demokratische autonomie in nordkurdistan Rätebewegung, Geschlechterbefreiung und Ökologie in der Praxis

demokratische autonomie in nordkurdistan

8.4 alevitische akademie für glauben und kultur dêrsim

„Wenn der Staat fragt ‚Wer bist du?‘ oder ‚Was sind Alevit_innen?‘ werden die Leute eine Antwort geben können.“

Wir führten ein Interview mit Aysel Doğan1, die als Vorsitzende der Alevitischen Akademie für Glauben und Kultur tätig ist:

Kannst du uns ein wenig über die Akademie erzählen?
Wir sind hier die Alevitische Akademie. Ein Mensch hat viele Identitäten. Es gibt die ethnische, die religiöse und wenn du politisch aktiv bist, hast du zusätzlich noch eine politische Identität. Dieser Staat basiert auf Verleugnung. Er sagt, alle die hier leben sind türkisch und sunnitisch, also muslimisch. Das ist die Mentalität dieses Staates. Demgegenüber sagen wir: ‚Nein wir sind keine Türk_innen, sondern Kurd_innen und nein, wir sind keine Sunnit_innen, sondern Alevit_innen.‘ Damit der Staat diese Stimme hört, muss man kämpfen, und wir kämpfen.
Die schwerwiegendste Verleugnung basiert auf der Assimilierungspolitik. Wir nennen dies einen kulturellen Genozid. Der Staat erkennt das Alevitentum nicht an. Er sagt: „So etwas gibt es nicht, du bist Muslim.“ Später sagt er dann: „Ach, okay, ja du bist Alevit, aber du bist so und so.“ Also er definiert das Alevitentum nach seinen Vorstellungen. Nachdem der Staat eine Zeit lang mit deiner religiösen Identität spielt, fängst du unbewusst an, seine Vorstellungen zu übernehmen. Ehe du dich versiehst, definierst du dich als Muslim_in. Gegen diese Politik des Staates muss das Alevitentum geschützt werden. Wir sehen uns als Kιzιlbaş-Alevit_innen. Wir arbeiten dafür, dass die kulturellen und philosophischen Eigenheiten des Alevitentums vor der „Aleviten-Politik“ des Staates geschützt werden.
Wir arbeiten hier als Akademie, aber man darf die Arbeiten einer Akademie nicht so sehr als wissenschaftliche betrachten. Fragen wie „Woher komme ich?“ und „Weshalb bin ich so?“ sind gewissermaßen Fallen. Hier gibt es beispielsweise eine Universität, die angeblich die Ursprünge des Alevitentums erforscht. Und zu welchen Schlussfolgerungen kommen sie? Sie machen den Ursprung des Alevitentum in Zentralasien fest, oder verbinden es mit Haci Bektaş oder Mevlana. Und am Ende machen sie den Ursprung an Mohammed fest. Aber nein, meine Wurzeln sind nicht bei diesen Persönlichkeiten zu suchen. Und es ist auch nicht deine Aufgabe, meine Wurzeln zu erforschen.
Fethullah Gülen will hier das Sunnitentum verbreiten. Aber er macht dies über die Frage „Was ist das Alevitentum?“, um Verwirrung in den Köpfen der Menschen zu stiften. Die Wohnungen hier ringsherum gehören zur Gülen-Gemeinde. Eigentlich müsste es unmöglich sein, dass sich die Gülen-Bewegung unter den Alevit_innen organisiert. Aber es gelingt ihr. Und weshalb? Weil Gülen dich fragt: „Wer bist du?“ Und du bist verwirrt und versuchst, ihm gegenüber dich selber zu definieren. Er sagt: „Nein, du liegst falsch. Du bist nicht der, sondern jener.“ Außerdem hat die Bewegung viel Geld. Sie gibt den Leuten Arbeit, nimmt ihre Kinder kostenlos in ihren Schulen auf oder vergibt Stipendien an Student_innen. Auf diesem Wege versucht Gülen, das Kιzιlbaş-Alevitentum zu islamisieren. Deshalb sagen wir, dass wir nicht die Alevit_innen sind, die sie definieren. Im Kιzιlbaş-Alevitentum gibt es beispielsweise nicht die Tradition der Cem-Häuser [alevitische Gebetshäuser]. Unsere heiligen Stätten sind die Berge und die Steine, die Gewässer. Es gibt zwar die Pirs [alevitische Geistliche], aber ansonsten gibt es keine größeren Glaubensdogmen. Es gibt ein eigenes System mit bestimmten Regeln. Vielleicht kann man im modernen Sinne nicht von einer gleichberechtigten und freien Religion sprechen, aber es gibt, im Gegensatz zu anderen Gesellschaften, demokratischere Beziehungs- und Organisierungsformen. Dies aufzuheben ist natürlich im Sinne des Staates. Deshalb umzingelt er uns.
Um Dêrsim einzukreisen, treibt auch der Staat seine Spielchen mit dem Alevitentum. Im Cem-Haus wird Semah [Mystischer Tanz als Glaubensritual der Alevit_innen] getanzt und der Gouverneur oder das Militär kommen, um zuzuschauen.. So etwas gibt es in unserer Tradition nicht. All unsere heiligen Stätten werden durch die Staudämme geflutet. Sie sagen: „Wenn eure Stätten heilig sind, dann sollen sie uns doch bestrafen.“ Aber die Heiligkeit des [Flusses] Munzur liegt bei uns und nicht bei ihnen. Sie sagen: „Ihr redet davon, dass der Munzur heilig sei. Nun wir haben den Munzur aufgestaut und er hat uns nichts antun können!“ Sie haben angefangen, unsere heiligen Stätten zu vermarkten. Es gibt beispielsweise den Berg Düzgün Baba [dt. „Vater Düzgün“]. Er ist für uns eine heilige Stätte. Wir gehen dorthin, beten, küssen die Steine, zünden Kerzen an, tanzen Semah, schlachten ein Opfertier und kehren zurück. Aber dorthin ist langsam der Staat vorgedrungen. Er hat uns dort seine Regeln aufgezwungen. Dort hat er seine Leute eingeschleust, einigen Pirs Löhne gezahlt. Dadurch bleibt nichts mehr vom Alevitentum erhalten. Aber dagegen leisten wir Widerstand.

Wie arbeitet ihr hier? Haltet ihr regelmäßig Sitzungen ab? Oder gibt es Bildungsveranstaltungen? Geht ihr zu den Familien und diskutiert mit ihnen?
Wir arbeiten nicht wie Missionare und gehen von Haus zu Haus. Die Leute sind ohnehin Alevit_innen. Wir schreiben Presseerklärungen, führen Diskussionsveranstaltungen durch, halten Sitzungen mit den Pirs ab. Die Bevölkerung kommt hierher und wir diskutieren mit den Leuten. Wir helfen dabei, dass die Leute ihre religiösen Rituale an den heiligen Stätten durchführen können. Beispielsweise indem wir die Wege zu den Stätten ausbessern, oder indem wir Übernachtungsmöglichkeiten organisieren, wenn die Menschen an den Stätten übernachten. Wir versuchen die religiösen Stätten zu schützen. Als wegen der Staudämme diese Stätten in Gefahr waren, überflutet zu werden, hat der Staat einen angeblichen Wissenschaftler hierher geschickt, der sie begutachten sollte. Er meinte, hier seien nur Steine und es gäbe keinen Hinweis auf eine heilige Stätte. Aber gerade diese Steine sind heilig für uns. Wir haben die Stätte, die er begutachtet hat, geschützt und Mauern um sie herum errichtet. Für mich ist jede Stelle, an der Kerzen angezündet werden, heilig. Das kannst du einem Wissenschaftler nicht erklären. Für ihn muss dort eine Moschee stehen oder eine Kirche oder ein anderes Gebäude. Wenn es das nicht gibt, sagt er, der Ort sei nicht heilig. Schaut euch Düzgün Baba an. Es ist ein Berg. Zel beispielsweise ist der Ort einer Göttin. Für mich sind sie heilig. Deshalb arbeiten wir für den Schutz dieser Stätten.

Wann habt ihr die Akademie eröffnet und wie kamt ihr auf die Idee?
Wir haben die Akademie vor einem Jahr eröffnet. Es haben sich einige Freund_innen zusammengefunden, die den Kampf in diesem Bereich führen. Wir haben unseren gemeinsamen Vorstand gewählt und sind zu den staatlichen Behörden gegangen, um mitzuteilen, dass wir das Alevitentum ihnen gegenüber schützen werden. Wir haben eine Satzung ausgearbeitet, die wir ihnen übergeben haben. Aber unsere Satzung ist viel breiter angelegt. Sie umfasst Frauenaktivitäten, die Jugend, den Naturschutz. So haben wir einen Verein aufgebaut, der ein Teil der Demokratischen Autonomie ist. Die Alevit_innen organisieren sich von hier aus. Man muss nicht immer auf die Unterstützung von außen angewiesen sein. Wir bauen hier etwas mit eigener Anstrengung auf und geben das dann an die kommende Generation weiter, die darauf aufbauend die Arbeit fortführen kann. Gleichzeitig können die Alevit_innen hier untereinander diskutieren und sich weiterbilden. Wenn der Staat fragt „Wer bist du?“ oder „Was sind Alevit_innen?“ werden die Leute eine Antwort geben können.

Kommen auch Pirs und arbeiten hier mit euch? Und benutzt ihr die Räumlichkeiten hier auch für Cems (Glaubenszeremonie der Aleviten) oder andere Zeremonien?
Interessanterweise haben sich die Pirs noch schneller assimilieren lassen. Die Pirs arbeiten an der Universität oder gehen in die Cem-Häuser und erhalten dafür ein Gehalt vom Staat. Dort wird jeden Donnerstag Semah getanzt. Bei uns ist das nicht üblich. Bei uns wird nur beim Hizir-Fasten Semah getanzt. Wir versuchen einige der Pirs vom Staat loszulösen. Aber zum einen herrscht Angst und zum anderen gibt es ein Beschäftigungsproblem. Weil sie bei uns kein Geld verdienen, gehen sie zum Staat. Sie werden zu Staatsbeamten. Und wir sagen dann, dass wir diese Pirs nicht anerkennen. Diese Pirs sind nicht unsere Pirs, sondern diejenigen des Staates. Aber es gibt auch Pirs, die hierher kommen. Wenn wir Diskussionsveranstaltungen organisieren, können wir auch Semah tanzen. Eigentlich wollten wir ein kleines Haus für die Akademie bauen. Aber das hat uns finanziell überfordert. Dieser Platz hier wurde durch die finanzielle Unterstützung der Kurd_innen aus Europa aufgebaut. Aber letztlich sind die Räumlichkeiten zu klein. Immerhin arbeiten wir für die Frauen, die Kinder und vor allem für die alten Menschen. Wir machen auch soziale Projekte. Aber es gibt uns erst seit einem Jahr. Wir werden ein Stück Land kaufen und darauf ein Haus bauen. Vielleicht nicht morgen, aber übermorgen.

In den zehn Jahren, in denen du im Gefängnis warst, hat sich vieles verändert. Als du vor zwei Jahren herausgekommen bist, waren die Menschen ganz anders organisiert. Nicht mehr zentralistisch, sondern basisdemokratisch. Wie bewertest du das? Warst du überrascht von den Veränderungen?

Eigentlich war es für mich keine Überraschung, weil ich den Prozess ohnehin verfolgte. Egal wie sehr sie dich isolieren: Wenn du zwanzig Jahre in einer Bewegung aktiv bist, weißt du, wie sie sich entwickeln wird. Man verfolgt das im Fernsehen, oder, wenn es keinen Fernseher gibt, liest man es in der Zeitung. Und wenn es keine Zeitung gibt, erzählen dir deine Besucher_innen von den Entwicklungen. Wenn man sich ohnehin erhofft, dass sich die Bewegung in eine bestimmte Richtung entwickelt, dann würde es einen vielmehr überraschen, wenn es keine Entwicklung geben würde.

Ich war nur eine ganz kurze Zeit in den Bergen. Ansonsten habe ich immer in der Bevölkerung gearbeitet. Deswegen habe ich auch diese Entwicklung erwartet. Dêrsim hat sich jedoch sehr zurückentwickelt. In den 1990er Jahren war Dêrsim in einer viel besseren Ausgangslage. Zunächst einmal wurden 50 Prozent der Bevölkerung durch den Druck des Staates zur Migration gezwungen. Den Menschen, die geblieben sind, hat der Staat nur eine Möglichkeit gelassen: „Ihr passt euch an und bleibt artig!“ Was wird aus solchen Menschen? Einerseits nehmen sie eine Haltung ein, die dem Staat vortäuschen soll, dass sie konform sind, andererseits lehnen sie den Staat weiterhin ab. Aber diese Haltung ist ein großes Hindernis für die Weiterentwicklung. Du kannst dem Staat nicht sagen, dass er ein Mörder ist. Wenn du dich nur traust, dies hinter seinem Rücken zu sagen, wenn du deine Gefühle nicht frei äußern kannst, ist das ein Rückschritt.

In den 1990er Jahren war die Region hier viel radikaler. Damals waren die Menschen dem Staat gegenüber weitaus oppositioneller eingestellt. Als sie aus ihren Dörfern vertrieben wurden, haben sie eigentlich auch den Staat verlassen. Heute sitzen unter den Bäumen, die ich im Dorf angepflanzt hatte, vermutlich Soldaten. Es gibt hier zwar heute weniger Militärstützpunkte – als ich 1991 und 1992 hier in den Bergen war, gab es viel mehr Kasernen und Stützpunkte – dafür ist heute die Gülen-Bewegung hier. Das ist sehr schlecht. Wir kannten hier früher keine islamischen Gebete. Aber heute, wenn sie der armen Bevölkerung Almosen geben, lesen sie die Fatiha-Sure oder eine sonstige Sure und die Menschen lernen sie. Ich konnte, als ich aus dem Gefängnis kam, deshalb nicht sagen, dass sich Dêrsim sonderlich weiterentwickelt hätte. Aber wenn eine Gesellschaft verstanden hat, was der Staat ist und dass dieser Staat dich massakriert und deine Identität verleugnet, dann kann es zwar sein, dass du – wie es jetzt der Fall ist – dazu eine Zeit lang schweigst. Aber letztlich bist du doch bereit, für deine Rechte einzustehen und zu kämpfen. Und deswegen verliere ich auch die Hoffnung nicht!

  1. Aysel Doğan wurde wenige Tage nach dem Interview im Rahmen der andauernden Verhaftungswelle festgenommen und inhaftiert. []

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