demokratische autonomie in nordkurdistan Rätebewegung, Geschlechterbefreiung und Ökologie in der Praxis

demokratische autonomie in nordkurdistan

6.6 aktivistinnen und familie

Es folgt ein Ausschnitt aus dem Interview mit der Frauenakademie in Amed1 (Diyarbakιr):

Wo ihr gerade von der Frauenbewegung als große Familie sprecht – mussten viele Aktivistinnen der Frauenbewegung mit ihren Familien brechen oder werden sie und ihre Arbeit als aktive Mitarbeiterinnen der Frauenbewegung von den Familien akzeptiert?
Viele von uns kommen aus Familien, die der Bewegung nahe stehen, also aus patriotischen Familien. Meist respektieren sie unsere Arbeit. Um es zu konkretisieren: Weil wir im Kriegsalltag und im Widerstand aufgewachsen sind und leben, ist ein Großteil der Gesellschaft politisiert. Deswegen stehen viele in gewissem Maße der Organisierung der Frauen offen gegenüber. Wie ich mich auf einer Sitzung verhalte oder wie ich Leute organisiere, habe ich von meiner Mutter gelernt.
Aber die Institution Familie bewerten wir eigentlich so wie die Institution Staat. Der Staat schafft seine Abbilder und Familie ist eines davon, das heißt, die hierarchische Struktur des Staates wird auch in der Familie reproduziert. Daher macht es auch keinen Unterschied, ob wir von traditionellen oder von modernen Familien sprechen. In beiden werden Hierarchien reproduziert. Die Familie, die wir zunächst anstreben, ist eine Familie, die offen für ein demokratisches Verständnis, für einen Demokratisierungsprozess ist. Wir sprechen aber nicht von demokratischen Familien, weil das zum jetzigen Zeitpunkt zu hohe Erwartungen wecken würde.

Mit Durchhaltevermögen, Diskussion und Widerstand können wir auch in der Familie Dinge verändern!

Wir haben festgestellt, dass die Familien für das neue System, den Demokratischen Konföderalismus, die Demokratische Autonomie nicht wirklich offen sind. Die Familien haben es noch nicht ganz verinnerlicht. Wir, die Aktivistinnen, haben das viel eher verinnerlicht. Aber das zu verändern liegt auch an uns. Die Idee von der Demokratischen Autonomie muss den Familien in kleinen Schritten vermittelt werden. Genauso, wie wir draußen diskutieren, können wir das beispielsweise auch zu Hause tun. Je mehr unsere Familien sehen, wie sehr wir das verinnerlicht haben und wie ernst wir das nehmen, desto mehr werden auch sie davon beeinflusst. Natürlich ist das oft sehr schwierig. Bei den Diskussionen werden Türen zugeschlagen, es wird gestritten. Sachen, die in Familien eben passieren. Aber letztlich können wir mit viel Durchhaltevermögen, Diskussionen und Widerstand auch in der Familie Dinge vermitteln und verändern. Und um noch mal auf die Frage zurückzukommen, ob es notwendig ist, sich von der Familie loszulösen: Wir sind nicht für die komplette Loslösung von der Familie, sondern wir sind dafür, die Familien in diesen Prozess einzubinden und gemeinsam mit ihnen diesen Prozess zu vollziehen. Sich von der Familie loszulösen ist gleichbedeutend damit, alle anderen Beziehungen zu beenden und sich von sich selbst zu entfremden. Und daher geht es uns beim Aufbau der Demokratie darum, gemeinsam mit den Familien oder mit der eigenen Familie diesen Weg zu beschreiten.

Wie sieht es aus bei Frauen, die frei und selbständig sind, aber auch irgendwann Kinder bekommen wollen? In der BRD ist das – also die Vereinbarkeit von Beruf und Familie – ein wesentliches Thema nicht nur unter den organisierten Frauen. Und hier kommt ja zum Beruf oft auch noch politische Arbeit hinzu. Was gibt es da für Überlegungen und Forderungen?
Bei uns sehen wir Familie und Arbeit nicht so sehr als Widerspruch. Hier sind auch Frauen aktiv, die verheiratet sind und Kinder haben. Aber einige Frauen, die in der Bewegung arbeiten, entscheiden sich für den politischen Kampf und gründen keine Familie. Sie heiraten nicht, bekommen keine Kinder, weil sie die Familie als Abbild des Staates, also als Abbild des jetzigen Systems sehen und wir ja eine neue, eine alternative Gesellschaft aufbauen wollen.

Was sagt man denen, die schon Kinder haben und aktiv werden wollen, oder denen, die schon aktiv sind, aber nicht darauf verzichten wollen, Kinder zu bekommen. Gibt es beispielsweise Forderungen nach mehr (öffentlicher) Kinderbetreuung oder wird das kollektiv organisiert?
Wir hatten eine Bildungsveranstaltung, an der Frauen aus der Bevölkerung teilnehmen sollten. Eine dieser Frauen hat ein Kind, das sie unter der Woche unterbringen konnte, aber nicht am Wochenende. Sie überlegte also, ob sie überhaupt an der Bildungseinheit teilnehmen könne. Wir haben ihr gesagt, dass sie das Kind mitbringen soll. Gemeinsam haben wir zwei Tage lang die Betreuung organisiert, das sollte kein Hindernis sein. Wir hatten auch einen an die Fraueninstitution „Selis“ angebundenen Kindergarten, wo die Frauen ihre Kinder tagsüber lassen konnten. Dort wurde auch Kurdisch unterrichtet für die Kinder. Der Verein ist jetzt kurz vor der Schließung, aber wir versuchen, wieder einen neuen aufzumachen.

Frauen, die aktiv werden wollen, wird nicht zur Bedingung gemacht, ihre Familien und Kinder zu verlassen oder kinderlos zu bleiben. Es gibt auch kein Gesetz, dass uns verbietet, eine Beziehung zu führen. Ich selbst führe zum Beispiel auch eine Beziehung und arbeite trotzdem in der Frauenbewegung. Ich versuche, meine Beziehung nicht auf Grundlage der traditionellen Geschlechterverhältnisse zu führen, sondern frei davon. Wir lehnen die Realität der Familie als Teil der herrschenden patriarchalen Gesellschaftsordnung ab. Aber wenn man die Gesellschaft verändern will, dann natürlich gemeinsam und auch mit Mann und Kindern.

  1. Vgl. Frauenakademie Amed []

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