demokratische autonomie in nordkurdistan Rätebewegung, Geschlechterbefreiung und Ökologie in der Praxis

demokratische autonomie in nordkurdistan

7.6 grüne visionen – zukunftsperspektiven …

… für eine ökologische gesellschaft

Mit der Gründung von Kooperativen skizziert Aysel Doğan1 einen alternativen Weg zur ökologischen Umgestaltung der Gesellschaft. Sie hat dabei vor allem die Jugendlichen und Frauen im Blick:

„Die Natur ist so, dass alle Menschen das ernten, was sie gesät haben. Das heißt, die Natur respektiert alle Arbeit aller Lebewesen. Wenn eine Ausgewogenheit da ist, profitieren Mensch und Natur gemeinsam. Das muss der Gesellschaft bewusst gemacht werden.
Der Ansatz, der dem ökologischen System am besten Rechnung trägt, ist die Gründung von Kooperativen. In diesem Sinne ist einer meiner größten Träume der Aufbau von Jugend- oder Frauendörfern. Diese könnten Beispiele für das von uns anvisierte ökologische System sein. Hier könnten hunderte arbeitslose Jugendliche arbeiten. Diese sind hungrig, womit ich mich nicht nur auf die Nahrung beziehe. Die Jugendlichen sind auch in geistiger und psychischer Hinsicht hungrig, denn es fehlen ihnen Zukunftsperspektiven. Wenn nun Jugendliche und Frauen in einer Dorfkooperative arbeiten, werden sie nicht mehr ausgebeutet und erhalten den Wert ihrer geleisteten Arbeit. Ein kommunales Leben zwischen diesen Menschen kann beispielhaft für die ganze Gesellschaft werden.
So unrealistisch und schwierig ist das alles nicht. Vielleicht könnte in bestehenden Dörfern mit Kooperativen begonnen werden. Oder Menschen in den Metropolen könnten in ihre zerstörten Dörfer zurückkehren. Es gibt hunderte entvölkerte Dörfer. Die Menschen können nicht einfach so zurückkehren, sie brauchen materielle Unterstützung, da ihre Dörfer zerstört sind und sie wenig besitzen. Auch wenn das schwierig erscheint, ist es nicht unmöglich. Mit Überzeugungsarbeit und einigen zu bereitstellenden Möglichkeiten könnte beispielhaft ein Dorf wieder aufgebaut werden. Dazu brauchen wir Zeit. Hierbei muss erwähnt werden, dass es neben materiellen Aspekten oft Probleme seitens des Staates gibt. Denn das Militär ist überall präsent und verhält sich bedrohlich, wenn ein leeres Dorf wieder besiedelt wird. In den vergangenen Jahren ist es in Kurdistan mehrmals passiert, dass zurückkehrende Menschen drangsaliert und ihre Dörfer wieder niedergebrannt wurden.“

Der Artenreichtum in Nordkurdistan ist atemberaubend, aber er ist bedroht, vor allem durch Bau neuer Staudämme wie dem Ilisu-Staudamm. Im Zab-Tal gibt es viele Wasserquellen, viele seltene, einheimische Tier- und Pflanzenarten und vor allem viele Vögel. Zugvögel kehren von ihren Winterquartieren hierher zurück, um ihre Nester zu bauen. Von der lokalen Bevölkerung wird das Zab-Tal deshalb als Paradies der Vögel und als Wasserparadies bezeichnet. Die Region könnte Ökotourist_innen anziehen und zu einer Open-Air-Universität der Ornithologen werden. Auf diese Weise ließe sich auch die Berglandschaft in der Provinz Colêmerg (Hakkari) langfristig schützen und vor der wirtschaftlichen Zerstörung bewahren. Über solche Pläne – für die Zeit nach dem Krieg – erzählt ein freiwilliger Mitarbeiter des Naturvereins:

„Die Geografie dieser Region ist sehr speziell. Aufgrund ihrer 4.116 Meter hohen Berglandschaft und der darauf liegenden Gletscher ist sie trotz schlimmster Sommerhitze immer noch relativ frisch und kühl, es wird nicht wärmer als 20°C. Während andere arabische Länder verglühen, kann man bei uns die Fruchtbarkeit, das angenehme Wetter und auch die Landschaft genießen. Es ist nicht übertrieben zu sagen, auch wenn es sich vielleicht so anhört, von diesem Ort als einem wirklich paradiesischen Ort sprechen. Vielleicht sind die Menschen hier und anderswo sich dessen nicht bewusst, aber den Mächtigen, den Imperialisten ist das klar. Denn deswegen führen sie hier Krieg und kämpfen um diese Region.

Frühling, Sommer, Herbst und Winter erlebst du hier in einem Gebiet gleichzeitig. Wenn man sich dieses Gebiet anschaut mit seinen vier Jahreszeiten, gibt es dementsprechend viele Pflanzen, die in diesen vier Jahreszeiten auch wachsen. Und wenn ich mir das so vorstelle – ich kann das gar nicht so richtig ausdrücken – dann bin ich total glücklich darüber, wie viele Pflanzen und wie viel diese Natur anbietet. Und das hat Potenzial für Tourismus. Allein im Bergklettertourismus oder in anderen Bereichen, die mit den Bergen zu tun haben, wird man viele Menschen anlocken können und dann auch ein Gondelnetz bauen, das die Menschen hin- und her befördert. Ich stelle mir vor, dass sich hier ein Welttourismuszentrum entwickeln könnte. Der Tourismus soll aber die Natur nicht zerstören, sondern beachten, nichts verletzen oder zerstören. Es sollte keine großen Hotels geben, sondern Naturhotels.

Wir wünschen uns, dass sich in dieser Region, die unzählige Menschen seit Jahrtausenden durchlaufen haben, im Namen der Menschheit andere Menschen oder Organisationen für diese Sache verantwortlich fühlen. Ich möchte noch einmal besonders die religiöse Vielfalt in der Region Colêmerg betonen, denn bis zu den letzten Jahren des Osmanischen Reichs lebten die Kurdinnen und Kurden mit den anderen Völkern und Religionen, seien es Assyrer_innen oder Armenier_innen, zusammen. Mein Großvater beispielsweise ist ein Nasturi2. Die Botschaft ist, dass wir miteinander leben können. Deshalb sind wir nicht in uns gekehrt, sondern wir sind offen für alle.“

  1. Aysel Doğan beteiligt sich an den Kämpfen von Naturaktivist_innen und der Bevölkerung gegen die vom Militär gelegten Waldbrände. Aysel Doğan wurde wenige Tage nach dem Interview im Rahmen der andauernden Verhaftungswelle festgenommen und inhaftiert. []
  2. Anhänger des Nestorianismus, einer christologischen Lehre aus dem 5. Jahrhundert []

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