demokratische autonomie in nordkurdistan Rätebewegung, Geschlechterbefreiung und Ökologie in der Praxis

demokratische autonomie in nordkurdistan

6.2 kommunale arbeiten im bereich frauen

Sûr ist der älteste und auch ärmste Stadtteil in Amed (Diyarbakιr). Er liegt innerhalb der alten Stadtmauer und ist durchzogen von kleinen, unüberschaubaren Gassen. Seit 1999 regiert hier die BDP (Barιş ve Demokrasi Partisi, Partei für Frieden und Demokratie). Der Bürgermeister, Abdullah Demirbaş, ist seit 2004 im Amt.1 Sûr hat mit großen sozialen Problemen zu kämpfen: Hier leben sehr viele Migrant_innen, also Menschen, die nach den Dorfzerstörungen und Zwangsumsiedlungen hierher kamen. Armut2, Arbeitslosigkeit, Drogenabhängigkeit, ständige Angriffe auf Frauen, Vergewaltigungen und Prostitution sind weit verbreitet.

Seit den Kommunalwahlen 2009 gibt es hier eine Verantwortliche für den Bereich Frauen. Davor gab es keine frauenspezifische Arbeit seitens der Stadtverwaltung. Die BDP hat sich verpflichtet, unabhängig davon ob ein Bürgermeister oder eine Bürgermeisterin das Amt bekleidet, einen solchen Arbeitsbereich zu schaffen. Gülbahar Örmek ist stellvertretende Bürgermeisterin und u.a. verantwortlich für die bezirkseigenen Frauenprojekte. Zur Unterstützung von Frauen in schwierigen Lebenslagen wurden drei Frauenzentren eröffnet. Es folgt ein Interview mit Gülbahar Örmek:

Wie sahen die Anfänge eurer Arbeit aus?

Die ersten sechs Monate haben wir damit zugebracht, zu den Frauen des Stadtteils zu gehen und sie nach ihren Bedürfnissen zu befragen: „Was würdet ihr tun, wenn ihr Bürgermeisterin wärt?“. Daran haben wir die Projekte in Sûr orientiert. Wir haben Kunstzentren und Ateliers eröffnet, in denen Kurse zur Herstellung von Schmuck und Handarbeiten, aber auch Kurdisch-Sprachkurse angeboten wurden. Nach einem Jahr haben wir gemerkt, wie erfolgreich diese Frauen sind und welch gute Produkte sie herstellen. Wir haben Kontakt zu Verkaufsstellen aufgenommen, sind dann zu verschiedenen Läden gegangen, haben z. B. gesagt: „Es gibt hier Frauen, die eingelegte Gurken machen, ihr könnt die Gurken dieser Frauen verkaufen. Es gibt Frauen in unserem Stadtteil, die Schmuck herstellen. Ihr könnt den Schmuck dieser Frauen verkaufen. Sie machen sehr gute Arbeit und können bei der Schmuckanfertigung auch auf individuelle Wünsche eingehen.“ Dieses Projekt war auch deshalb sehr wichtig, weil dadurch die Armut bekämpft werden konnte, und weil die Frauen freier sind, wenn sie ihr eigenes Geld verdienen können. Die Anzahl der teilnehmenden Frauen wuchs. Den Fähigkeiten der einzelnen Frauen entsprechend haben sie sich in Gruppen von jeweils 20 Frauen aufgeteilt. Eine Gruppe hat Gurken eingelegt, die andere hat Schmuck hergestellt oder z. B. für Henna-Abende Beutelhenna hergestellt. Dann nahmen sie Kontakt zu Hochzeitssälen auf und vermittelten den Verkauf. Schließlich schlug eine Freundin aus Istanbul vor, ein Amt zur Vermittlung von Arbeit suchenden Frauen und Arbeitgeber_innen einzurichten.

Wie viele Frauen haben so Arbeit gefunden?

Das Projekt der Produktherstellung und das Amt gibt es erst seit einem Jahr. Anfangs war es für uns wichtig, dass die Frauen überhaupt aus dem Haus heraus kommen, eine Tätigkeit annehmen und ihre Freizeit anders gestalten. Das Amt für Gleichstellung gab es zuerst in Bursa. Diese Form der Gleichstellung, wie sie dort praktiziert wurde, hatte für uns als Frauen nicht so eine große Bedeutung, weil sie sich allein auf die Gleichstellung der verschiedenen Religionsgruppen und Ethnien bezog, also zwischen Kurden, Türken, Armeniern und Assyrern. Aber für uns war auch die Gleichstellung der Frau wichtig. Deswegen hat uns das Projekt von Bursa nicht gereicht und wir haben es hier erweitert. In der Türkei ist es das erste Amt dieser Art. Das zuständige Innenministerium wird seine Anerkennung wahrscheinlich verweigern und der Stadtverwaltung vorwerfen, dass sie es überhaupt eingerichtet hat. Aus diesem Grund wurde auf die spezifischen Probleme von Sûr verwiesen.

Wovon ist die Anerkennung des Amtes durch das Ministerium abhängig?
Die Anerkennung des Amtes erfolgt durch die Genehmigung des Ministeriums. Da die Stadt Sûr ohne Absprache oder eine Genehmigung die Einrichtung eingerichtet hat, kann es sogar sein, dass der Bürgermeister Abdullah Demirbaş seines Amtes enthoben wird. Das ist schon einmal passiert, dann müsste der gesamte Stadtrat neu gewählt werden.

Ist dieses Gleichstellungsamt nur für Sûr zuständig?
Ja, in Sûr leben die Menschen in großer Armut, aber in den Stadtteilen Diclekent oder Kayapιnar gibt es einen Mittelstand, dort geht es den Leuten finanziell besser. Dort kann man es sich leisten, Tagesmütter oder Reinigungshilfen zu beschäftigen. Das Gleichstellungsamt hilft hier, indem es die Kontakte zwischen den Menschen vermittelt. So konnten 150 Frauen aus Sûr eine Arbeitsstelle in Diclekent oder Kayapιnar vermittelt bekommen, vorher waren es nur fünf oder sechs, die diese Arbeit machten.

„Das ist mir zu wenig Lohn, ich werde diese Stelle nicht antreten, vermittelt mir bitte eine andere.“

Gibt es für die als Hausarbeiterinnen oder zur Kinderbetreuung vermittelten Frauen einen Mindestlohn? Wer kontrolliert, dass sie den erhalten? Und wie wird sichergestellt, dass sich durch die Vermittlung nicht am Ende Dritte an der Ausbeutung der Frauen beteiligen?
Zunächst einmal legt die Arbeitsvermittlungsstelle den Lohn fest. Aber wir vermitteln die Frauen nur, sie müssen den Lohn selbst aushandeln und haben das Recht zu sagen: „Das ist mir zu wenig Lohn, ich werde diese Stelle nicht antreten, vermittelt mir bitte eine andere.“

Welche Projekte gibt es noch?
Es gibt soziale Projekte, die den Frauen einmal im Monat Angebote machen wie Theater- oder Kinobesuche, gemeinsames Auswärtsessen, oder einen Urlaubstag, an dem die Frau einmal nichts machen muss. Unser Ziel war es, diese Frauen überhaupt erst einmal aus dem Haus herauszuholen. Danach entwickelten sie eigene Forderungen. Die Frauen haben selbst festgelegt, an welchem Wochentag sie frei haben wollen, wann sie arbeiten wollen. Das hat eine Atmosphäre geschaffen, in der die Produkte einen anderen Wert bekommen haben. Darüber hinaus haben wir auch Bildungsprojekte organisiert, z. B. über Hygiene, über die Geschichte der Frau oder über Arbeiter_innenrechte. Die Frauen haben all diese Seminare besucht und abgeschlossen. Am Anfang war unser Ziel, sie vor Gewalt zu schützen, dafür zur sorgen, dass die Frauen finanziell unabhängiger vom Mann werden und sich so besser der häuslichen Gewalt widersetzen können. Wir haben aber auch versucht, bestimmte Traditionen aufzugreifen: In Kurdistan treffen sich Frauen einmal in der Woche, um gemeinsam für eine Familie Nudeln herzustellen. Während sie diese Arbeit verrichten, tauschen sich die Frauen untereinander über Probleme in der Nachbarschaft aus, ob beispielsweise jemand erkrankt ist, ob und wo Unterstützung benötigt wird. Und so überlegen sie jede Woche, welche Forderungen sie an den_die Bürgermeister_in haben.

Werden diese Diskussionen in irgendeiner Weise angeleitet? Gibt es Frauen, die die Themen vorgeben oder wird auch über Telenovelas und Kosmetik geredet?
Solche Treffen haben ein soziales Ziel. Das Nudelmachen ist keine politische Diskussion, sondern war lange Zeit eine kurdische Tradition, die leider verloren gegangen war. Wir wollten sie wieder beleben. Die Gesprächsleitung, die eigentlich gar keine ist, wird traditionsgemäß von der Ältesten der Runde übernommen. Aber da wird jetzt nicht gesagt: „Heute reden wir über dieses Thema“, sondern: „Habt ihr gehört, der oder die ist krank.“ Es geht um soziale Themen und es gibt keine Tagesordnung. Mit diesem Projekt wollen wir eine bestimmte Kultur am Leben halten und fördern, dass die Menschen sich gegenseitig unterstützen und eine Kollektivität entwickeln.

Bewirkt die Ausrufung der Demokratischen Autonomie schon jetzt eine konkrete Veränderung, hat sie Auswirkung auf die Frauenprojekte?
Die Frauen in diesen Projekten, die nicht politisch aktiv sind, müssen erst einmal eine Vorstellung von der Demokratischen Autonomie bekommen. Deswegen organisieren wir im Moment Seminare, die sich damit befassen. Unsere Projekte sind ohnehin mit der Demokratischen Autonomie verbunden, haben einen Bezug zu ihr. Deswegen ist es eine gegenseitige Unterstützung. Aber es lässt sich nicht sagen, ob wirklich jede Frau auf jeder Straße bereits wirklich verstanden hat, was Demokratische Autonomie ist.

Fraueneinrichtungen der Stadtverwaltung

DIKASUM: Diyarbakιr Kadιn Sorunlarιnι Araştιrma Merkezi, Zentrum für die Forschung und Umsetzung von Frauenangelegenheiten der Großstadtkommune Amed (Diyarbakιr).
Waschhäuser: Sie sind integraler Bestandteil der städtischen Sozialpolitik.
Frauenhaus: Frauen in Notsituationen können hier zusammen mit ihren Kindern untergebracht werden. Es unterscheidet sich grundsätzlich vom staatlichen Frauenhaus, welches dem Provinz-Gouverneur untersteht, der als verlängerter Arm der AKP-Regierung auch deren Familienpolitik unterstützt. Dorthin dürfen Frauen ihre Kinder nicht mitnehmen. Sie müssen ihre Kinder dann beim Ehemann und dessen Familie zurücklassen oder die Kinder kommen in ein staatliches Kinderheim.

  1. Vgl. Doppelstruktur – Stadtverwaltung zwischen Staat und demokratischer Autonomie []
  2. Vgl. Sarmaşιk – Kampf gegen gezielte Verarmung der kurdischen Gebiete []

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