demokratische autonomie in nordkurdistan Rätebewegung, Geschlechterbefreiung und Ökologie in der Praxis

demokratische autonomie in nordkurdistan

6.3 waschhaus in sûr, amed

In vier verschiedenen Kommunen von Amed (Diyarbakιr) gibt es Waschhäuser. Das Waschhaus in einem Stadtviertel (mahalle) von Sûr existiert seit 2001 und war eines der ersten. Während die Frauen Wäsche waschen, werden ihre Kinder betreut. Es gibt einen Raum für Kinder zwischen vier und fünf Jahren und eine Vor- und eine Nachmittagsgruppe, in der jeweils 15 Kinder von einer Erzieherin betreut werden, die eine abgeschlossene pädagogische Ausbildung besitzt und mit den Kindern Kurdisch sprechen kann.

Dieses Betreuungsangebot wird insbesondere von Frauen genutzt, die in anderen sozialen Projekten Unterricht nehmen oder Kurse besuchen. Es folgt ein Interview mit zwei Mitarbeiterinnen:

Gibt es einen Grund dafür, dass ihr bei den Angeboten zur Kinderbetreuung eine Altersbeschränkung auf das vierte und fünfte Lebensjahr festgelegt habt?
Es gibt in der Türkei eine neue Regelung: Kinder sind ab dem sechsten Lebensjahr dazu verpflichtet, in die Vorschule zu gehen, sonst können sie nicht die Schule besuchen. Wir betreuen Kinder erst ab vier Jahren, weil sie in diesem Alter schon relativ selbstständig spielen können.

Soll die Betreuung in kurdischer Sprache, die ihr hier für unter Sechsjährige anbietet, auch dazu beitragen, den Kindern eine alternative Grundbildung zu vermitteln, ihnen Kurdisch beizubringen, bevor der türkische Staat Zugriff auf sie hat?
Wir haben nichts gegen die Vorschule. Grundsätzlich ist Vorschulbildung etwas sehr Gutes, wenn sie wirklich das Ziel hat, das Kind zu bilden. Hier in Kurdistan aber bezweckt der türkische Staat damit, die Kinder zu assimilieren. Nach meiner Ausbildung habe ich selbst im Vorschulbereich gearbeitet: Den Kinder ist es verboten, auch nur ein Wort Kurdisch zu sprechen, wenn sie es dennoch tun, werden sie ausgeschimpft. Ein weiteres staatliches Ziel ist, die Kinder ein Stück aus den Familien heraus zu lösen und ihnen eine andere, staatliche Bildung zu vermitteln. Wir möchten aber, dass das Kind die eigene Muttersprache und Kultur nicht vergisst.

Sind die Angebote hier kostenlos?
Ja. Die Kosten werden von der Stadtverwaltung getragen, die Kinderbetreuung ist kostenlos, alle für die Kurse benötigten Materialien werden von der Einrichtung gestellt, sogar das Waschmittel.
Da es nicht überall erlaubt ist, die traditionellen Tandιr-Öfen zu benutzen, haben wir in einem angrenzendem Gebäude ein Tandιr-Haus mit sieben Öfen eingerichtet, in denen die Frauen ihr Brot selber backen können. Das Mehl bringen die Frauen von zu Hause mit. Durch die Verbindung zur Stadtverwaltung haben hier bereits zwei Frauen die Möglichkeit, ihr Brot an bestimmte Läden zu verkaufen, um so ein eigenes Einkommen zu erzielen.

„Das Angebot zum Wäsche waschen dient auch dem Zweck, dass Frauen hierher kommen können, um über ihre Probleme zu sprechen.“

Wie sind eure Öffnungszeiten und wie intensiv wird das Haus genutzt?
Wir haben von Montag bis Freitag von acht bis 16 Uhr geöffnet. Am Wochenende ist ein Wachmann im Haus. Das Haus wird ja nicht nur als Waschhaus genutzt, sondern soll auch eine Brückenfunktion haben und als sozialer Treffpunkt dienen. Im Winter gibt es 750 Waschgänge in der Woche, weil es dann in den Häusern der Familien oft zu wetterbedingten Stromausfällen kommt, die Familien in den Wintermonaten weniger Geld zur Verfügung haben und sich oft kein Waschmittel mehr leisten können. In den Sommermonaten ist die Anzahl der Waschgänge geringer und liegt bei ungefähr 300 in der Woche.

Das ist doch ein super Angebot. Warum sind dann nicht viel mehr Leute hier?

Im Moment sind die Waschmaschinen defekt, wir haben aber trotzdem geöffnet, weil das Haus nicht nur zum Waschen genutzt werden soll. Wir arbeiten mit DIKASUM zusammen, dem Zentrum für Frauenangelegenheiten der Stadtverwaltung von Amed. Das Angebot zum Wäsche waschen dient auch dem Zweck, dass Frauen hierher kommen können, um über ihre Probleme zu sprechen. Wir arbeiten auch direkt mit dem Frauenhaus zusammen, in dem Frauen in Notsituationen untergebracht werden können. Deshalb ist es wichtig, dass wir geöffnet haben. Jetzt zur Mittagszeit ist auch deshalb weniger Betrieb, weil die Frauen zu Hause Dinge zu erledigen haben. Aber heute Vormittag waren einige Frauen hier.

Wie lange sind die Waschmaschinen schon defekt und wer ist für die Reparatur zuständig?
Seit 20 Tagen sind die Waschmaschinen defekt, die zwei noch funktionstüchtigen Maschinen stehen den Älteren zur Verfügung. Das zuständige Amt ist informiert. Es muss aber bevor es einen Reparaturauftrag erteilt, erst Angebote einholen. Das geschieht über eine öffentliche Ausschreibung. Dieser bürokratische Akt verzögert das Ganze natürlich, aber uns ist es ganz wichtig, dass wir wenigstens den Älteren die Möglichkeit zum Waschen bieten können.

Wir sind hier, um die Entwicklung der Demokratischen Autonomie zu dokumentieren. Ist den Menschen, die die Angebote dieser Einrichtung nutzen, bewusst, dass sie bereits Anteil an diesem Prozess haben?
Das ist ihnen durchaus bewusst. Nicht erst seitdem wir vor einem Jahr die Demokratische Autonomie ausgerufen haben. Bereits seit dem Jahr 1999, als wir in die Stadtverwaltung gewählt wurden, haben die Menschen gemerkt, dass es eine Veränderung gibt und dass wir uns selbst verwalten. Seitdem wir die Stadtverwaltung stellen, haben sich die Kooperativen, immer mehr Frauenprojekte und andere Basisprojekte entwickelt. Sie sind ein Zeichen dafür, dass die Demokratische Autonomie begonnen hat. Diese Projekte sind ihre Grundsteine!

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