demokratische autonomie in nordkurdistan Rätebewegung, Geschlechterbefreiung und Ökologie in der Praxis

demokratische autonomie in nordkurdistan

5.2.2 resmiye könnte in amed nachts die sterne nicht sehen

Ein Bericht über die „Ekin Frauenkooperative“

Wie schwierig und steinig der Weg individuell für Frauen sein kann, soll der kurze Bericht über die „Ekin Frauenkooperative“ aus Wêranşar (Viranşehir) veranschaulichen.

Die Frauenkooperative Ekin, ein Café- und Restaurantbetrieb, besteht seit 2009. Das schöne Gebäude aus dem 18. Jahrhundert wurde den Frauen von der Stadtverwaltung (Belediye) mietfrei zur Verfügung gestellt, auch die Kosten für Strom und Wasser werden übernommen. In der Kooperative arbeiten fünf Frauen und ein Mann, der noch als „Grillmeister“ beschäftigt ist. Mit den Einnahmen des Betriebs werden die Löhne bezahlt. Die Kooperative hat einen Vorstand, bestehend aus 15 Frauen mit einer Vorsitzenden und stellvertretenden Vorsitzenden.

Wêranşar (dt. „Trümmerstadt“) hat 140.000 Einwohner_innen. Es wurde lange zurecht die Trümmerstadt genannt. Durch Renovierungsarbeiten und Baumaßnahmen der Stadtverwaltung ist Wêranşar aber inzwischen zu einer sehr schönen Kleinstadt geworden. Die Bevölkerung ist traditionell sehr konservativ und es ist nicht leicht, hier Frauenarbeit zu machen, erzählt uns eine der Frauen. Im Stadtbild fehlen Frauen fast vollständig, die wenigen, die man sieht, tragen Kopftuch. Unsere Gesprächspartnerin Resmiye1 fällt daher auf: Sie trägt kein Kopftuch, sondern Jeans und Turnschuhe. Sie beklagt, dass die BDP (Partei für Frieden und Demokratie) sie nicht genügend unterstütze und wünscht sich mehr soziale Aktivitäten für Frauen: „Wir müssen die Frauen aus den Häusern holen!“ Die Situation der Frauen wird vielerorts diskutiert, auch in den Stadtteilräten, die sich einmal wöchentlich treffen. Bei Fällen von häuslicher Gewalt gehen Vertreter_innen des Stadtteilrates in die Familien und versuchen die Probleme „intern“, also ohne Hinzuziehen der Polizei, zu lösen. Es gibt aber auch andere Sanktionsmöglichkeiten: Wenn der gewalttätige Ehemann bei der Stadtverwaltung angestellt ist, kann diese dessen Gehalt der Frau zukommen lassen. Zusätzlich wäre es aber wünschenswert, wenn die Kommune (Belediye) die Frauen noch mehr dazu ermutigen würde, sich außerhalb des Hauses an sozialen Aktivitäten zu beteiligen, indem sie beispielsweise mehr Arbeitsplätze für Frauen schafft. Frauenkooperativen bieten dazu eine Möglichkeit: Durch den Verkauf von Lebensmitteln und Handwerkserzeugnissen können Frauen ein eigenes Einkommen erzielen und zum Familienunterhalt beitragen. Junge Frauen sollten häufiger die höhere Schule besuchen.

„Das Leben, das ihr für mich wollt, ist für mich der Tod.“

Resmiye, unsere Gesprächspartnerin, erzählt uns aus ihrem Leben: Sie lebt noch zuhause bei den Eltern, wie das für unverheiratete Frauen üblich ist. Sie kommt aus einer „patriotischen“ Familie, die der BDP nahe steht. Ihr Vater wurde von der Polizei gefoltert, im Verhör wurde ihm die Schulter zertrümmert. Die Familie wurde aus ihrem Dorf in der Nähe von Wêranşar vertrieben. Als sich die Lage entspannte, ist sie zurückgekehrt und lebt jetzt in einem sehr armen Stadtteil.
Die Eltern hatten für Resmiye ein traditionelles Leben vorgesehen und wollten ihr beispielsweise vorschreiben, wie sie sich kleiden sollte. Das führte dazu das Resmiye einmal zwei Jahre nicht aus dem Haus gegangen ist, weil sie sich weigerte, ein Kopftuch zu tragen. Als sie sich auch weigerte, einen Rock anzuziehen, zerschnitt ihr der Vater die Hose. Um die Universität besuchen zu dürfen, ist Resmiye in Hungerstreik getreten. Sie hat, sprichwörtlich, viele Schläge einstecken müssen, um ihre Lebensvorstellungen durchzusetzen, wobei, wie sie bemerkt, die Schläge des Vaters schmerzhafter waren als die Handschellen der Polizei. Irgendwann habe sie den Eltern gesagt: „Das Leben, das ihr für mich wollt, ist für mich der Tod. Dann könnt ihr mich auch gleich umbringen“. Auf die Frage, was die Situation schließlich verändert habe, sagt sie: „Ich hatte den längeren Atem und habe nicht aufgehört, mich dem Lebensentwurf meiner Eltern zu widersetzen, bis sie verstanden haben, dass es zwecklos ist, mich weiter zu bedrängen.“ Die Eltern hätten auch die Befürchtung gehabt, dass Resmiye ihre weiblichen Verwandten aufwiegeln könnte, was auch begründet war. Zwei Cousinen hatten angefangen zu rebellieren, gaben aber bereits nach den ersten Widerständen der Familie auf. Dagegen hat sich Resmiye so lange gewehrt, bis die Eltern nachgaben.

Sie war acht Monate im Gefängnis von Riha (Urfa) inhaftiert, sie war zu zwei Jahren verurteilt worden. Erst im November 2010 wurde sie entlassen. Vor ihrer Inhaftierung hatte sie ihre jüngere Schwester darin bestärkt, sich gegen die Eltern zu behaupten. In ihrer Abwesenheit hat der Vater die Schwester dann wieder sehr drangsaliert. Als Resmiye nach ihrer Haftentlassung davon erfuhr, drohte sie ihm: „Wenn Du meiner Schwester weiter so zusetzt, sorge ich dafür, dass sie mir auf meinem Weg [ins Gefängnis] folgt!“ Die Eltern hätten ihr so lange Zeit das Leben schwer gemacht und ihr gedroht, jetzt werde sie den Spieß einmal umdrehen. Auch die beiden Brüder haben sie ab einem bestimmten Zeitpunkt sehr unterstützt. Sie sagen nichts mehr, wenn männliche Bekannte zu Besuch kommen und witzeln inzwischen darüber, wenn jemand mit Resmiye flirtet. Und sie sind sich mit Resmiye und ihrer Schwester einig, dass ein Brautgeld nicht zur Debatte steht: „Unsere Schwestern werden nicht verkauft, sie sind doch kein Vieh. Sie sollen aus Liebe heiraten.“

Resmiye ist heute relativ unabhängig sie kann der Familie mitteilen „ich bin eine Woche weg, ich habe in Amed zu tun“, ohne dass die Eltern etwas dagegen einwenden. Alle ihre Vorstellungen kann Resmiye trotzdem nicht verwirklichen. Sie wäre gerne in eines der Lehmhäuser der Kooperative „Ax û Av“2 gezogen, aber das geht aus zweierlei Gründen nicht: Erstens hätten dies die Eltern nicht zugelassen und zweitens ist das Wohnen in der Kooperative armen Familien vorbehalten, Alleinstehende können dort nicht Mitglied werden. Auch Resmiye ist, wie so viele andere zivilgesellschaftlich engagierte Menschen, von Gefängnis bedroht. Gegen sie ist ein Verfahren anhängig, das ihr eine mehrjährige Gefängnisstrafe einbringen könnte. Sie will ihre Aktivitäten aber nicht aufgeben und kann sich auch nicht vorstellen, in einer Großstadt wie Amed zu leben: „Dort ist es so eng und man kann nachts die Sterne nicht sehen“.

  1. Name geändert. []
  2. Vgl. Die Kooperative „Ax û Av“ aus Wêranşar []

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