demokratische autonomie in nordkurdistan Rätebewegung, Geschlechterbefreiung und Ökologie in der Praxis

demokratische autonomie in nordkurdistan

6.5 frauenberatungszentrum binevş …

… (binevş kadιn danιşma merkezi) in colêmerg

In der Türkei gibt es keine interdisziplinären Frauenberatungszentren, sondern nur spezialisierte, wie z. B. Gesundheitszentren. Diese neuen Zentren bestehen bzw. werden nur dort entwickelt, wo die BDP (Partei für Frieden und Demokratie) die Stadtverwaltung stellt. Im Folgenden ist eine Zusammenfassung des Gruppengespräches in Colêmerg (Hakkari) mit mehreren Mitarbeiterinnen und Unterstützerinnen des Zentrums dokumentiert.
Das Gespräch konnte aus Sicherheitsgründen nicht aufgenommen werden. Der folgende Text basiert auf Mitschriften des Gespräches. Einige unserer Gesprächspartnerinnen hatten am Tag des Interviews gerade ihren ersten Arbeitstag.

Die Idee für das Zentrum hatte die stellvertretende Bürgermeisterin. Mit ihrer Unterstützung wurde es gegründet. Finanziert werden das Zentrum und die Gehälter der Angestellten von der Stadtverwaltung.1 Es sollte bereits im Januar 2011 eröffnet werden. Jedoch fingen erst Ende September hauptamtliche Mitarbeiterinnen (zwei Soziologinnen und eine Verwaltungskraft) mit ihrer Arbeit an. Die Soziologin, die ursprünglich und zu einem früheren Zeitpunkt eingestellt werden sollte, wurde bei ihrer Anreise in die Region einen Tag lang am Kontrollpunkt festgehalten. Die Sicherheitskräfte wussten bereits von ihrer zukünftigen Arbeit im Frauenzentrum. Daher beschloss sie, sich nicht weiter in der Region aufzuhalten und ging. Viele Personen, die in der Stadtverwaltung tätig sind, sind in den letzten Monaten festgenommen worden.2 Es ist daher naheliegend, dass das Frauenberatungszentrum ebenfalls überwacht wird. Dem Staat ist nicht daran gelegen, dass die Frauen hier über ihre Rechte aufgeklärt werden.

Konkrete Projekte des Unterstützungszentrums gibt es noch nicht. Zunächst wird an einer Bestandsaufnahme gearbeitet: Die Frauen, die das Zentrum besuchen, werden nach ihren Interessen und Bedürfnissen befragt. Dementsprechend werden dann Projekte konzipiert. Die Soziologinnen verstehen sich als Ansprechpartnerinnen für juristische, gesundheitliche und psychologische Probleme. In den Erstgesprächen stellen sie zunächst den Hilfebedarf fest und vermitteln gegebenenfalls an entsprechende Fachleute weiter. Diese arbeiten ehrenamtlich in dem Zentrum. Jedoch ist alles noch im Aufbau, dass heißt, auch die Fachkräfte müssen noch gefunden werden. Grundsätzlich legt das Beratungszentrum sehr viel Wert auf Anonymität. Nicht einmal alle Mitarbeiterinnen kennen die Situation aller Ratsuchenden, sondern nur die jeweilige Beraterin. Dies ist wichtig, um Schutz zu gewährleisten und weitere Probleme zu verhindern. Probleme werden teilweise auch innerhalb der Gesellschaft gelöst. Um dies zu ermöglichen, ist es wichtig, dass der Besuch der Frauen im Beratungszentrum nicht bekannt wird. Die feudale Gesellschaft verurteilt es, sich Hilfe von außerhalb zu suchen: „Warum hast du nicht mit uns darüber gesprochen, damit wir es hätten lösen können? Warum muss das Problem verbreitet werden?“

Eigentlich ist die Region dafür bekannt, dass die Frauen hier einen höheren Stellenwert haben als anderswo, dass sie beispielsweise im Verhältnis weniger Gewalt und Ehrenmorden ausgesetzt sind. Aber die Anzahl der von sexualisierter Gewalt betroffenen Frauen ist nach wie vor sehr hoch. Das Thema ist in der Gesellschaft und in den Familien tabuisiert und es gibt keine öffentlichen Einrichtungen, an die sich die Frauen wenden können. Auch wenn die Frau das Opfer ist, wird sie als die Schuldige und „Beschmutzte“ bestraft. In der Konsequenz leben die Frauen jahrelang mit den psychologischen Folgen, insbesondere mit Problemen in der Sexualität, in den Beziehungen mit ihren Partnern und auch mit ihren Kindern.

Ein wichtiger Schwerpunkt der geplanten Bildungsarbeit sind die Themen Gesundheit, Familienplanung und Aufklärung über die Rechte von Frauen und Menschenrechte im Allgemeinen. Beim Thema Gesundheit konzentriert sich die Arbeit insbesondere auf den Brustkrebs. Die Gesundheitsangebote sind auch für die Kinder wichtig, weil die Frauen sich um deren Gesundheit kümmern. Wegen der hohen Zahl von Analphabetinnen hier in der Region sind auch Alphabetisierungskurse in Planung. Darüber hinaus soll es auch Bildung für Männer und Ehemänner geben. Es gibt einen männlichen Soziologen, der insbesondere Seminare über Sexualität und Familienplanung bzw. Verhütung für die Männer anbietet. Die Frauen möchten zu diesen Themen nicht mit Männern arbeiten. Es wäre ihnen unangenehm, wenn sie diesen Männern später auf der Straße begegnen.

Das Frauenzentrum arbeitet in den Räten mit und schickt eine Vertreterin in den Frauenrat.3 Darüber hinaus werden Kontakte zu anderen NGOs hergestellt, wie z. B. zur KESK (Gewerkschaftsdachverband für den öffentlichen Dienst). Die Mitarbeiterinnen des Zentrums haben noch keine Bildungsveranstaltungen zum Thema Demokratische Autonomie durchgeführt und wissen, dass der Begriff noch mit Leben gefüllt werden muss: „Aber wir leben in einer autonomen Region. Das ist unsere Realität.“

  1. Jede Stadtverwaltung hat den Anspruch darauf, dass 30 Prozent ihrer Angestellten einen Beamtenstatus erhalten, d. h. staatlicherseits finanziert werden. Dies gilt für u. a. Gesundheitsberater, Krankenschwestern, Ärzte, Anwälte und Ingenieure. Das Frauenzentrum möchte sich für die Stelle der Soziologin bewerben. []
  2. Vgl. Doppelstruktur – Stadtverwaltung zwischen Staat und demokratischer Autonomie []
  3. Vgl. Frauenrat Colêmerg []

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