demokratische autonomie in nordkurdistan Rätebewegung, Geschlechterbefreiung und Ökologie in der Praxis

demokratische autonomie in nordkurdistan

7.2 aktuelle aktivitäten im umweltbereich

Ercan Ayboga von der „Initiative zur Rettung von Hasankeyf“ beschreibt in einem Gespräch die aktuellen Entwicklungen und Schwierigkeiten hinsichtlich des neu begonnenen Aufbaus von ökologischen Strukturen in Nordkurdistan, d. h. von Ökoräten und -vereinen und der Ökologiebewegung Mesopotamiens:

„Es gibt die Idee, Ökoräte aufzubauen. Die Überlegungen hierzu kommen von der Ökologiebewegung Mesopotamiens1. Die Stadt- und Provinzversammlungen, also die Räte, haben acht Arbeitsgebiete. Eines davon ist Ökologie. Die Stadt- und Provinzversammlungen haben aber noch nicht zu allen acht Themen Kommissionen, Arbeitsgruppen oder Unterräte gegründet. Ziel der Räte soll sein, alle Gruppen und Einrichtungen, die damit zu tun haben, zusammenzubringen: die Vereine, die entsprechenden Abteilungen der Kommune wie die Umwelt-, Grünflächen- und Bauämter. Auch die Berufsorganisationen und vor allem die Union der Kammern der Architekt_innen und Ingenieur_innen (TMMOB) sollen mit einbezogen werden.
Die Vereine, die in die Räte mit einbezogen werden sollen, sind Vereine, von denen es nicht viele gibt, in jeder größeren Stadt vielleicht ein bis zwei. Hier in Amed ist vor knapp zehn Jahren ein Verein gegründet worden: der Verein der Umweltfreiwilligen. Der ist de facto aber nicht mehr aktiv. Sie haben zum Ilisu-Staudamm gearbeitet und versucht, Untersuchungen zur Biodiversität hier in der Umgebung zu machen. Jetzt ist in Amed aber ein neuer Verein entstanden, den ich noch nicht kenne. In Elih (Batman) gibt es auch einen Verein der Umweltfreiwilligen, der auch zum Ilisu-Staudamm arbeitet, der dort in der Nähe gebaut wird, aber darüber hinaus auch gegen das Problem der Luftverschmutzung kämpft. Die dortige Ölproduktion führt zu Verschmutzung und befördert Krankheiten bei den Menschen. Die Produktionsanlagen liegen ganz nah an der Stadt. Die gesamte Industrie besteht in der Ölproduktion. Früher haben dort 10.000 Menschen gearbeitet, jetzt nur noch ungefähr 2.500. Deshalb hat sich Elih nach dem 2. Weltkrieg auch von einem Dorf zu einer Großstadt mit knapp 400.000 [offiziell 325.000] Einwohner_innen entwickelt.
In Mêrdîn (Mardin) gibt es einen Verein, der zum Thema Verstädterung arbeitet. Sie führt hier zu großen Problemen: Verschlechterung der Luft-, Boden- und Wasserqualität. Das gleiche Problem wurde in den 1960er, 70er Jahren auch in Europa kritisch wahrgenommen. Als Reaktion auf die Umweltverschmutzungen und die mit ihr einhergehenden Probleme sind diese Vereine entstanden, einige Leute haben sich gesagt, dass sie nicht einfach zuschauen können.
In Dêrsim gibt es die Munzur-Natur-Aktivist_innen. Sie arbeiten vor allem zu Staudämmen, aber auch zu Verschmutzungen rund um die Flusstäler, weil dort jetzt der regionale Tourismus zugenommen hat. An Teilen der Flüsse in Dêrsim ist es manchmal sehr verschmutzt, weil die Hälfte der Besucher einfach ihren Müll wegschmeißt. Daher wurden Aktionen durchgeführt, bei denen 50 Leute ins Tal gegangen sind, dort Müll gesammelt und eine Erklärung abgegeben haben. Sie versuchen, die Stadtverwaltung dazu zu bewegen sich aktiv einzumischen. Die staatlichen Einrichtungen unternehmen nichts, weil das verschmutzte Gebiet außerhalb der Stadt liegt.
Den Cilo-Naturverein2 in Colêmerg (Hakkari) gibt es seit sechs Jahren. Cilo, das ist der Name des höchsten Berges in dieser Provinz. Der Verein arbeitet zu Staudämmen und zu Waldzerstörungen, d. h. zum systematischen Niederbrennen der Wälder durch das Militär um die Militärstation herum [um der Guerilla die Deckung zu nehmen]. Waldbrände werden in Hakkari ebenso wie in Şιrnak und in Dêrsim vom Militär bewusst und systematisch gelegt.
In Wan (Van) gibt es einen Verein, der zur Verschmutzung des Wan-Sees arbeitet und entsprechende Aufklärungsarbeit leistet. In den Kleinstädten entstehen nun auch solche Vereine. In Şirnex (Şιrnak) gibt es beispielsweise eine Plattform, die zu ökologischen Themen arbeitet. Die Zahl solcher Vereine nimmt immer mehr zu in der Region, aber ein grundlegendes Problem ist, dass diese Vereine und Gruppen relativ klein sind und die Arbeit oft an ein oder zwei Personen hängt. Wenn sie weg sind, stürzt alles ein. Alle sind relativ neu und natürlich ehrenamtlich aktiv. Die vereinzelten Gruppen kommen in ihren Gegenden kaum voran, wirkliche Ergebnisse erzielen sie kaum. Als im Januar 2011 auf dem Ökologieforum die Ökologiebewegung Mesopotamiens ausgerufen wurde, wurde diskutiert, wie in dieser Situation das notwendige Netzwerk aufgebaut werden kann. Es braucht dafür mehr Menschen, Gruppen und Einzelaktivist_innen und ein paar Leute, die sich jetzt ernsthaft um das Netzwerk in Nordkurdistan kümmern.
In der Ökologiebewegung sollen nicht nur die lokalen Vereine arbeiten, auch die Kommunen sollen einbezogen werden. Zunächst gab es dagegen Bedenken, weil das Netzwerk von Gruppen und Vereinen getragen sein sollte. Dann aber entschieden sich die Aktivist_innen dafür, weil durch die Einbeziehung der Kommunen in das Netzwerk ihnen die Ziele besser vermittelt werden können. Sonst fühlen sie sich ausgeschlossen und könnten das, was diskutiert wird, vielleicht nicht ernst nehmen oder die Forderungen ignorieren. Es wurde und wird kritisiert, dass die Kommunen Einrichtungen sind, die nicht immer an der Basisarbeit interessiert sind, oder hinter denen eine politische Kraft stecke, die gewählt werden will und auch gewisse andere Interessen verfolgt. Aber da die meisten Kommunen hier von der BDP [Partei für Frieden und Demokratie] gestellt werden, wurde für ihre Beteiligung gestimmt.“

  1. Vgl. Gründung der Ökologischen Bewegung Mesopotamiens []
  2. Vgl. Die Natur zurückerobern – auch in den Köpfen! []

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