demokratische autonomie in nordkurdistan Rätebewegung, Geschlechterbefreiung und Ökologie in der Praxis

demokratische autonomie in nordkurdistan

8.1 allgemeine politische akademie amed

Der Aufbau der Demokratischen Autonomie basiert zum einen auf den Volksrätestrukturen und zum anderen auf den Akademien. Es gibt neun allgemeine Akademien, zwei Frauenakademien und zwei Religionsakademien, eine zum alevitischen und eine zum muslimischen Glauben [Ilahiyat akademisi]. In der alevitischen Akademie wird darüber geredet, wer die kurdischen Alevit_innen sind, was ihr Ursprung ist, welche Rolle sie haben, wie sie im Laufe ihrer Geschichte instrumentalisiert wurden und welche Haltung sie sich aneignen sollen. In der Akademie zum Islam wird behandelt, was der Islam ist, woher er kommt, wie seine Beziehung zu den Herrschenden oder zum Herrschaftssystem ist und wie die Islamisierung des kurdischen Volkes verlaufen ist.

„Eigentlich ist der Zweck, eine Revolution in der Mentalität der Menschen zu schaffen“

Auf dem Mesopotamischen Sozialforum (MSF) sprachen wir mit einem Vertreter der Allgemeinen Politischen Akademie Amed:

Dann sind es theologische Akademien und keine religiösen? Wir haben bisher gedacht, dass es religiöse Akademien für religiöse Menschen sind, die der Bewegung nahe stehen.
Eine Aufgabe ist es, die Religion zu analysieren und aus einer materialistischen Sicht zu klären, aufgrund welcher Entwicklung die Kurden Muslime geworden sind. Die andere Aufgabe besteht darin, sich mit religiösen Grundfragen auseinanderzusetzen, z. B. was ist der Sufismus oder was steht in der Bibel. Die Akademien stehen der gesamte Bevölkerung offen. Es geht in den Akademien nicht um die islamische Ideologie der Herrschenden, sondern um den Kern des Islams, seine ethischen Grundfragen, um seine soziale Rolle. Die Herrschenden in der Türkei haben sich die religiösen, die islamischen Gefühle der kurdischen Bevölkerung zunutze gemacht, so dass der Islam letztlich ein Instrument der herrschenden Mächte geworden ist.

Spielen hier Überlegungen eine Rolle, so etwas wie eine islamische Theologie der Befreiung zu entwickeln? Ähnlich der Entwicklung von Teilen des Christentums in Lateinamerika?

Hinter der Idee der alevitischen Akademie stehen Abdullah Öcalans Ideen über den Islam. Wir wollen sozusagen den Kern des Islams aufarbeiten und beziehen uns dabei auf die oppositionellen muslimischen Bewegungen, die sich gegen die Herrschenden und auch gegen den islamischen Staat aufgelehnt, sich aber trotzdem auch auf den Islam bezogen haben. Beispiele sind der Widerstand gegen die Umayyadische Dynastie oder Mansur al Halladsch, der den Kern des Islam gesucht hat und dann von den islamischen Herrschern gehäutet wurde. Weitere Namen sind Pir Sultan Abdal, Abu Muslim Chorasani, Babak Khorramdin, Imam Asam, Imam Safi. An den politischen Akademien wird die Geschichte der Gesellschaft analysiert: die vorstaatliche Gesellschaft, die Gesellschaft nach Entstehung der Staaten, die Sklavenhaltergesellschaft, die feudale Gesellschaft, der Kapitalismus, die Globalisierung. Wir versuchen, die Geschichte aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Ein anderes Thema ist die Geschichte Kurdistans und des Nahen und Mittleren Ostens: Wer sind die Kurd_innen, woher kommen sie, welche Kämpfe haben sie geleistet, wie sind ihre Beziehungen zu anderen Völkern im Nahen und Mittleren Osten? Darüber hinaus diskutieren wir über den Kapitalismus: Was ist der Kapitalismus, woher kommt er und wie wurde er zum herrschenden System? Welche Rolle spielen Nationalstaaten und was sind Ursprung und Funktion von Nationalismus? Auf Grundlage all dieser Diskussionen kommen wir dann zu der Frage, welche Gesellschaft wir uns wünschen und aufbauen wollen.

Eine praktische Frage zur Akademie: Wie lange dauern die Bildungseinheiten und wer nimmt daran teil?

Es gibt verschiedene Formate. Zunächst gibt es dreimonatige Einheiten. Das ist die Bildungseinheit für die Kader, die die neue Gesellschaftseinheit praktisch aufbauen sollen. Dann gibt es einmonatige Bildungseinheiten. An denen nehmen alle Leute aus den Strukturen, den NGOs, der BDP [Partei für Frieden und Demokratie], dem DTK [Demokratischer Gesellschaftskongress], aus den Gewerkschaften etc. teil. Und dann gibt es noch die Volksbildung. Die wird an bestimmten Wochentagen oder zu bestimmten Tageszeiten, beispielsweise in einem Kongresssaal, aber auch in irgendeinem Vorgarten oder mitten auf der Straße mit der Bevölkerung gemeinsam durchgeführt. Je nach Bedarf versuchen wir, der Bevölkerung diese Bildungsmöglichkeiten zu bieten. Nach den dreimonatigen Bildungseinheiten reflektieren alle Teilnehmer_innen, was sie verstanden haben und wo es Verständnisprobleme gibt. Sie formulieren eine Kritik am Staats- und Herrschaftsdenken und üben eine Selbstkritik, das bedeutet, sie reflektieren ihre Persönlichkeit in Bezug auf diese Mentalität.

Bei allen drei Bildungseinheiten, bei der einmonatigen, dreimonatigen und bei der Volksbildung sagen wir zusammengefasst Folgendes: Haltet euch fern von Nationalismus. Haltet euch fern von der gesamten Wissenschaft, die sich durch die Herrschaft beschmutzt hat. Das ist die Wissenschaft, die Waffen produziert, sozusagen die krebskranke Wissenschaft, die für die Zerstörung der Natur verantwortlich ist. Haltet euch von der Religion fern, die sich mit der Herrschaft beschmutzt hat, die zum Instrument der Mächtigen geworden ist. Haltet euch fern vom Sexismus. Wir kommen als Frau oder Mann auf die Welt. Uns wird eine bestimmte Rolle zugeteilt. Aber wenn du bei dieser Bewegung dabei sein willst, wenn du diese Gesellschaft mit aufbauen möchtest, musst du dich von den klassischen Rollenverhältnissen lösen und befreien.

Werden auch Homophobie und Homosexualität thematisiert?
Ja, das thematisieren wir auch. Wir setzen uns dafür ein, dass Homosexuelle nicht von der Gesellschaft ausgegrenzt werden. Wir sind allerdings dagegen, dass beispielsweise Transsexuelle ihren Körper verkaufen, er zur Ware wird, zu einem Business für den Lebensunterhalt.

Du sprichst von Prostitution?
Ja. Es ist etwas anderes, wenn du dein Verständnis von Sexualität auslebst oder wenn du sie als eine Einnahmequelle betrachtest. Die Kritik bezeichnet es als niedrigste Form des Kapitalismus, wenn du sie zur Ware machst.

Aber es wird gesellschaftliche Gründe geben, warum ihnen keine andere Möglichkeit bleibt als diesen Beruf auszuüben.
Natürlich gibt es diese Realität, davor kann man nicht die Augen verschließen. Aber das ist etwas, was der Kapitalismus geschaffen hat, was mit ihm zusammenhängt. Das kann man überwinden.

Wie funktionieren die unterschiedlichen Kurse? Der Bildungsstand der Teilnehmer_innen ist sicher sehr verschieden, gibt es dementsprechend unterschiedliche Kurse?
Die Bildungseinheiten sind nicht sehr theoretisch. Eine Mutter, die nie lesen und schreiben gelernt hat, kann am Ende Schlussfolgerungen ziehen, die viel realitätsnaher sind, als die von einem abgehobenen Akademiker. Die Lebenserfahrung ist eben auch wichtig. Und wir sind bei allen Arbeiten der Akademien sowohl Lehrende als auch Lernende. Unsere Bildungspolitik funktioniert nicht so, dass wir die Teilnehmer_innen danach kategorisieren, ob sie lesen oder schreiben können oder ob sie Universitätsabsolventen sind. Die neue Gesellschaft werden wir alle zusammen aufbauen – die Analphabet_innen, die Arbeiter_innen und die Akademiker_innen.

Wer sind die Lehrer_innen?
Lehrer_innen sind in der Regel Leute, die seit langem in der kurdischen Freiheitsbewegung aktiv sind, die sich tief gehend mit der Ideologie befasst, die unterschiedlichen Gesellschaftssysteme analysiert haben – im Allgemeinen, aber auch im Besonderen die Geschichte und die Entwicklung der kurdischen Freiheitsbewegung.

Und es wird innerhalb der Kaderstrukturen entschieden, wer Lehrer_in ist? Oder kommt jemand und sagt: „Ich würde gerne Lehrer_in sein?“
In jedem der Bereiche, die wir vorhin aufgezählt haben, gibt es Leute, die sich intensiv mit dem Thema befasst haben. Das sind vielleicht in jedem Bereich ein- oder zwei dutzend Leute und die klären unter sich, wer wann welchen Bereich übernimmt. Es gibt spezifische Themen, wie Philosophie, Ökonomie und politische Theorie, bei denen wir gelegentlich auch Leute von außen holen, die die Kurse leiten. Aber bei den ideologischen Themen sind es meistens Leute, die selbst aus der Bewegung kommen, die sich sowohl theoretisch als auch in ihrer Praxis mit der Ideologie befasst haben.

Wir verstehen, dass die Volksräte die Entscheidungsstruktur sind. Und da das Bildungssystem, die Schulen und Universitäten vom hegemonialen türkischen System beherrscht sind, lässt sich dort in Bezug auf Befreiung nicht viel lernen. Also übernehmen die Akademien die Wissens- und Theorievermittlung. Aber wer entscheidet denn, wer wann welche Bildung bekommt?
Hier spielt die Leitung der Akademien eine wichtige Rolle: Sie entscheidet in Absprache mit dem Stadtrat, wann es eine Volksbildung gibt und welche Bildungseinheiten angeboten werden.

Wie wird hier die Bildung von der Basis angenommen? Es ist ja ein freiwilliges Angebot.
Die Kurd_innen lieben die Bildung nicht allzu sehr, leider. Sie können gut streiten, Widerstand leisten und kämpfen, aber Bildung mögen sie nicht wirklich.

Was heißt das konkret?
Wir haben am Anfang nicht erreicht, was wir erreichen wollten. Mit der Zeit hat sich das Interesse gesteigert. Die Situation ist jetzt so, dass wir mit unseren jetzigen Kader-Kapazitäten der Nachfrage nicht nachkommen können, weil sowohl die Kader als auch die Akademien Zielscheibe der staatlichen Repression sind. Wir können bei der Ausbildung der Kader keine Kontinuität schaffen, weil sie immer wieder verhaftet werden. Vor meiner Gruppe gab es zwei andere Gruppen, die die Akademien geleitet haben. Diese wurden bei den KCK-Operationen1 festgenommen. Gestern wurde in der Akademie in Izmir eine Razzia durchgeführt und die Leitung festgenommen.

Wie viele Bildungsveranstaltungen gibt es im Jahr? Sind es zehn oder eher 50 Teilnehmer_innen?
Die einmonatigen Bildungseinheiten haben mindestens 20 und maximal 35 Teilnehmer_innen. Manchmal laufen zwei Bildungseinheiten parallel. Wenn es weniger als 20 Teilnehmer_innen sind, wird die Einheit nicht durchgeführt. Wenn es mehr als 40 sind, finden zwei Bildungseinheiten parallel statt. Es gibt vier bis acht Bildungseinheiten pro Jahr. Und dann gibt es noch die Volksbildung. Pro Jahr besuchen ungefähr 250 bis 300 Leute die Bildungseinheiten. Wenn man die Volksbildung noch dazu nimmt, dann steigt die Zahl auf 5.000. Es gab auch schon Volksbildungseinheiten, bei denen an jedem Wochenende 300 Personen zusammen teilgenommen haben.

Wie werden sie angekündigt, wie wird dafür geworben?
Oft ist es so, dass wir in einen Stadtteil gehen. Die Bildungseinheiten werden dann von zehn Leuten besucht. Das spricht sich herum, dann verdoppelt sich die Zahl und beim nächsten Mal verdreifacht sie sich. Und sie steigt weiter bis zum Ende der Bildungseinheit.

Das heißt, man hat kein offizielles Programm, sondern geht zu den Leuten und spricht mit ihnen?
Nein, wir haben schon ein Programm. Wir gehen heute in diesen Stadtteil und machen eine Einheit, in der wir über Demokratische Autonomie diskutieren. Das spricht sich in der Bevölkerung herum. Die Bevölkerung ist deswegen interessiert, weil die Bildung von der Bewegung angeboten wird, für die sie Widerstand leistet, für die ihre Kinder in den Widerstand gehen. Sie haben ein Interesse daran, diesen Prozess, diese Politik zu verstehen.

Wo finden die Bildungseinheiten der Akademien statt?
Die Akademien haben eigene Räumlichkeiten. Volksbildung findet sowohl in den Akademien als auch draußen statt, je nachdem, wie groß die Nachfrage ist.

Ab welchem Alter ist die Teilnahme möglich?
Es gibt keine Altersbegrenzung. Kinder kommen zwar nicht, aber Jugendliche. Die Diskussionsthemen sind vor allem Freiheitsfragen, also der Freiheitskampf. Und die meisten Probleme und Einschränkungen mit der Freiheit haben Frauen. Es kommen daher auf jeden Fall mehr Frauen.

Weil das Interesse größer ist oder weil die ökonomischen Bedingungen so sind, dass die Männer eher arbeiten und die Frauen mehr Zeit haben?
Es hat nichts mit ökonomischen Bedingungen zu tun. Die Frauen sind in der kurdischen Freiheitsbewegung eben sehr gut organisiert. Deswegen kommen sie zu den Bildungseinheiten. Bei der Jugend gibt es folgendes Problem: Letztlich ist Kurdistan noch immer eine Kolonie und die Psychologie der Kolonisierten sieht so aus, dass sie sich als minderwertig ansehen und sich die Modelle des Kolonialisten zum Vorbild nehmen. Ich bin auch durch das türkische Bildungssystem gegangen, und die Jugend nimmt dieses westliche Bildungssystem gerne als Grundlage und sieht das eigene als minderwertig an.

Wie wird sich die Arbeit der Akademien entwickeln?
Die Akademien sind der Repression ausgesetzt. Sie haben keinen legalen Status. Wenn sie die Ruhe hätten, sich frei zu entfalten, könnten sie im Nahen und Mittleren Osten dieselbe Rolle spielen, wie einst die Akademien von Sokrates und Platon im antiken Griechenland.

Vielleicht wäre darüber hinaus sogar ein internationaler Austausch möglich?

Darauf hoffe ich. Wenn das geschehen würde, wäre ich glücklich, dass ich zumindest einen kleinen Beitrag für das Ganze geleistet habe.

  1. Wegen angeblicher Mitgliedschaft in der Koma Civakên Kurdistan (Union der Gemeinschaften Kurdistans) wurden seit 2009 unter Anwendung der Antiterrorgesetze ca. 8000 Personen (Stand Juli 2012) festgenommen. []

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