demokratische autonomie in nordkurdistan Rätebewegung, Geschlechterbefreiung und Ökologie in der Praxis

demokratische autonomie in nordkurdistan

8.2 allgemeine politische akademie wan

Wir führten ein Interview mit einem Mitarbeiter der Politischen Akademie in Wan (Van):

Wann und weshalb wurden die Akademien gegründet?
Die Akademien standen schon lange auf unserer Tagesordnung. Letztlich haben wir einen Paradigmenwechsel erlebt. Wir schaffen ein alternatives System, was ein Umdenken erfordert. All unsere Erkenntnisse beruhen im Grunde auf den europäischen Sozialwissenschaften. Wir kritisieren die europäische Sozialwissenschaft, sie ist hegemonial und popularisiert die Macht. Es ist eine sehr schwere Aufgabe, ein System außerhalb des Staates aufzubauen. Der Staat ist eine 5.000 Jahre alte Mentalität. Die Wahrnehmung und die Denkweise der Menschen werden von den Staaten geformt. Deshalb musst du, wenn du ein System außerhalb des Staates aufbauen möchtest, ein Umdenken stattfinden lassen. Falls du dieses Umdenken nicht vollziehst, wirst du es nicht schaffen, dich von den Ideen, die die Staaten produziert haben, zu lösen.

Hier im Mittleren Osten werden die Menschen vom dogmatischen Denken beherrscht, kritisches Hinterfragen ist nicht sehr verbreitet. Wir betrachten sowohl die europäische als auch die religiös-dogmatische Denkweise des mittleren Ostens kritisch. Wir versuchen, die Sozialwissenschaften neu zu betrachten, auch Staaten und Demokratie, wir definieren alles neu. Wir kritisieren die europäische Definition von Demokratie. Es wird von Demokratie gesprochen, aber von welcher, ist es wirklich eine Demokratie, die die Interessen des Volkes repräsentieren kann? Wir betrachten das eurozentrische Denken kritisch. Europa denkt, dass alles Fortschrittliche dort seinen Ursprung hat. Doch nicht jeder Fortschritt ging von Europa aus. Wir sind der Meinung, dass der Mittlere Osten ein tief verwurzeltes Wissen besitzt. Deshalb versuchen wir, dieses Wissen wieder zu entdecken. Wir wollen die Renaissance/Reformation des 15. Jahrhunderts hier im Mittleren Osten neu aufleben lassen.

Was sind die konkreten Inhalte der Bildungseinheiten in der politischen, allgemeinen Akademie?
Erst einmal diskutieren wir über die Wichtigkeit von Bildung, denn hier im Mittleren Osten sind wenige gebildet, Bildung hat hier keinen hohen Stellenwert. Deshalb versuchen wir eine Sensibilisierung für die Wichtigkeit von Bildung zu schaffen. Ein weiterer Punkt ist die Philosophie, weil die ersten Mythologien, die religiösen Dogmen und die ersten Annäherungen an den Positivismus hier im Mittleren Osten entwickelt wurden. Mit dem Mittleren Osten meinen wir nur nicht Kurdistan, sondern den gesamten Mittleren Osten mit all seinen verschiedenen Völkern. Wir versuchen, erst eine Sensibilität für Bildung zu schaffen, danach versuchen wir den Geist zum Nachfragen, Erforschen und Prüfen zu vermitteln. Denn die Menschen im Mittleren Osten glauben an das Schicksal, sie gehen davon aus, dass alles vorherbestimmt ist und sie nach dieser Bestimmung leben und sie schauen nicht nach Ursache und Wirkung.

Aus diesem Grund vermitteln wir unterschiedlichste philosophische Strömungen der Vergangenheit und Gegenwart. Dann vermitteln wir Gesellschafts- und Kulturgeschichte. Wir lehnen die Geschichtsschreibung der Mächtigen ab. Unser Ziel ist es, die ungeschriebene Geschichte zu vermitteln. Obwohl die Sklav_innen viel Widerstand geleistet haben, wurde ihre Geschichte nie geschrieben Die römische Geschichte erzählt nur von römischen Kaisern, über Spartakus wird viel weniger geschrieben. Auch die Frau wird von der Geschichtsschreibung der Herrschenden nicht berücksichtigt. Sie wird nicht gesehen. Deshalb versuchen wir, die Geschichte derjenigen, über die kaum oder gar nicht geschrieben wurde, zu enthüllen, von Sokrates bis Galileo.

Marx ist für uns sehr wichtig, wir nehmen Marx und Engels ernst. Denn auch wenn sie unvollständig blieb, hat Marx eine gute Analyse des damaligen Europas vorgenommen. Indem wir die unvollständigen Seiten erkennen und erweitern, interpretieren wir Marx von Neuem. Wir versuchen, die Geschichte der Frau und das Wesen des gesellschaftlichen Sexismus zu vermitteln. Wir versuchen, die kapitalistische Moderne zu analysieren. Dabei beziehen wir uns vor allem auf systemgegnerische Sozialwissenschaftler_innen. Wir versuchen, die Geschichte des Mittleren Ostens, die Geschichte Europas, die Geschichte Kurdistans zu vermitteln. Die Idee der Demokratischen Autonomie versuchen wir über folgende Fragen zu vermitteln: Was ist Demokratische Autonomie? Wie lebt man Demokratische Autonomie? Wie lebt man ohne Staat? Auch die Quantenphysik ist für uns wichtig, eine Zeit lang haben wir auch Mikrophysik unterrichtet. Bei unseren Kadern versuchen wir vor allem, das Andersdenken zu stärken.

Was wird hauptsächlich an Marx kritisiert?
Seine Analyse über Herrschaft und Staat, dass er den Staat als fortschrittlich und als Notwendigkeit betrachtet, sehen wir kritisch. Die Gesellschaften können auch ohne Staat existieren. Dass Marx die Entwicklung der Geschichte nur unter dem Aspekt der Klassen analysiert, betrachten wir auch kritisch. Die Geschichte ist nicht nur die Geschichte der Klassen, die Menschheitsgeschichte ist viel älter. Die Geschichte der Klassen ist erst 5.000 Jahre alt. Deshalb kann man die Geschichte nicht ausschließlich unter dem Aspekt der Klassengesellschaft betrachten. Bei der Entwicklung der Gesellschaften spielen zwar die Produktionsmittel eine Rolle, aber nicht die Hauptrolle. Auch die Frauenfrage analysiert er nur unter dem Aspekt der Klassenkämpfe, das halten wir für ungenügend. Die Frauenfrage ist viel umfassender und weitergehend.

Wie befasst sich die Bildung mit der Frage nach kollektivem Eigentum?

Erst einmal müssen wir etwas klarstellen: Wir behaupten nicht, dass wir die richtige Lösung gefunden haben. Wir sind aber der Meinung, dass das System, das wir versuchen zu entwickeln, einer richtigen Lösung am nächsten kommt. So wie der Westen vor der Renaissance versucht hat, die Werte der antiken Griechen aufzuspüren, versuchen wir heute, die alten Werte der östlichen Gesellschaften wieder zu entdecken. Die kommunale Gesellschaft ist in den Gesellschaften des Ostens vorhanden. Auch wenn das kapitalistische System seinen Platz in den Gesellschaften des Ostens eingenommen und sich ein unausgewogenes Leben entwickelt hat, gab es hier immer das kommunale Leben und die kommunale Denkweise. Die Städte sind ein Problem, denn die Städte sind das Zentrum der kapitalistischen Moderne. Der Individualismus und die Eigennützigkeit werden hier gefördert. Deshalb ist es wichtig, hier einen Mentalitätswechsel zu schaffen, und das versuchen die Akademien. Unser Ziel ist es, den Kurd_innen, die in die Städte ausgewandert sind, das kommunale System wieder nahe zu bringen, aber wir haben für die Städte im Moment keine fertige Lösung.

Was ist das Ziel der Selbstreflexion und Selbstkritik am Ende der Bildungseinheiten?
Das Ziel der Selbstreflexion ist, sich selbst zu erkennen und mit der eigenen Arroganz zu brechen. Bei der Reflexion eines Mannes wird seine Denkweise über die Frau analysiert, wie er über Frauen denkt und wie er mit Frauen umgeht. Ob er Kader werden kann oder nicht, ob er ein Teil der Arbeit werden kann oder nicht, hängt von seiner Denkweise über die Frau ab. Falls er rückschrittlich in Bezug auf Frauen denkt, wird das streng kritisiert und nicht akzeptiert.

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