demokratische autonomie in nordkurdistan Rätebewegung, Geschlechterbefreiung und Ökologie in der Praxis

demokratische autonomie in nordkurdistan

7.1 gründung der ökologischen bewegung mesopotamiens

„Die Bevölkerung vor Ort muss aktiv werden“

Noch leben viele Kurdinnen und Kurden aus der Not heraus nachhaltig, weil sie sich keinen ausufernden Konsum leisten können. In Zukunft sollen sie aus freien Stücken in Harmonie mit der Natur leben, soweit das Bestreben der Ökologischen Bewegung Mesopotamiens. Es geht um Mitbestimmung bei energiepolitischen und andere ökonomischen Fragen und langfristige Bewusstseinsbildung, die als ebenso wichtig angesehen wird wie der konkrete Widerstand gegen energietechnische Großprojekte. Noch steckt die Bewegung in den Kinderschuhen. Ein Gespräch mit drei Aktivist_innen auf dem Mesopotamtischen Sozialforum (MSF) 2011 in Amed (Diyarbakιr).

Was verbirgt sich hinter der Ökologischen Bewegung Mesopotamiens?
Diese Bewegung ist erst dabei, sich zu etablieren. Die Initiative dazu wurde auf dem Ökologieforum Ende Januar 2011 ins Leben gerufen und die Diskussionen auf dem 2. Mesopotamischen Sozialforum im September 2011 weitergeführt. Dort wurde über viele ökologische Fragen und Perspektiven diskutiert, die in der Türkei und Kurdistan umgesetzt werden sollen. Bisher sind sie aber nur lokal organisiert und untereinander noch nicht gut vernetzt. Es gibt auch noch Gebiete, wo bisher die Aktivist_innen fehlen. Insgesamt fehlt es auch an wirklicher Massenbasis. Auf dem Ökologieforum wurde die Gründung eines Dachverbandes für diese Initiativen beschlossen. Anschließend haben wir den Entwurf einer Satzung und ein Programm ausgearbeitet, um sie an all diese Gruppen zu schicken. Jetzt geht es darum, unsere Ziele und ökologisches Bewusstsein auch in der Bevölkerung zu verankern.

Wo sollen die ökologischen Ziele in Alltag und Wirtschaft einfließen?
Das Problem liegt vor allem in den Städten. In den Dörfern ist ja das ökologische Leben zu 90 Prozent umgesetzt, in die ländlichen Gebiete ist die kapitalistische Moderne noch nicht in dem Maße vorgedrungen, obwohl sich auch das ändert. Ökologisch gesehen sind die Städte die Problemzonen. Der Energieverbrauch sollte hier nicht mehr zunehmen und in gewissen Bereichen auch gesenkt werden, indem ein Bewusstsein dafür geschaffen wird, Energie zu sparen, aber auch durch eine ökologische Neuausrichtung, einen ökologischen Umbau der Städte. Zurzeit entwickeln sich die Städte nach dem bekannten kapitalistischen Muster eines Schwellenlandes. Ihr Wachstum und der Verkehr müssen begrenzt werden. So müssen wir dahingehend auf die Kommunen einwirken, dass städtebauliche Maßnahmen nicht auf noch mehr Autoverkehr ausgelegt werden und der öffentliche Nahverkehr muss ausgebaut werden. Die Diskrepanz zwischen Stadt und Land muss schrumpfen. Lebensmittel, die in den Städten verbraucht werden, sollten möglichst aus der näheren Umgebung kommen. Auch gentechnisch veränderte Nahrungsmittel sind abzulehnen. Wir sind dagegen, dass sie überhaupt angebaut werden.

In der Schwarzmeerregion scheint es verhältnismäßig viele Umweltaktivist_innen zu geben. Was ist das Besondere an dieser Region?
Dort gibt es viele zerstörerische Staudamm- und Bergbauprojekte, alle Flüsse und Bäche sollen aufgestaut oder ausgetrocknet und alle Bergregionen zerstört werden. Fast überall in dieser Region gibt es dagegen Proteste. Auch gegen das geplante Atomkraftwerk in Sinop. Ein Grund für die Stärke der Proteste ist die direkte Betroffenheit der Region durch den radioaktiven Niederschlag infolge der Tschernobyl-Katastrophe von 1986. Weiterhin kommt hinzu, dass in den 1970er Jahren die Linken sehr stark waren, worauf sich die Menschen auch heute noch beziehen.

„Es geht um eine dezentrale Energieversorgung mit moderner, effektiver Technik, die aber nicht von den Konzernen kontrolliert werden soll.“

Welchen Stellenwert hat für euch der Verzicht auf Atomkraft und nicht erneuerbare Energien? Welche Art von Energieversorgung wäre für die kurdischen Gebiete der Türkei, bzw. die gesamte Türkei geeignet? Auf welcher Ebene soll darüber entschieden werden und von wem?
Wir sind klar gegen Atomkraft, aber für uns ist es auch bei der Nutzung der erneuerbaren Energien wichtig, dass die Bevölkerung mitbestimmt und die Versorgung möglichst dezentral organisiert wird. Auch Sonnen- oder Windenergie kann zum Gegenstand von Konzerninteressen werden. Und die sollten aus unserer Sicht genau nicht das Sagen haben. Wir legen großen Wert auf Mitbestimmung der Anwohner_innen und Verbraucher_innen.

Wie sieht es mit der Gewinnung erneuerbarer Energien aus? Dazu braucht man ja Nutzungsflächen, die es in der Stadt eher nicht gibt.
Unsere Konzepte sind in dieser Hinsicht noch nicht sehr ausgereift, deshalb fordern wir auch die Einrichtung von Instituten, die sich damit befassen. Es geht um eine dezentrale Energieversorgung mit moderner, effektiver Technik, die aber nicht von den Konzernen kontrolliert werden soll.

Das hört sich schwierig an, es muss auch finanzierbar sein.
Das ist richtig, aber das betrifft ja nicht nur diese Region, es ist ein generelles Problem und ein Thema, das international diskutiert wird. Was für uns momentan dringlich ist: Es werden aktuell Projekte umgesetzt, die zu sozialer und ökologischer Zerstörung führen. Nehmen wir Staudammprojekte, die uns nichts bringen, außer Zerstörung. Dagegen müssen wir Widerstand leisten. Der Widerstand muss vor allem von der direkt betroffenen Bevölkerung kommen. Nehmen wir Hasankeyf, nehmen wir das Tigristal, die überflutet werden sollen. Es genügt nicht, wenn sich zwei oder drei Intellektuelle in der Stadt dagegen wenden, sondern die Bevölkerung vor Ort muss aktiv werden. Das Problem liegt darin, dass sich die lokale Bevölkerung bisher nicht ausreichend widersetzt. Wenn wir es nicht schaffen, sie ganz auf unsere Seite zu ziehen, wird das vom Staat und den Unternehmen, die daran beteiligt sind, ausgenutzt. Sie sagen dann: „Was wollt ihr denn, die Bevölkerung ist doch gar nicht gegen dieses Projekt.“ Uns geht es darum, diese zerstörerischen Projekte zu verhindern. Das ist momentan unser dringendstes Problem. Die Guerilla hat in letzter Zeit mehrere Aktionen gegen Staudämme durchgeführt, die direkter und effektiver sind als die Proteste der Bevölkerung. Solche Aktionen finden zwar nicht oft statt, aber wenn sie stattfinden, ist es eine Form der Kritik an den Aktivist_innen in den Städten. Diese Kritik sagt aus, dass wir nicht genügend tun, um diese Projekte zu verhindern.

In der Türkei gibt es auch Pläne zum Bau von Atomkraftwerken und es gibt Erdbebengebiete. Wird Atomkraft in der Türkei als „Brückentechnologie“ propagiert und vielleicht auch als „kleineres Übel“ gesehen? Werden Atomkraftgegner_innen und Staudammgegner_innen gegeneinander ausgespielt?
Die ökologischen Initiativen, die es in den kurdischen Gebieten gibt, stehen einander nahe, sie lehnen Atomkraft und diese Art Staudammprojekte gleichermaßen ab. Aber es gibt leider immer noch einige Protestgruppen gegen AKWs und andere Investitionsprojekte in der Türkei, die Wasserkraft als gute Alternative zu fossilen Energieträgern sehen. Allerdings immer weniger, was erfreulich ist. Es gab letztes Jahr in Istanbul eine gemeinsame große Demonstration von staudammkritischen AKW-Gegner_innen. Was die Atomkraftwerke betrifft, gibt es niemanden in Kurdistan, der sie verteidigt. Im Moment ist das aber kein so großes Thema, weil sie noch nicht im Bau sind. Unter uns Aktivist_innen in Mesopotamien gibt es aber ein klares Bewusstsein dagegen. Wichtig für uns ist die Veränderung des Bewusstseins der Menschen. Es ist auf die Dauer wichtiger, den Leuten zu sagen, dass sie weniger Müll produzieren sollen, als dass sie ihn aufsammeln sollen. Wir müssen das Problem an der Wurzel anpacken und die Menschen dazu bringen, der Natur weniger zu schaden. Was die Energienutzung betrifft, legen wir keinen Wert darauf, genau so viel Energie zu verbrauchen wie die Menschen in Westeuropa. Dieses kapitalistische Wachstumsmodell wird uns von der türkischen Regierung vorgesetzt. Wir versuchen aber, so wenig wie möglich davon zu kopieren. Das ist nicht unser Entwicklungsmodell. Wir haben zu Hause Kühlschränke und elektrisches Licht, viel mehr brauchen wir eigentlich nicht.

Energiepolitik ist nur einer von mehreren ökologischen Bereichen. In welchen wird zurzeit konkret gearbeitet?
In der Theorie gibt es keine Probleme. Die Aktiven haben eine konkrete Meinung und Haltung zu ökologischen Fragen. Die theoretischen Grundlagen für eine ökologische Gesellschaft hat die kurdische Freiheitsbewegung in den letzten Jahren ausgearbeitet. Noch vor wenigen Jahrzehnten war die kurdische Gesellschaft auch in der Praxis nach heutigen Maßstäben sehr ökologisch. Heute ist sie das immer noch in weiten Teilen. Von der Landbevölkerung geht keine große ökologische Zerstörung aus. Eine Stadt wie Diyarbakιr trägt hierzu natürlich mehr bei. Aber im Wesentlichen geht die Zerstörung vom Staat und seinen Projekten aus. Allerdings verhalten sich die Menschen, die ökologisch leben, zum Großteil nicht bewusst ökologisch, sondern weil sie gar nicht die Mittel dazu haben, mit ihrem Konsumverhalten viel zu zerstören. Staat und Großkonzerne versuchen dagegen, die Natur immer mehr auszubeuten. Projekte, die zu massiven Umweltzerstörungen führen, sind an der Tagesordnung. Neben den Staudämmen sind das zum Beispiel die Pipelines für Gas und Öl quer durch Kurdistan. Außerdem gibt es z. B. Bestrebungen des multinationalen Bergbaukonzerns Rio Tinto, in der Provinz Dêrsim Gold zu schürfen – unter Einsatz von Zyankali. Gegen all diese Projekte wollen wir in naher Zukunft verstärkt Aktionen durchführen und bei der Gründung von Initiativen vor Ort helfen. Wir wollen das Thema Ökologie verstärkt in die kommunalen Bildungszentren tragen, wo Seminare für Menschen jeden Alters angeboten werden. Ökologie ist auch in sämtlichen Akademien der Bewegung ein Thema. Neben dem Widerstand gegen bestimmte Projekte, ist es sehr wichtig, Bewusstsein zu schaffen. Auf beiden Ebenen arbeiten wir.

Kommentare sind geschlossen.

Suche