demokratische autonomie in nordkurdistan Rätebewegung, Geschlechterbefreiung und Ökologie in der Praxis

demokratische autonomie in nordkurdistan

7.3 „wir können nicht einfach zuschauen!“ …

… – proteste gegen die staatliche energiepolitik

„Menschen organisieren sich zu ökologischen Themen, wenn Probleme offen zu Tage treten und ein Bedarf an Selbstorganisation entsteht“ (Aysel Doğan).

Als Reaktion auf die Umweltverschmutzung und die mit der staatlichen Energiepolitik einhergehenden Probleme entstehen in Kurdistan immer mehr Vereine und Initiativen. Diese Gruppen eint eine dezidiert kapitalismuskritische Haltung in dem Versuch einer ökologischen Praxis. Ausschnitte aus den Interviews.

Welche Themen bewegen die Menschen?
Es gibt einige wichtige Themen, aber die Staudämme bewegen die Menschen am meisten. Die größten Zerstörungen werden durch sie verursacht. Entweder werden die Fließgewässer aufgestaut und dadurch zerstört oder sie werden durch die kleineren Wasserkraftwerke ausgetrocknet. Daneben gibt es die fossilen Großkraftwerke, also die Gas-, Kohle und Ölkraftwerke zur Stromerzeugung. Sie werden in direkter Nähe von Städten und Dörfern gebaut. Für die Menschen aus der Umgebung hat das katastrophale gesundheitliche und ökologische Auswirkungen. Diese Kraftwerke haben den größten Anteil an der Energieversorgung, sie werden überall gebaut. Hinzu kommen an einigen Orten auch der Bergbau, der zu einem immer größerem Problem wird. Es wird nach Kohle, Gold, Chrom und auch Kupfer geschürft. Es gibt Steinbrüche, beispielsweise in Dêrsim. Im Wan-See soll es angeblich Uranvorhaben im Wert von 8 Milliarden Euro geben, das ist noch nicht gesichert. In Elih (Batman) ist die Ölförderung ein großes Problem, BP und Shell sind hier aktiv. Auch in Amed (Diyarbakιr) und Umgebung führt Shell Bodenuntersuchungen und Probebohrungen durch.“ (Aktivist der Ökologiebewegung)

Sind die Rohstoffvorkommen eher ein Fluch als ein Segen?
Es ist klar, dass der Kapitalismus kein Mitleid kennt und die Natur skrupellos ausbeutet. Viel Öl gibt es in Nordkurdistan nicht, außer in Elih und vielleicht an einigen anderen Orten – das zumindest ist der bisherige offizielle Stand. Das meiste Öl ist jedoch in Südkurdistan vorhanden. Es bringt sehr viel Profit, ist aber gleichzeitig schädlich für die Umwelt und zerstört Naturgebiete. Dabei muss man bedenken, dass nicht wir es sind, die das Öl als Reichtum betrachten, sondern der Kapitalismus. Wir sollten uns bei unserer Kritik auf den Kapitalismus fokussieren. Wir sollen alle zufrieden stellen in dieser Region. Alle schauen auf uns, gerade in Bezug auf die Rohstoffknappheit in der Welt und alle wollen die Reichtümer, also Rohstoffe, ausbeuten. Wenn die internationalen Naturschützer_innen und Umweltorganisationen sich nicht um diese Region kümmern, dann wird sie in die Hände der Kapitalisten fallen. (Mitarbeiter von Cilo-Der1)

Gibt es Unterstützung von internationalen Organisationen wie Greenpeace?
Aufgrund des Krieges arbeitet Greenpeace nicht in dieser Region. In Ankara gab es Diskussionen mit Greenpeace, aber in Kriegsgebieten sind große Kampagnen schwer umzusetzen. Auch zum Thema Staudämme verhält sich Greenpeace eher zurückhaltend. (Mitarbeiter von Cilo-Der)

Wie sollte der Energiesektor umgestaltet werden, welche Maßnahmen stehen an erster Stelle?
Die Regierung behauptet, der Energiebedarf wachse jedes Jahr um sieben bis acht Prozent. Wenn die Wirtschaft boomt, dann sind es so sieben, acht Prozent. Zwischenzeitlich gibt es Jahre, in denen der Bedarf deutlich wieder zurückgeht. Im Durchschnitt sind es ungefähr vier bis fünf Prozent. Aber die Verluste bei der Energie sind groß. In den Leitungen gehen 20 bis 23 Prozent des elektrischen Stroms verloren, weil sie alt sind, zu selten überholt werden und auch, weil ein erheblicher Teil des Stroms über weite Strecken aus dem Osten in den Westen transportiert wird. Erst einmal sollte man die alten Anlagen, die alten Kraftwerke, überholen. Mit den zwei Milliarden Euro beispielsweise, die für den Ilisu-Staudamm vorgesehen sind, könnte man anderweitig zwei bis dreimal so viel Energie gewinnen. Das kann als Erstes gemacht werden. Wir sagen: „Stoppt die Projekte, macht erst mal das. Dann werden wir sehen, ob der Energiebedarf wirklich steigt. Lasst uns in der Zwischenzeit diskutieren, wohin die Entwicklung gehen könnte.“ Aber die Regierung sagt: „Wir verbrauchen pro Kopf nur 25 bis 30 Prozent des Stroms, den Mittel- und Westeuropa verbrauchen – also haben wir einen Nachholbedarf.“ Wir setzen darauf, dass wir hier nicht so viel verbrauchen sollen wie in Europa. Die Türkei ist der Staat, der nach dem Rio-Umweltgipfel prozentual gesehen den höchsten zusätzlichen Ausstoß an Treibhausgasen hat. Die Treibhausgasemissionen haben seit 1992 um 100 Prozent zugenommen. Die Türkei hat in Kopenhagen auf der Weltklimakonferenz vor zweieinhalb Jahren angekündigt, dass sie dem Klimawandel mit noch mehr Wasserkraftwerken entgegentreten will. In den Jahren 2020 bis 2030 will sie 30 Prozent des Strombedarfs aus erneuerbaren Energien gewinnen. Aber bereits heute werden 25 Prozent mit Wasserkraft gedeckt. (Aktivist der Ökologiebewegung)

Welche Pläne gibt es hinsichtlich der Nutzung anderer erneuerbarer Energien?
Es gibt nur ein paar Modellwindkraftanlagen bei Izmir. Das Windkraftpotenzial der Türkei ist groß. Jetzt soll ein neues Gesetz für erneuerbare Energien diskutiert werden, das dies alles regeln soll. Jahrelang hat die Regierung dies bewusst verzögert, aber es wird von der EU gefordert. Daher wird schon etwas kommen. Aber es ist nicht das, was wir davon erwarten und stellt keine große staatliche Unterstützung dar. (Aktivist der Ökologiebewegung)

  1. Vgl. Die Natur zurückerobern – auch in den Köpfen! []

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