demokratische autonomie in nordkurdistan Rätebewegung, Geschlechterbefreiung und Ökologie in der Praxis

demokratische autonomie in nordkurdistan

8.3 frauenakademie amed

Wir haben mit zwei Mitarbeiterinnen der Frauenakademie Amed gesprochen:

Frauenakademien sind ein ganz neues Projekt. Worin besteht die Arbeit der Frauenakademie? Welche Rolle spielt sie beim Aufbau der Demokratischen Autonomie?
Die Frauenakademie hier in Amed gibt es seit ungefähr einem Jahr. Frauenakademien an sich sind ein völlig neues Projekt. Die Arbeit teilt sich in drei Bereiche. Der erste Bereich beinhaltet Forschung und wissenschaftliche Arbeiten, der zweite Bildungsarbeit und der dritte Workshops und Lesegruppen. Aufgabe der Akademien innerhalb der Demokratischen Autonomie ist es, zum einen zu analysieren und zum anderen zu bilden. Die Akademien können zukünftig auch die Bildungsstätten der Demokratischen Autonomie sein. Aufgabe aller Akademien ist es auch, die in Kurdistan sehr weit verbreitete mündliche Geschichtsschreibung zu verschriftlichen und zu archivieren. Die Quellen sind sehr verstreut. Wir haben auch das Ziel, mit jungen Frauen von der Universität zu arbeiten. Wir werden uns nächste Woche mit jungen Akademikerinnen treffen und mit ihnen darüber diskutieren, ob und wie wir gemeinsam eine weibliche Geschichtsschreibung erarbeiten können.

„Die Befreiung der Frau ist also eine Befreiung der gesamten Gesellschaft.“

Wo befinden sich die Frauenakademien?
Bisher gibt es eine Frauenakademie hier in Amed und eine in Silopî/Şιrnak. Eine weitere wird zurzeit in Wan aufgebaut. Wir stehen alle miteinander in Kontakt und arbeiten nach demselben Konzept und mit den gleichen Zielen. Die Frauenakademie hier in Amed hat ihre Räumlichkeiten im Stadtbezirk Sûr. Sûr unterscheidet sich hinsichtlich seiner sozialen Zusammensetzung und Probleme von den anderen Bezirken in Amed. Die Unterdrückung und die Angriffe des Staates sind hier sehr deutlich zu spüren. Sie wirken sich besonders auf Kinder, Jugendliche und Frauen aus. In diesem Bezirk organisieren wir auch Aktivitäten mit den hier lebenden Frauen. Wir machen zum Beispiel Hausbesuche, um die Frauen kennenzulernen. Um diejenigen zu erreichen, die ihr Haus nicht verlassen und um ihr Vertrauen zu gewinnen. Vertrauen ist eine Voraussetzung dafür, dass diese Frauen überhaupt den Weg in die Akademie finden. Gerade vor dem Hintergrund des gesellschaftlichen Trends, dass die Beziehungen untereinander immer mehr erkalten und sich die Leute immer mehr isolieren, sind die Hausbesuche sehr wichtig. In solchen Hausbesuchen bestand die erste Aufgabe der Akademie. Wir haben uns die Probleme der Leute angehört, mehrere Berichte dazu verfasst und haben dann auf dieser Grundlage versucht, Lösungen zu finden. Einen Teil der Probleme konnten wir lösen, der andere befindet sich noch im Lösungsprozess.

Was sind die Grundlagen eurer Arbeit?
In unserer Arbeit beziehen wir uns auf eine bestimmte politische Vorstellung. Frauen nehmen unserer Meinung nach eine Vorreiterrolle ein. Die Befreiung der Frau, die Geschlechterbefreiung ist gleichbedeutend mit der Befreiung des Mannes in der Gesellschaft. Die Befreiung der Frau ist also eine Befreiung der gesamten Gesellschaft. Das ist selbstverständlich nicht einfach. Wir sind mit vielen Schwierigkeiten konfrontiert. Auch mit Genossen, mit denen wir zusammen arbeiten, ist es manchmal schwierig. Wir beziehen uns auf das Neolithikum [Jungsteinzeit, Epoche in der Geschichte der Menschheit, Beginn von Ackerbau und Viehzucht], also auf die matrizentrische Gesellschaftsordnung. Diese Gesellschaftsordnung bestimmte die längste Zeit die Menschheitsgeschichte. Erst in den letzten 5.000 Jahren prägte das Patriarchat die Gesellschaft. Aber diese 5.000 Jahre haben sich so tief in die Köpfe der Menschen eingegraben, dass es sehr sehr schwer ist, diese Mentalität anzugreifen.

Könnt ihr uns ein paar Zahlen nennen: Wie viele Frauen nehmen beispielsweise an den Bildungseinheiten teil? Arbeitet ihr (wie die politische Akademie) auch in den drei Bereichen: Bildung der weiblichen Kader, Volksbildung und Bildung der Mitarbeiter_innen der Initiativen, NGOs und Parteien? Wie oft finden die Bildungseinheiten statt?
Die Bildungseinheiten umfassen in der Regel 15 bis 20 und maximal 25 bis 30 Personen. Es gibt zehntägige Bildungseinheiten, solche, die einen Monat und solche, die zwei bis drei Monate dauern. Die Einheiten werden den jeweiligen Gruppen entsprechend gestaltet und geplant. Für sehr große Gruppen machen wir keine Einheiten. Es wird versucht, die Einheiten möglichst interaktiv zu gestalten, um wirklich in Diskussion zu kommen. Wir möchten nicht im Stil eines klassischen Lehrer_in-Schüler_in-Verhältnisses arbeiten. Es gab zwei Bildungseinheiten mit jeweils etwa 15 jungen Frauen. Diese Einheiten dauerten drei Monate. Hier ging es beispielsweise um die Geschichte aus weiblicher Perspektive. Wir haben uns tief gehend mit diesem Thema beschäftigt, Analysen formuliert und dann versucht, persönliche und gesellschaftliche Schlussfolgerungen zu ziehen.

Volksbildung findet im Rahmen der Volksversammlungen statt, vor allem auf denen, die hier im Stadtteil stattfinden. Hier erzählen die Frauen von ihren Problemen, von ihren Sorgen. Wir diskutieren darüber und versuchen, gemeinsam Lösungen zu erarbeiten. Es gab letztens eine Sitzung hier in Sûr, an der 60 Frauen teilgenommen haben! Das ist für uns wichtiger als die Bildungseinheiten mit der Bevölkerung, weil die Gespräche über ihre Probleme für die Frauen wie eine Therapie sind. Und wir gewinnen das Vertrauen der Frauen. Wenn wir zukünftig Bildungsveranstaltungen mit den Frauen machen wollen, sind sie eher bereit zu kommen. Am 25. November 2010, dem internationalen Tag gegen Gewalt gegen Frauen, gab es in der Stadt viele Podiumsveranstaltungen zu diesem Thema. Wir haben an dem Tag keine Vorträge gehalten, sondern haben mit den Frauen eine Diskussion geführt, in der sie von ihrer Situation und ihren alltäglichen Problemen zu Hause erzählen konnten. Das lief ziemlich gut. Die Akademie ist darüber hinaus im Stadtrat und den Stadtteilräten vertreten und arbeitet dort mit.

Bieten die Frauenakademien Männerbildung an? Und wenn ja, wie sieht sie aus?
Der überwiegende Teil der Bildungseinheiten ist für Frauen vorgesehen. Aber einen Monat nachdem die Akademie im Stadtteil Sûr eröffnet wurde, haben wir eine gemischte Bildungseinheit für Männer und Frauen durchgeführt, weil es in diesem Stadtteil viele Institutionen und NGOs gibt. Die Einheit haben wir mit deren Vertreter_innen zum Thema gesellschaftlichen Sexismus gemacht.
Reine Bildungsarbeit für Männer machen wir nicht, nur gemeinsame mit Frauen. Aber das ist für uns ein neuer Bereich. Das Niveau in diesen gemischten Bildungseinheiten ist ehrlich gesagt ein ganz anderes, hier kommt es zu vielen Diskussionen und Streitereien. Es ist sinnvoll und gut, bestimmte Themen gemeinsam mit Männern zu diskutieren. Aber unser vorrangiges Ziel ist es, unter Frauen ein Bewusstsein zu schaffen. Die gemischten Einheiten fanden bisher nur zu jeweils einem Thema statt. Die langen Bildungseinheiten zum Beispiel haben wir noch gar nicht für gemischte Gruppen angeboten.

Werden auch Diskussionen aus anderen Ländern einbezogen, z. B. über die Schriften von Clara Zetkin oder Alexandra Kollontaj?
Rosa Luxemburg und Alexandra Kollontaj verstehen wir als unsere Vorreiterinnen und -kämpferinnen und wir versuchen, deren Erbe gerecht zu werden. Wir arbeiten zurzeit an der Erstellung einer Literaturliste. Also wenn ihr Vorschläge habt… Wir geben auch eine dreimonatige Zeitschrift heraus. In den letzten beiden Ausgaben haben wir internationale kurdischen Frauenaktivistinnen und -persönlichkeiten porträtiert. Eine von ihnen war Leyla Qasim. Das Problem ist, dass in der Geschichte der Revolution die Frauen, die an ihr teilgenommen haben, sehr wenig geschätzt und in den Hintergrund gerückt werden. Daher finden wir es wichtig, dass ihre Geschichte recherchiert, vorgestellt und wieder in den Vordergrund gestellt wird.

Wer sind die Frauen, die an der Frauenakademie arbeiten?
Wir, die hier arbeiten, sind keine Akademikerinnen, wir sind auch noch in anderen Institutionen aktiv und arbeiten sozusagen an zwei Orten. Ich arbeite neben der Frauenakademie auch noch in der Frauenkooperative. Die Frauenbewegung ist eine sehr große Familie, sie besteht aus vielen Institutionen. Es gibt Institutionen, die sich explizit mit dem Thema Gewalt gegen Frauen beschäftigen oder solche, die an dem Ziel der ökonomischen Selbstständigkeit von Frauen arbeiten und versuchen, Arbeitsmöglichkeiten zu schaffen. Alle diese Institutionen sind Teil der kurdischen Freiheitsbewegung.

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