 angefangen. Jetzt gerade gibt es sehr intensive Festnahmewellen, z. B. in Şirnex [Şιrnak] oder Izmir. Wenn Männer festgenommen werden, dann sind es meistens Männer aus der BDP [Partei für Frieden und Demokratie], auch Bürgermeister und andere Vertreter. Aber bei uns sind es noch zusätzlich Aktivistinnen aus der Frauenbewegung, die nicht in der BDP sind. Ich habe den Eindruck, die Festnahmen nehmen zu, kann aber keine konkreten Zahlen nennen.

„Es geht darum, dass die Frauen ihre eigenen Produktionsverhältnisse schaffen und an der Produktion partizipieren können.“

Was ist das eigentliche Ziel der Kooperative?
Das Ziel der Frauenkooperative ist es, Frauen egal welcher Herkunft ökonomisch, kulturell und sozial zu unterstützen. In diesem Rahmen betreiben wir ganz unterschiedliche Aktivitäten. Unter dem Dach der DÖKH, das ist die „Demokratische Freie Frauenbewegung“2, gibt es hier in Amed neun oder zehn ganz unterschiedliche Vereine, mit denen wir insbesondere zum Thema „Gewalt gegen Frauen“ zusammenarbeiten. Der Unterschied zu den anderen Einrichtungen ist, dass diese vor allem zu psychologischer, körperlicher und sexualisierter Gewalt arbeiten – wir arbeiten dagegen vor allem zu ökonomischer Gewalt. Es geht darum, dass die Frauen ihre eigenen Produktionsverhältnisse schaffen, dass sie selber arbeiten und Arbeit beschaffen können, also an der Produktion partizipieren können.

Frauenkooperativen leisten Widerstand gegen die ökonomische Ausbeutung.

Es gibt auch Situationen, in denen eine Frau dringend eine bezahlte Arbeit braucht und dann eine Arbeitsstelle vermittelt werden muss. Es gibt sogenannte Arbeitsvermittlungen, die Frauen als Leiharbeiterinnen an eine Arbeitsstelle vermitteln. Dafür würden sie eigentlich 100 Lira pro Tag verdienen. Es gehen aber 30 bis 40 Lira an die Leiharbeitsfirma, die Frauen bekommen daher nur etwa die Hälfte ihres Gehaltes. Also eine Ausbeutung der Arbeit der Frau gibt es hier auch. Wir versuchen dagegen zu arbeiten, Widerstand zu leisten. Dies ist jedoch schwierig, weil das Leiharbeitssystem von staatlichen Stellen unterstützt wird. Darum haben wir begonnen, selbst Arbeit zu vermitteln. Dabei ist es nicht so, dass wir von Arbeitsstätte zu Arbeitsstätte gehen und fragen: „Habt ihr Arbeit, die ihr anbietet?“, sondern Leute, die Arbeit suchen, gehen zur Partei [BDP] und sagen: „Ich brauche Arbeit!“ – und die vermitteln dann die Frauen weiter an uns. Außerdem gibt es in der Nachbarschaft Gewerkschaften, verschiedene Institutionen, Arbeitgeberverbände. Entweder kommen die und sagen: „Wir haben hier Leute, die Arbeit suchen“ oder sie kommen und sagen: „Wir bieten Arbeit an“. Wenn beispielsweise der Arzt oder die Ärztin von nebenan sagt: „Ich brauche jemanden, der auf meine Kinder aufpasst“, dann vermitteln wir. Die Leute kommen also schon zu uns und wissen, dass wir unsere Arbeit machen. Wir spielen dann nur die Vermittlerrolle.

Achtet ihr auch darauf, dass es „gute“ Arbeit ist und die Frauen nicht ausgebeutet werden?
Das gibt es natürlich, dass die Arbeitgeber_innen die Frauen ausbeuten – vor allem bei Saisonarbeiten oder wenn ein Geschäftsmann eine Frau bei sich zu Hause zum Putzen einstellt. Das sind Bereiche, die nicht öffentlich bzw. transparent sind. Wenn eine Frau, die zum Babysitten eingestellt ist, die ganze Hausarbeit machen muss, wird sie ausgebeutet und steht unter psychologischem Druck. Wir versuchen, auch hiergegen aktiv zu werden. Wir versuchen, mit den Leuten und den Frauen, die da arbeiten, zu reden. Wir fragen sie danach, wie ihre Arbeitsverhältnisse sind und wir versuchen auch, mit den Arbeitgeber_innen zu reden und die Situation irgendwie zu klären. Das ist natürlich schwierig. Oft ist es nicht viel, was wir in diesem Sinne erreichen. Und dann muss natürlich auch schnell gehandelt werden. Natürlich müsste in diesem Bereich mehr gemacht werden, aber das ist im Rahmen unserer Möglichkeiten alles, was wir zurzeit machen können.

Wie sieht es denn mit der Produktion aus?
Was die Produktion angeht, ist das auch wieder dadurch entstanden, dass wir in den Stadtteilrat gegangen sind und mit den Frauen geredet haben. Viele von ihnen waren im Textilbereich tätig, sie hatten Erfahrung und waren begabt. Dann haben wir dort eine Produktion in Gang gesetzt, um auch die kurdische Kultur zu bewahren und weiter zu schützen: Die Frauen haben angefangen, traditionelle Kleider herzustellen. In Zukunft haben wir vor, die Kapazitäten unserer Produktionsstelle zu erweitern – wenn die wirtschaftlichen Möglichkeiten es uns erlauben. Die Frauen wurden erst einmal weitergebildet, was die praktische Arbeit und soziale Themen angeht, damit sie an dem Projekt teilnehmen können. Zu den praktische Sachen zählten z. B., wie man T-Shirts bedruckt. Auch wenn das nicht professionell ist, haben sie es so gelernt und etwas in Gang gesetzt. Für uns sieht das vielleicht einfach aus, als sei es nichts Besonderes. Aber für die Frauen, die das hergestellt haben, war das etwas Besonderes. Weil sie sich nicht vorstellen konnten, dass sie irgendetwas hinbekommen. Wir bemühen uns darum, die Frauen aus den Häusern herauszuholen, sodass sie daran teilnehmen können. Für sie ist das etwas Besonderes, wenn sie so etwas herstellen können.

„Aus den Außenschalen der Wassermelone lässt sich Marmelade herstellen. Das ist ein nächstes Projekt.“

Gibt es dabei auch Eigenengagement von den Frauen?
Bei einer Ratssitzung hat beispielsweise eine Frau gesagt: „Ich kann sehr gute Marmelade herstellen.“ Wir haben dann darüber diskutiert und überlegt, dass es nicht etwas sein soll, was es im Laden nebenan gibt, sondern dass wir uns etwas Originelles einfallen lassen müssen. Amed ist z. B. der Ort, wo traditionell viele Wassermelonen angebaut werden. Deren Schalen werden nicht gegessen, die bekommen die Kühe. Die Frau, die von den Wassermelonen gesprochen hat, hat dann gesagt: „Ich kann mir Wassermelonen eigentlich nicht leisten. Aber wenn ich sie mir leiste und danach die Schalen wegschmeiße, tut es mir weh. Und so habe ich einfach Mal versucht, aus der Schale Marmelade herzustellen. Das schmeckt so gut! Das können wir doch eigentlich produzieren. “Wir haben es auch probiert und es schmeckt wirklich sehr gut. Aus den Außenschalen der Wassermelone lässt sich Marmelade herstellen. Das ist ein nächstes Projekt.

Wie sieht es im Textilbereich aus? Was macht ihr da?
Es gibt neun Frauen, die zurzeit im Textilbereich arbeiten. Als wir eine erste Diskussion veranstaltet haben, waren es an die 200 Frauen, mit denen wir damals diskutierten. Viele haben sich noch nicht bereit gefühlt, professionell zu arbeiten. Wir haben dann viele von ihnen zu Kursen geschickt, die von der Stadtverwaltung angeboten werden und in denen die Frauen die Textilarbeit am Tisch lernen. Wie gesagt, wir wollen die Kapazitäten dieser Textilproduktion ausweiten, damit viele Frauen, die dann diese Kurse absolvieren, auch die Möglichkeit haben, mitzuarbeiten.

Dann braucht ihr ja große Produktionsstätten, Hallen, Maschinen. Wie macht ihr das?
Wir haben gestern darüber diskutiert: In Amed gibt es Maschinen, Textilverarbeitungsmaschinen, die von der EU gesponsert wurden, jetzt aber ungenutzt sind und einfach herumstehen. Wir selbst haben hier keine Maschinen, das ist eben auch so ein Problem. Wir werden versuchen, diese Maschinen herzubringen. Aber, wie ich bereits sagte, soll versucht werden, aus eigener Kraft die Kapazitäten zu erweitern, ohne Unterstützung durch andere. Die Frauen arbeiten zurzeit im Versammlungszentrum der Stadtverwaltung im Sümer Park. Es ist ein kleiner Bereich, den sie dort haben, wo sie Textilien verarbeiten. Wir suchen aktuell nach einem geeigneteren Ort, an dem bis zu hundert Leute arbeiten können, und wo wir dann hinziehen werden. Das Ziel ist, nicht nur traditionelle Kleidung für die Region Amed herzustellen, sondern den Bedarf der gesamten Region zu decken. Deswegen wurden die Arbeitszeiten bereits angehoben.

Gemeinsam mit der Stadtverwaltung von Bağlar ist ein täglicher Basar geplant.

Wie setzt ihr eure Produkte ab? Wie ist das organisiert?
Was die Vermarktung und den Verkauf der Textilprodukte betrifft, gibt es aktuell keinen Ort, beispielsweise einen richtigen Markt, wo die Sachen angeboten und verkauft werden könnten. Aber sowohl die Frauenbewegung als auch die Partei [BDP] haben zahlreiche Kontakte. Und so kennen wir viele Menschen in der Umgebung. Vor allem in letzter Zeit war es so, dass auf Hochzeiten, Konferenzen oder anderen Großveranstaltungen die Menschen in ihrer traditionellen Kleidung kommen. Wir ziehen das an, wenn wir da hingehen, und die Leute sind dann interessiert und wollen auch die Sachen kaufen. Das aktuelle Angebot, als das, was die Frauen im Textilbereich produzieren, reicht aus, um die Nachfrage zu decken. Aber wie gesagt, es ist geplant, mit 100 Frauen zu produzieren. Hierfür soll es dann auch ein gemeinsames Projekt mit der Stadtverwaltung von Bağlar geben: Die Stadtverwaltung will einen Frauenbasar eröffnen, wo die Frauen die Sachen aus der eigenen Produktion, nicht nur die Kleidung, sondern z. B. auch die Marmelade, anbieten können. Auf dem Basar sollen bis auf die Sicherheitsleute nur Frauen arbeiten. Der Basar soll täglich stattfinden, nicht nur einmal wöchentlich.

Wie koordiniert ihr die Arbeit der Kooperative? Wie sieht eure Struktur aus?
Alle, die Teil der Kooperative bzw. an ihren Entscheidungsprozessen beteiligt sind, arbeiten dort. Die Entscheidungen werden gemeinsam gefällt. Das geschieht nach dem Vorbild und den Grundlagen der zapatistischen Kooperativen. Selbstkritisch würde ich sagen, dass wir uns erst in den letzten zwei Jahren intensiver damit beschäftigt haben – eigentlich zu spät. Bezüglich der Struktur ist es so: Wir sind als Kooperative eine Organisation, die sich an die Gesetze des Staates halten muss. Deshalb wird jährlich ein Vorstand gewählt, der aus sieben Leuten besteht. Aber wir versuchen, im Vorstand keine Frauen direkt aus der Frauenbewegung oder der Partei [BDP] zu positionieren, sondern lieber diejenigen, die direkt in der Produktion beschäftigt sind. Aber weil dies ein recht junges Projekt ist, die Frauen in der NGO-Praxis kaum Erfahrung haben und sich noch nicht so viel zutrauen, bin ich beispielsweise auch im Vorstand. Aber die Entscheidungen werden gemeinsam, kollektiv gefällt.

Was genau gehört zur Kooperative? Für die Textilverarbeitung gibt es eine Produktionsstätte der Kooperative, aber gehört z. B. die Frau, die Marmelade herstellt, auch dazu?
Das Problem ist, dass die Frauen hier viele gute und kreative Ideen haben, aber gehen nicht raus, trauen sich nicht aus dem Haus. Deswegen kommen sie dann zu uns. Alleine arbeiten oder alleine Marmelade herzustellen, ist letztlich auch keine Kooperative. Die Frauen machen das ja ohnehin schon zu Hause, aber sie bekommen dafür keine Gegenleistung. Und gemeinsam mit anderen Frauen etwas zu produzieren, das bedeutet ganz konkret, dass sie die Gegenleistung für ihre Arbeit auch bekommen. Dann eben in der Form einer Kooperative.

„Unsere Aufgabe ist es hier, den Frauen zu zeigen, dass sie doch was können und ihnen Selbstbewusstsein zu vermitteln.“

Also heißt „gehen nicht raus“, dass sie sich nicht trauen, etwas für die Öffentlichkeit oder für andere Menschen zu produzieren? Oder auch, dass sie sich nicht auf die Straße trauen?
Es bedeutet eigentlich beides. Gewalt an den Frauen bedeutet auch nicht nur häusliche Gewalt – vom Mann, vom Vater, vom Bruder – sondern die Frauen sind auch in der Öffentlichkeit mit Gewalt konfrontiert. Manchmal sogar auch von anderen Frauen, die das patriarchale Denken angenommen haben und dann so drauf sind wie ein Mann, die dann hingehen und andere Frauen einschüchtern. Aber es geschieht auch von Seiten der Institutionen des Staates. Man ist immer mit Gewalt konfrontiert, zieht sich deswegen zurück nach Hause und traut sich nicht mehr in die Öffentlichkeit. Beim Frauenrat merkt man gleich, dass viele Frauen kein Selbstbewusstsein mehr haben. Sie sagen sofort: „Ich kann nichts, ich kann überhaupt nichts machen, ich kriege nichts hin.“ Obwohl sie zu Hause viel schaffen, sagen sie: „Ich kann überhaupt nichts. Was wollt ihr von mir überhaupt?“ Andere Frauen trauen sich vielleicht raus von zu Hause, aber trauen sich nicht an die Produktion bzw. einen Produktionsprozess oder Vergleichbares in der Öffentlichkeit auf die Beine zu stellen. Das gibt es auch. Unsere Aufgabe ist es hier, den Frauen zu zeigen, dass sie doch was können und ihnen Selbstbewusstsein zu vermitteln.

Wie alt sind die Frauen? Ist die ganze Bandbreite dabei? Sind sie alle aus ärmeren Gesellschaftsschichten oder gibt es auch Frauen, aus anderen Schichten, die das Modell interessant finden und sich anschließen, obwohl sie es vielleicht finanziell nicht nötig hätten?
Nein, Frauen aus den wohlhabenderen Schichten nehmen nicht teil und kommen nicht hierher. Auch Frauen, die ein gewisses Bildungsniveau haben, halten sich fern, weil das wiederum mit den Frauen kollidiert, die aus den wohlhabenderen Schichten kommen. Es sind vor allem Frauen aus den ärmeren Schichten, die an den Arbeiten der Kooperative teilnehmen. Die Frauen, die an der Produktion teilnehmen und in Kooperativen arbeiten, sind überwiegend älter, die jüngste Teilnehmerin ist 36 Jahre alt. Es sind überwiegend Frauen ohne Schulbildung, die vor allem zu Hause arbeiten. Viele von ihnen können auch kein Türkisch und können deswegen nicht außerhalb arbeiten, also an einem normalen Arbeitsplatz.

„Es kommen auch Leute von der Frauenakademie, die über den gesellschaftlichen Sexismus oder die aktuelle Kampagne „Feminizid“ referieren…“

Zur Ergänzung der Schulbildung gibt es technische Kurse. Hier im Stadtteil gibt es ein Stadtteilhaus, dort werden für die Frauen Computerkurse angeboten oder Musikunterricht, z. B. Erbane [eine Trommel]. Ein paar Frauen bekommen im Kulturhaus Gesangsunterricht. Dann gibt es auch noch kulturelle Angebote oder auch Veranstaltungen zu Gesundheitsthemen. Dafür kommt jemand von der Ärztekammer oder von der Stadtverwaltung wird ein_e Krankenpfleger_in hergeschickt. Letzten Monat wurde z. B. eine Infoveranstaltung zum Thema Brustkrebs angeboten. Periodisch finden Infoveranstaltungen zu juristischen Themen statt. Dafür kommt jemand vom Menschenrechtsverein, der die Frauen über Frauenrechte aufklärt und dazu Bildungsarbeit anbietet. Es kommen auch Leute von der Frauenakademie, die über den gesellschaftlichen Sexismus oder die aktuelle Kampagne „Feminizid“ referieren, diese erklären und anschließend eine Diskussion anstoßen. Zum Thema kulturelle und soziale Arbeiten: Es gibt beispielsweise Frauen, die seit 30 Jahren hier in Amed wohnen und die Stadtmauer nicht kennen, weil sie nie die Möglichkeiten hatten, dorthin zu gehen. Deswegen wird mit den Frauen eine Stadtrundfahrt gemacht und man besichtigt gemeinsam die historischen Orte unserer Kultur.

Und diejenigen, die das organisieren, machen das freiwillig? Organisieren sie auch das Geld für die Busfahrt?
Von den Einnahmen aus dem Verkauf der Produkte der Kooperativen werden zunächst die Rohstoffe bezahlt. Dann gibt es noch einen gemeinsamen Topf, in dem 25 Prozent der Einnahmen zurückgelegt werden. Der Rest wird gerecht unter den Frauen aufgeteilt. Der gemeinsame Topf dient dazu, dass in Zukunft mehr Frauen von der Arbeit der Kooperative profitieren können. Die Kosten für Ausflüge nach Hasankeyf [Historischer Ort am Tigris, kurd. Heskîf] werden z. B. teilweise aus diesem Topf beglichen. Den anderen Teil übernimmt die Kommunalverwaltung. Der gemeinsamen Topf wird aber auch für dringende Fälle genutzt: Beispielsweise gab es letztens einen Fall, da musste jemand aus der Familie einer der Frauen operiert werden, aber sie hatte nicht das nötige Geld. Die Operation haben sie dann aus diesem gemeinsamen Topf finanziert. Also in dringenden Fällen wird auf den Topf zurückgegriffen und dieser anschließend wieder durch die Einnahmen aus der Kooperative aufgefüllt.

Können die Frauen von den Einnahmen leben, auch, wenn sie z. B. zwei Kinder alleine durchbringen müssen?
Noch einmal ein Beispiel zur Geldverteilung innerhalb der Kooperative: Beim Mesopotamischen Sozialforum wurde Essen verkauft. Alle Frauen, die daran beteiligt waren, wurden gestern hergerufen und es wurde eine Abrechnung erstellt über die Ausgaben und Einnahmen. Alle haben ihre Unkosten beglichen bekommen. Anschließend wurden die Einnahmen gerecht aufgeteilt. Weil nicht so viel übrig geblieben ist, haben sie nichts für den gemeinsamen Topf gegeben. Das war jetzt keine der kontinuierlich stattfindenden Arbeiten. Deswegen ist es keine Einnahmequelle, mit der sie lange durchkommen können, sondern es ist eine einmalige Sache. Aber vielleicht reicht es für ein bis zwei Monate oder vielleicht können die jungen Frauen ihre Schulanmeldung begleichen und das war es dann. Aber bei den Arbeiten, die fortwährend laufen, z. B. der Textilarbeit oder dem Restaurant der Frauenbewegung, reichen die Einnahmen schon dafür aus, dass die Frauen sich und ihre Familien durchbringen.

„Die Männer werden offener dafür, dass die Frauen nach draußen gehen und an der Produktion mitwirken.“

Wie wird die Kooperative in der Nachbarschaft aufgenommen? Gibt es beispielsweise Probleme seitens der Männern, die nicht wollen, dass sich die Frauen wirtschaftlich unabhängig machen? Oder ist es umgekehrt und es gibt Unterstützung von den Männer, Ehemännern, Nachbarn?
Der generelle Blickwinkel der Männer auf unsere Institution ist nicht wirklich positiv. Aber wir haben einen klaren Vorteil und der ist, dass es die Bewegung gibt – auch im Bezug auf die Frauenfrage. Die Männer, die irgendwie mit der Bewegung verbunden sind, versuchen irgendwie daran zu arbeiten und den negativen Blickwinkel auf Frauen zu überwinden. Sie versuchen, an sich zu arbeiten. Das ist ein klarer Vorteil, vor allem, wenn man sich die Rätestrukturen anschaut, dann merkt man, dass die Männer sich zurücknehmen, was ihre Vorurteile gegenüber Frauen in diesen Institutionen angeht. Was die Nachbarschaft hier angeht, gab es am Anfang Probleme, als wir hier neu eingezogen sind. Hier um die Ecke gibt es eine Art Bar oder Café, wo Alkohol ausgeschenkt wird. Manchmal geschieht es, wenn Männer dort vor die Tür gehen und sehen, dass hier Frauen ein- und ausgehen, dass sie sie dann mit ihren Blicken oder auch mit Sprüchen belästigen. Was wir dagegen gemacht haben, ist, dass wir mit den Ratsstrukturen und auch mit der Nachbarschaft hier gesprochen haben. Wir haben ihnen auf Kurdisch erklärt, dass wir von der Bewegung sind und was wir hier für eine Arbeit machen. Wir haben also die Nachbarschaft darüber aufgeklärt. Dann haben wir jemanden aus dem Rat mitgenommen und sind zu dieser Bar gegangen. Dort haben wir mit den Leuten geredet und ihnen erklärt, was Sache ist, und seitdem sind die Belästigungen weniger geworden.

Wirken sich die Aktivitäten der Kooperative auch auf das Geschlechterverhältnis aus? Gibt es Berichte über eine veränderte Rollenverteilung oder steht das noch ganz am Anfang?
Am Anfang kommen viele Frauen heimlich hierher, ohne dass ihre Männer etwas wissen, oder sie müssen es sich erst erkämpfen, herkommen zu dürfen. Aber mit der Zeit ändert sich etwas in der Gesellschaft, auch durch den Aspekt des Verdienstes. Wenn eine Frau mit Geld nach Hause kommt und sagt: „Schau, so trage ich auch zum Haushalt bei und bringe Geld nach Hause“, dann ändert sich vielleicht nicht komplett die Meinung, aber zumindest ein Stück weit weichen die Vorbehalte auf. Die Männer werden offener dafür, dass die Frauen nach draußen gehen und an der Produktion mitwirken. Und eine Tatsache ist auch: Je stärker die Frau und je selbstbewusster sie wird, desto weniger lässt sie sich unterdrücken. Das dauert manchmal etwas länger und die Frau ist erst nach ein paar Monaten hier soweit gestärkt, dem Mann die Stirn zu bieten, aber es ist dennoch ein Trend, dass die Frau sich nicht mehr so leicht unterdrücken lässt.

„Frauen werden umso schöner je mehr sie teilen und kämpfen. Und je schöner sie werden, desto freier werden sie.“

Was ist deine persönliche Motivation, diese Arbeit in der Kooperative auf dich zu nehmen?
Ich finde die Arbeiten der Kooperativen wichtig, weil ich fest davon überzeugt bin, dass die Gesellschaft sich nur befreien kann, wenn die Frau sich befreit. Mit der Entwicklung des Freiheitskampfes haben die Frauen immer öfter auch an vorderster Front mitgekämpft, sind zu Kadern der Bewegung geworden und haben so die Arbeiten an vorderster Front mitgesteuert. Das ist von ganz besonderer Wichtigkeit. Ich selbst bin jetzt 30 Jahre alt. Vor zehn Jahren war es selbst bei mir zu Hause so, dass mein Bruder, der sogar an der Universität studiert hat, mich unter Druck gesetzt und kontrolliert hat. Mit dem Erstarken der Bewegung hat sich aber auch der Blick der Bewegung verändert – und jetzt kann ich hier mitarbeiten.

Wie sieht die Vernetzung und Unterstützung der Kooperativen untereinander aus? Oder auch durch den Demokratischen Gesellschaftskongress (DTK)?
Ohne einen Dialog untereinander kannst du die Arbeit nicht sinnvoll fortführen. Es ist mittlerweile so, dass jede soziale, kulturelle und ideologische Arbeit vernetzt ist. Niemand agiert hier gänzlich unabhängig. Autonom gewissermaßen schon, aber den Austausch und die Vernetzung gibt es immer. Es gibt zwölf Frauenkooperativen und alle gehören entsprechend der Frauenbewegung an, d. h. dort gibt es eine Vernetzung. Der DTK ist das höchste Dach, darunter ist die Wirtschaftskommission angesiedelt, von der ich gesprochen habe. Dort sind auch die Kooperativen vertreten. Ich bin aber auch in die Gebiete gefahren, wo es andere Kooperativen gibt, habe mich dort ausgetauscht und deren Beiträge hier zurück in die Kooperative getragen. Es gibt also einen regen Austausch untereinander.

Gibt es in Wan, Colêmerg oder Gewer auch andere Kooperativen oder Projekte, die für unsere Delegationsreise interessant sein könnten?
In Gewer gibt es 22 Kommunen, die keine Kooperativen sind, sondern als Kommunen bestehen. Sie sind nach außen hin recht verschlossen und akzeptieren ausländische Journalist_innen nicht. Sie sind die Anarchisten [gesagt mit einem Lächeln], weil sie auch mit uns nicht besonders stark in Verbindung stehen, sondern ihre eigene Arbeit fortführen. Es gibt dort sogar Kooperativen, die sich losgelöst haben vom kapitalistischen Denken. Sie verwenden nicht einmal Geld als Tauschmittel, sondern alles läuft über Warentausch. In Sirnex in Uludere werden gerade Kooperativen gegründet, die aber noch nicht ganz so weit sind. Und in Wan gibt es eine Frauenkooperative, deren Arbeit aber wegen der staatlichen Repression gebremst wurde – alle Leute wurden festgenommen. Jetzt gibt es einen neuen Vorstand.

Wie finanzieren sich Hauptamtliche hier in den Projekten?
Ich z. B. habe eine Ausbildung als Bürokauffrau gemacht, arbeite aber nicht wirklich in diesem Bereich. Wenn ich in diesem Bereich Arbeit hätte, könnte ich schon etwas verdienen. Aber die Möglichkeiten gibt es hier einfach nicht. So nehme ich an den Arbeiten der Kooperativen teil und könnte wohl auch versuchen, einen Anteil der Erträge zu bekommen. Aber ich kann nicht nähen oder etwas anderes in der Textilbranche machen, daher wäre es ethisch gesehen nicht korrekt, wenn ich einen Teil der Einnahmen für mich beanspruchen würde. Aber weil ich hier nicht hauptamtlich arbeite, unterstützt die Bewegung mich mit einem kleinen Fonds. Das reicht natürlich nicht aus. Deshalb versuche ich alternative Einnahmequellen zu finden. Es gibt hier ein Verlagshaus von Freunden. Wenn neue Bücher herauskommen, helfe ich z. B. mit, zu redigieren und bekomme ein wenig Geld dafür.

  1. Vgl. Kent Konseyι – Stadtrat von Amed []
  2. Vgl. Die Demokratische Freie Frauenbewegung (DÖKH) []

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