demokratische autonomie in nordkurdistan Rätebewegung, Geschlechterbefreiung und Ökologie in der Praxis

demokratische autonomie in nordkurdistan

7.4 die natur zurückerobern – auch in den köpfen!

„Sie ist unsere zweite Mutter. Wenn wir vertrieben wurden, haben wir immer Zuflucht in den Bergen, in der Natur gesucht.“ (Mitarbeiter von Cilo-Der)

Die kurdische Kultur ist sehr naturbezogen…
„Die Kurdinnen und Kurden sprechen mit den Bergen. Die Natur ist für uns Mutter, Genossin, Leben, Heimat, Obdach und Zufluchtsstätte.“
(Mesopotamisches Kulturzentrum)

„1993 wurden in Kurdistan die Dörfer zwangsweise geleert und Leute vertrieben. Von dieser Stadt hier kann man sagen, dass sie einfach ein großes Dorf ist. Die Leute haben ihre bäuerliche Mentalität und die Viehzucht mitgebracht. Es war sehr schön und es ist auch hier sehr schön. Aber für die Stadtverwaltung ist es ein Problem, dass die Menschen zum Teil hier noch dörflich leben, sich aber trotzdem durch die Urbanisierung von der Natur und der natürlichen Lebensweise entfernt haben.“ (Mitarbeiter von Cilo-Der)

„Der Mensch muss in Harmonie mit der Natur leben, denn er ist Teil des ökologischen Systems. Warum sollen sich Menschen gegen die Natur stellen? Doch wenn Menschen – Einzelpersonen, Unternehmen, Staaten – genau dies tun, wenn sie nach einem einseitigen Nutzen in der Beziehung zur Natur suchen und sie ausbeuten, entstehen die Probleme. Dem kann durch Organisation und natürlich auch durch ein verändertes Bewusstsein in der Bevölkerung entgegen gewirkt werden. Es muss umfassend über die Folgen der Naturzerstörung aufgeklärt werden.“ (Aysel Doğan)

Mit Mitarbeitern des Naturvereins „Cilo-Der“ in Colêmerg (Hakkari) haben wir über Handlungsbedarf, Aufklärungsarbeit und ökologische Perspektiven in Kurdistan gesprochen. Der Verein Cilo-Der, benannt nach dem Berg Cilo, hat 32 Mitglieder und wurde 2004 in Colêmerg gegründet. Es folgen Ausschnitte aus zwei Interviews.

Was sind eure Ziele?
Unser Hauptziel ist es, die Natur zu schützen, aber auch ein Bewusstsein in der Bevölkerung zu wecken, damit die Menschen in Bezug zur Natur bewusster leben, die Natur achten. Das Ziel des Vereins ist es, im Bereich Natur Alternativen zu schaffen und zwar in Bezug auf alles, was mit Ökologie zu tun hat, alternative Energie, alternatives Leben, das sich mehr auf die Natur bezieht, damit die Menschen ökologischer, also naturbewusster, leben. Die Menschen leben hier ja sowieso mit der Natur im Einklang. Aber es geht darum, ihnen dieses Bewusstsein und den Unterschied, der hier vorhanden ist, klar zu machen. Unsere Philosophie beruht auch auf dem Schutz von bedrohten Tierarten. Zum Beispiel: Überall auf der Welt – vielleicht gibt es kein internationales Gesetz – ist das Jagen von Bergziegen verboten, auch nach den türkischen Gesetzen. Aber Dorfschützer und Militärangehörige gehen in die Berge, um zu jagen, und sie jagen auch seltene Arten von Wild, um sie zu essen und missachten dabei den Artenschutz. Wir versuchen, die Bevölkerung diesbezüglich aufzuklären und ihnen unseren Naturreichtum näher zu bringen, um die Tiere dadurch zu schützen.

Wie versucht ihr, trotz Krieg und Repression die Menschen darin zu bestärken, wieder ein stärkeres Bewusstsein für die Natur aufzubauen? Wie arbeitet der Verein mit dem Stadtrat und mit der Stadtverwaltung zusammen?
Wir arbeiten mit der Stadtverwaltung zusammen, sie organisiert die Menschen und wir gehen direkt in die Dörfer zu den Menschen und reden mit ihnen. Wir möchten das Thema Ökologie aber verstärkt in die Räte einbringen, weil dies jetzt auch die Zukunft ist.
Mit der Stadtverwaltung haben wir uns wegen Grünflächen, Wasserversorgung, Müllabfuhr und ähnlichen Dingen zusammengesetzt. In letzter Zeit gab es aber keine Treffen mehr, und die Zusammenarbeit mit dem Stadtrat hat sich noch nicht wirklich etabliert. Hauptursache hierfür ist die allgemeine Situation, die Kriegssituation, die zur Folge hat, dass die Menschen sich nicht auf ihre eigentliche Arbeit konzentrieren können. Sie sind ständig mit Verhaftungen, Gefechten und Toten beschäftigt. Das wird zum Alltag. Kommunaler Umweltschutz ist allein schon deswegen schwer umzusetzen, da weder die kommunale Selbstverwaltung noch die NGOs Geld haben und der Staat hier keinerlei Unterstützung leistet. Ganz im Gegenteil: Der türkische Staat verhindert sogar die Unterstützung von außen, z. B. für den Bau einer Wasserwiederaufbereitungsanlage, mit der Begründung, dass das Innenministerium eingeschaltet werden müsse. Das heißt, die Kommunen können nicht autonom agieren.

Wie schädigt der Krieg die Natur?
Seit nunmehr 30 Jahren gibt es diesen Krieg und es gab zahlreiche Gefechte, in denen auch chemische Waffen eingesetzt wurden. Die Region hier im Tal des Zap-Flusses hat eine reiche Flora und Fauna. Allein in Colêmerg gibt es ungefähr 6.500 Pflanzenarten. Außerdem ist es eine historisch bedeutsame und naturverbundene Region, in der schon die Assyrer_innen und Chaldäer_innen lebten und ihr kulturelles Vermächtnis hinterließen, zum Beispiel die von ihnen vor 250 oder 300 Jahren gepflanzten Walnuss- und Maulbeerbäume. Es gibt auf manchen Gipfeln Gletscher, die 20.000 bis 50.000 Jahre alt sind. Und es gibt hier sehr seltene Pflanzenarten, die vom Aussterben bedroht sind und unter Naturschutz gestellt werden sollen. Aufgrund des Kriegs in den Cilo-Bergen wachsen und gedeihen die Pflanzen nicht mehr, sie sterben ab und die Erde liegt brach. Die genauen Ursachen kennen wir nicht, aber wir beobachten, dass die Pflanzen eingehen. Auch die Ernteerträge sinken. Die Zahl der vielen Vogelarten, die es hier einmal gab, hat abgenommen, was am Einsatz der chemischen Waffen oder am Gefechtslärm liegen könnte. Es ist uns auch aufgefallen, dass nach diesen Angriffen die Zahl der Fehlgeburten und Krebserkrankungen sehr schnell rapide gestiegen ist.

Wir haben von vom Militär gelegten Waldbränden gehört…
Das ist richtig. 40 Prozent der Waldfläche von Şemzînan (Şemdinli) und Şirnex (Şιrnak) wurden durch die Brände vernichtet. Auch wurden von Spezialkräften der türkischen Armee im Zap-Tal Granaten oder Sprengstoff benutzt, um Fische zu fangen. Außerdem sind alle strategischen Punkte an der Grenze der Türkei zu Iran und Irak vermint.

Ist es leicht, Freiwillige für diese Arbeit zu gewinnen?

Es ist das Schwierigste überhaupt, jemanden für dieses Thema zu gewinnen. Wir sind ein Verein und deswegen haben wir Mitglieder und Aktivist_innen, die Akademiker_innen, Doktor_innen, Student_innen und andere gebildete Personen sind. Wir versuchen aber aus dem Frauen- und Jugendspektrum weitere Leute zu gewinnen. Weil wir davon ausgehen, dass diese Arbeit mit der Jugend und den Frauen erfolgreicher sein wird als mit sogenannten Akademikern. Die Menschen des Mittleren Ostens haben eine ganz andere Lebensart als die Europäer_innen. Obwohl wir sehr arm sind, haben wir eine Natur, die sehr reich ist, haben wir einen reich gedeckten Tisch, wir schmeißen sogar Essen weg. Da die Natur uns so reich beschenkt, sind wir selber zu faul, um etwas für diese Natur zu tun. Wir konsumieren und leben umsonst. Die Kurd_innen, das muss man auch betonen, leben in einer Gegend, die Reichtümer besitzt und eigentlich auch sehr wohlhabend ist. Seit Jahrhunderten kolonisieren uns unterschiedliche Invasor_innen, Mächte und Imperialist_innen, die sich unserer Reichtümer bewusst sind – nur wir sind es nicht. Wir sind die armen Kinder des reichen Landes – so kann man das vielleicht verstehen.

Wie klärt ihr die Bevölkerung auf?
Wir verteilen zum Beispiel Zeitschriften, die auf Umweltverschmutzung hinweisen. Außerdem haben wir Broschüren für Schulen entwickelt, die über Umwelteinflüsse und über Umweltschutz aufklären. Dazu hat der Verein Kontakt zur Stadtverwaltung und zu Schulen aufgenommen. Gemeinsam wurden entsprechende Bildungseinheiten entwickelt. Umwelterziehung ist nicht Bestandteil des Schulunterrichts. Die Lehrpläne werden zentral von Ankara erstellt. Sie berücksichtigen nicht die regionalen Probleme, sondern betrachten sie vielmehr durch eine politisch-ideologische Brille.

Erhaltet ihr Unterstützung von außen?
Von einer deutschen Stiftung bekommen wir für die Aufklärungsarbeit finanzielle Unterstützung. Wir betreiben gemeinsam ein Naturschutzprojekt für Mesopotamien, der Region um Euphrat und Tigris, das sich mit den Staudämmen befasst mit dem Ziel, sie zu verhindern. Das Projekt ist zwar klein, aber es ist für die gesamte Region sehr wichtig, nicht nur für die Türkei, sondern auch für den Irak und Syrien. Es ist auch von internationalem Interesse, denn jeder in der Region muss die Wasservorräte nutzen können. Auch an den politischen Akademien findet ökologische Aufklärung statt.

„Eigentlich ist unser Ziel, eine Revolution in der Mentalität der Menschen zu schaffen…“

Was passiert im Bereich der ökologischen Bildung?
Es wird die Beziehung zwischen Menschen und Natur bzw. Menschen und Ökologie thematisiert, wir diskutieren über die Natur- und Umweltzerstörung und über die Ökologiebewegung und ihre Forderungen.

Es geht jetzt also weniger um eine praktische Umsetzung alternativer ökologischer Konzepte?
Eigentlich ist unser Ziel, eine Revolution in der Mentalität der Menschen zu schaffen, so dass sie sich gegenüber dem Thema sensibilisieren, also eine Art Bewusstseinsschaffung. Wir versuchen beispielsweise in den Stadtverwaltungen, in denen wir die Bürgermeister_innen stellen, dieses Bewusstsein zu schaffen, das sie in ihrer Arbeit dann umsetzen können.

Handeln die Leute dementsprechend?
Wir können die Verantwortlichen kritisieren, wenn sie sich Entscheidungen treffen, die ökologisch nicht vertretbar sind. Wir versuchen, auf Entscheidungen Einfluss zu nehmen, indem wir über die ökologischen Aspekte aufklären. Dort, wo es unsere Akademien gibt, können wir Wissen vermitteln. Natürlich arbeiten wir auch mit praktischen Beispielen, indem wir Leute einladen, die von ihren praktischen Erfahrungen berichten.

Kommentare sind geschlossen.

Suche