demokratische autonomie in nordkurdistan Rätebewegung, Geschlechterbefreiung und Ökologie in der Praxis

demokratische autonomie in nordkurdistan

6.4 der frauenverein kadem in amed

In den Räumlichkeiten des Frauenvereins führten wir ein Gespräch mit mehreren Mitarbeiterinnen:

Erzählt uns von eurem Projekt…
Das Frauenzentrum wurde von der Stadtverwaltung Amed (Diyarbakιr) gegründet. Es gibt zwei hauptamtliche Mitarbeiterinnen, die für das ganze Haus zuständig sind, vier für den Bildungsbereich, eine Lehrerin für den Kunstunterricht und eine Kurdischlehrerin. Ziel ist es zunächst, Frauen zu ermöglichen, aus ihren Wohnungen zu kommen. Denn es ist oft so, dass den Männern die Möglichkeit geboten wird, sich hier in der Stadt, z. B. in den Männercafés, aufzuhalten. Sobald es Probleme zu Hause gibt, sind sie weg. Aber Frauen hatten nicht die Möglichkeit, sich nach einem Streit zurückzuziehen. Darüber hinaus werden in dem Zentrum verschiedene Kurse angeboten. Dabei ist es wichtig, dass die Frauen nicht nur an den Kursen teilnehmen, sondern dass sie selber etwas herstellen und damit etwas Geld verdienen können. Wenn beispielsweise früher ein Mädchen seiner Mutter sagte: „Mama, kauf mir bitte dieses Spielzeug“, antwortete die: „Wir fragen deinen Vater, dann kriegst du dieses Spielzeug.“ Heute ist es so, dass eine Frau während eines 20-tägigen Kurses, in dem sie verschiedene Dinge hergestellt hat, 350 Lira verdient. Die Mutter kann dem Kind jetzt sagen: „Warte bis ich diesen Kurs beendet habe, dann kaufe ich dir dieses Spielzeug.“ Es ist etwas ganz Besonderes, dass die Frau nicht mehr auf den Mann angewiesen ist, sondern selbstständig entscheiden kann, wofür sie Geld ausgeben möchte.

Instrumente erlernen als soziale Aktivität.

Es gibt auch Kurse, in denen traditionelle Kleidungen, Stick- und Paillettenarbeiten als Dekorationen für Tische und verschiedene Tücher hergestellt und dann verkauft werden. Wichtig ist uns auch, dass hier beispielsweise in Erbane-Kursen, das ist eine traditionelle Handtrommel, die Frau nicht nur ein Instrument spielen lernt, sondern sich daraus auch eine soziale Aktivität entwickelt: Sie kann selbst eine Musikgruppe organisieren und ist nicht mehr nur Hausfrau. Im Laufe der Kurse haben wir festgestellt, dass Frauen, die vorher nichts als Hausarbeit kannten, sehr kunstinteressiert sind; sie nehmen an Kunstprojekten teil und werden am 15. Oktober eine Ausstellung mit „Ebru“-Bildern [Papiermarmorierung] machen. Es finden hier auch Alphabetisierungskurse statt. Die Frauen hatten früher keine eigenen Ausweispapiere und konnten deswegen oft keine Schulen besuchen. Viele konnten bis zum vierzigsten Lebensjahr nicht lesen und schreiben. Für diese Frauen sind die Kurse eingerichtet worden.

Seitdem wir die Demokratische Autonomie ausgerufen haben, gibt es eine entscheidende Neuerung bei den Alphabetisierungskursen: Wir bieten die Kurse auf Kurdisch an. Das bedeutet, die Frauen können gleich in ihrer Muttersprache lesen und schreiben lernen und müssen vorher nicht noch Türkisch lernen. So können die Frauen zu Hause auch ihr Kind unterstützen, die kurdische Sprache zu sprechen, zu lesen und zu schreiben. Wir haben festgestellt, dass die Frauen in den kurdischen Alphabetisierungskursen viel schneller gelernt haben. Wir bieten auch eine Kinderbetreuung an. Weil viele Frauen sagen: „Ich kann die Kurse nicht besuchen, weil ich niemanden habe, der auf die Kinder aufpasst“, haben wir ein „Kinder-Entwicklungs-Zimmer“ eingerichtet, in dem die Kinder von drei bis sechs Jahren von ausgebildeten Kräften während der Kurse betreut werden. Wichtig ist, dass hier mit diesen Kindergartenkindern Kurdisch gesprochen wird, alle Betreuungskräfte sprechen Kurdisch. Für Mädchen ab 15 Jahren bieten wir Kurse an, damit sie mit dem hier erworbenen Zertifikat eine Schule besuchen können. Hier gibt es die Schule in Schichten, dass heißt, die einen gehen vormittags zur Schule, die anderen nachmittags. Wenn sie vormittags zur Schule gehen, können sie unsere Angebote am Nachmittag wahrnehmen und umgekehrt.

Hier in Sûr leben sehr viele Migrant_innen aus Mêrdîn (Mardin) und Elih (Batman), die wegen den Dorfzerstörungen und der Zwangsumsiedlung hierher kamen. Oft sind ihre Ausweise verloren gegangen oder verbrannt worden. Aus politischen Gründen mussten sich viele Menschen verstecken und existierten offiziell nicht. Als diese Menschen später Ausweise besaßen, wollten viele aus Prinzip keine staatlichen Einrichtungen mehr besuchen. Aber auch aus verschiedenen anderen politischen Gründen können bestimmte junge Mädchen keine Schule besuchen. Es gibt hier eine hauptamtliche Mitarbeiterin, die selbst Opfer dieser Zwangsumsiedlungen wurde. Sie hat die Schule nur bis zur dritten Klasse besucht, ihre Schwester hat sogar gar keine Schule besucht. Nachdem sie ihre Ausweise erhalten hatten, weigerten sie sich, eine staatliche Schule zu besuchen. Sie waren einfach wütend auf das System. Solchen Mädchen bieten wir hier eine Alternative, eine Möglichkeit, ihre Zeit sinnvoll zu verbringen. Es werden hier auch Textilkurse angeboten, in denen die Frauen verschiedene Handarbeiten erlernen und dabei so professionell werden, dass sie später Arbeit in einer Textilfabrik finden. Im letzten Jahr waren es zehn Frauen. Bevor die Frauen die Kurse besuchten, waren sie Hausfrauen, jetzt sind sie berufstätig.

„Halt, bis hierhin und nicht weiter, hier ist deine Grenze.“

Wir machen hier Sozialberatung, das heißt, wenn eine Frau Gewalt erlebt, wenn eine Frau irgendwelche Probleme hat, bieten wir ihr an, gemeinsam Kontakt zu einer Rechtsanwältin oder zu einer Psychologin aufzunehmen oder wir stellen Kontakt zum städtischen Frauenhaus her. Es gibt hier auch Kurse, in denen eine Rechtsberatung stattfindet. Hier lernen die Frauen ihre Rechte kennen. Anfangs hören sie nur zu, beim zweiten Mal verstehen sie es und beim dritten Mal bringen sie es zur Anwendung. Eine Frau beispielsweise sagte zu ihrem Mann: „Halt, bis hierhin und nicht weiter, hier ist deine Grenze. Ich habe bestimmte Rechte, das habe ich bei Kadem gelernt!“. Bevor diese Frauen Kadem besuchten, dachten sie, dass alles, was mit ihnen geschieht, schon richtig ist und sie selber keine Rechte haben.

Wie wurden eure Angebote zu Beginn eurer Arbeit angenommen?
Anfangs waren einige unsicher und fragten sich: „Kann ich überhaupt diese Kurse besuchen?“ oder „Was sagt, mein Mann, wenn ich diese Kurse besuche?“. Sie haben die Kurse heimlich besucht und gingen, wenn eine Anruf kam, rasch wieder nach Hause. Diese Anfangszeit war recht schwierig, aber diese Phase ist überwunden, weil wir gemeinsam versucht haben, die Probleme zu lösen. Wenn wir Kurse anbieten, nehmen wir die Anmeldungen nicht nur hier entgegen. Wir gehen auch zu den Familien, sprechen mit den Leuten auf der Straße, mit der Basis, und stellen die Kurse vor.

Wie finanziert sich das Haus? Welchen Anteil übernimmt die Stadtverwaltung (Belediye)?
Da dieses Haus eine Einrichtung der städtischen Frauenarbeit ist, werden die Kosten von der Kommune Sûr übernommen. Die zwei Hauptamtlichen, die Mietkosten und das Kursmaterial werden von ihr finanziert. Die vier Mitarbeiterinnen, die von den Volksbildungshäusern kommen, werden durch diese finanziert. Die Kurdischlehrerin wird von Kurdî-Der1 bezahlt. Zwischen Kurdî-Der und der Stadtverwaltung gibt es einen entsprechenden Vertrag, diese Kosten gehen nicht vom Budget der Frauenarbeit ab.

Merkt ihr, dass Frauen, obwohl sie eure Angebote gut finden, zurückhaltender reagieren, weil sie wissen, dass ihr mit der Stadtverwaltung verbunden seid und sie sich politisch anders verorten?

Auch wenn sie eine andere politische Meinung vertreten, nehmen solche Frauen trotzdem unsere Kurse wahr. Oft ist es dann so: Zwischen Fatma, die eigentlich nicht mit ihrer Nachbarin Ayşe redet, weil sie eine andere politische Meinung hat, und Ayşe entwickelt sich während der Kurse eine Kommunikation, und sie stellt fest, dass die politischen Unterschiede gar nicht so groß sind und die Vorurteile uns gegenüber von den Herrschenden geschürt werden.

Warum sind heute nur wenige Frauen hier?
Im Moment sind Sommerferien, da bieten wir keine Kurse an. Die Frauen, die ihr hier seht, haben sich gerade für die nächsten Kurse angemeldet. In den Sommermonaten gehen viele der Frauen, die sonst in der Stadt leben, in die Dörfer zurück, um dort in der Landwirtschaft zu arbeiten.

Sind sich die Frauen, die an den Kursen teilnehmen, eine Fertigkeit erlernen und sich so finanziell unabhängiger machen, darüber bewusst, dass sie Teil der Entwicklung hin zur Demokratischen Autonomie sind?
Ihnen ist bewusst, dass eine Phase der Veränderung begonnen hat, eine Übergangsphase von einem System zum anderen. Ein ganz klares Bewusstsein darüber, was dieses neue System ausmacht, haben nicht alle. Deswegen bieten wir hier verschiedene Seminare an, in denen über die Demokratische Autonomie diskutiert wird, und wir bieten jetzt schon Alternativen an: die Kurse sind Alternativen, die Ateliers sind Alternativen. Die Kindergärten sind Alternativen, weil die Assimilation ja bekanntlich mit der Bildung beginnt. Wenn, wie vom Staat jetzt gesetzlich vorgeschrieben, die Kinder mit fünf Jahren in die Kindergärten bzw. Vorschulen gehen, lernen sie nur noch Türkisch und vergessen die eigenen Muttersprache. Es ist uns wichtig, diese Alternativen anzubieten, weil durch sie die Demokratische Autonomie verständlich wird.

  1. Vgl. Kurdisches Sprachenzentrum Kurdî-Der Amed []

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