demokratische autonomie in nordkurdistan Rätebewegung, Geschlechterbefreiung und Ökologie in der Praxis

demokratische autonomie in nordkurdistan

7.5 von widerstandsgurken und anderen seltenen arten

Ein anderer Mitarbeiter des Naturvereins Cilo-Der empfängt uns in seinem Haus am Stadtrand von Colêmerg (Hakkari). Gleich im Eingangsbereich des Wohnhauses stoßen wir auf mehrere Frauen, die vor ungefähr 15 Webrahmen sitzen und Teppiche knüpfen. Ihr Chef ist unser Gastgeber und die Frauen sind Mitarbeiterinnen in einem Teppichprojekt, das von einem Schweizer Verein finanziell unterstützt wird und ihnen die Möglichkeit gibt, Erwerbseinkommen zu erzielen.

Die Wolle für die Teppiche wird im selben Haus gefärbt. Hierfür werden pflanzliche Färbemittel verwendet, die aus im Garten angebauten oder wild gesammelten pflanzlichen Materialien wie Wurzeln, Kräutern und Blättern gewonnen werden. Das Wissen um Pflanzenfarbe und Färbetechniken hat sich der Projektleiter über die Jahre selbst angeeignet. Die komplexen Kenntnisse seiner Großmutter waren verloren gegangen. Er selbst hat nun damit begonnen, seine Erfahrungen zu dokumentieren.

„Der Kapitalismus wird nicht gegen diese Gurke siegen!“

Nebenbei legt er eine kleine Samensammlung an, vor allem von vom Aussterben bedrohten Pflanzen und seltenen Arten aus der Region. Regelmäßig geht er ins Flusstal und sammelt dort kleine Triebe, die er dann in seinem Garten hochzieht, beispielsweise eine kleine Traubenart, genannt Murek (Vogeltraube). Wenn sie zu kleinen Pflänzchen herangewachsen sind, verteilt er sie in der Nachbarschaft. Viele der Samen, die er uns zeigt, sind von endemischen Pflanzen. Sie verschwänden, wenn der Ilisu-Staudamm gebaut und damit ihr Lebensraum am Rande des Tigris überflutet würde. Seine Sammlung umfasst keinesfalls nur Pflanzen, die zur Färbung genutzt werden könnten, sondern auch besondere Arten von Obst, Gemüse, Kräutern, Blumen und auch Heilpflanzen, die nur hier vorkommen, darunter auch eine „Riesengurke“. Das besondere dieser Gurke ist ihre Abhängigkeit von sauberem Wasser. Sie wächst nur bei bester Wasserqualität, konnte unser Gastgeber auf Grundlage von Tests mit sauberem und verschmutzen Wasser feststellen: „Der Kapitalismus wird nicht gegen diese Gurke siegen!“ Wir taufen sie die Widerstandsgurke.

In einem anderen Gespräch mit einem Umweltaktivisten wird uns berichtet, dass es auch an anderen Orten in Kurdistan Einzelne gibt, die versuchen, seltene Arten zu bewahren, indem sie die Samen sammeln und verteilen: „Es gibt hierüber jetzt ein größeres Bewusstsein. In Amed und in Dêrsim habe ich schon mehrere Leute getroffen, die gesagt haben, dass ihnen Samen wichtig sind und die traditionellen, lokalen, ursprünglichen Samen geschützt und genutzt werden sollten.“ Mittlerweile gibt es auch innerhalb der kurdischen Bewegung die Überlegung, eine Saatgutbank aufzubauen.

Viele Pflanzen sind auch deswegen vom Aussterben bedroht, weil staatlicherseits die Nutzung von genmanipuliertem Saatgut propagiert wird. Ein Mitarbeiter des Cilo-Naturvereins berichtet: „Die landwirtschaftlichen Behörden beraten die Bevölkerung dahingehend, dass sie genverändertes Saatgut kaufen sollen. Es wird ganz bewusst eine Armutspolitik betrieben: Durch das genmanipulierte Saatgut werden Abhängigkeiten geschaffen, denn die Menschen müssen jedes Jahr neue Samen kaufen. Das Problem mit dem ökologischen Saatgut ist, dass es nur drei bis sechs Kilogramm Ertrag liefert. Bei genverändertem Saatgut ist der Ertrag um ein Vielfaches höher. Deswegen ist es so schwer für uns, die Bevölkerung davon zu überzeugen. Wir versuchen die Leute aufzuklären, damit sie nichts Genmanipuliertes produzieren, verkaufen oder kaufen, sondern Bioanbau betreiben und damit handeln. Geht mal morgen auf den Markt, wenn ihr Zeit habt, und holt eine unserer berühmten großen rosafarbenen Tomaten. Die sind biologisch angebaut! Vielerorts wird der organische Anbau vorangetrieben. An der Universität in Dêrsim wurde beispielsweise ein Studiengang zu ökologischer Landwirtschaft eingeführt.

Wenn nichts Genmanipuliertes importiert oder verkauft werden würde, dann wäre die Region an sich schon ökologisch. Ich bin selbst Farmer und baue Gurken, Tomaten, Melonen und Zwiebelknollen an. Das Problem ist, dass der Kapitalismus versucht, die Samen zu monopolisieren, indem der traditionelle Ökoanbau zerstört und stattdessen die eigenen patentierten Gensamen verkauft werden.“ Das Problem ist noch weitreichender. Erfindungen der Natur werden patentiert und so von einer kapitalistischen Verwertungslogik vereinnahmt. „Das stimmt, ein Beispiel ist die ters lale [dt. „umgekehrte Tulpe“1]. Sie wurde jetzt von einer westtürkischen Firma patentiert, obwohl das ein Produkt dieser Natur, dieser Umgebung ist.“

  1. Bei dieser Blume handelt es sich um eine sehr alte Lilienart. Uns wird von illegalem Handel mit dieser Pflanze berichtet, wo sie für 20 bis 50 Dollar pro Stück verkauft wird. In Kurdistan kostete früher ein ganzer Sack ungefähr zehn YTL, was ungefähr fünf US-Dollar entspricht. []

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