demokratische autonomie in nordkurdistan Rätebewegung, Geschlechterbefreiung und Ökologie in der Praxis

demokratische autonomie in nordkurdistan

8.5 eğitim destek evi …

… – bildungseinrichtung der stadtverwaltung wan

Ein paar Jahre nachdem das erste Mal in der Türkei eine prokurdische Partei in die Kommunalverwaltungen gewählt wurde, wurden 2002 auch die ersten Eğitim Destek Evleri (dt. Bildungs-Unterstützungs-Häuser) für Kinder gegründet. In Wan geschah dies jedoch erst 2008. Im ersten Jahr arbeiteten im Projekt nur Ehrenamtliche, seit 2009 konnten die Lehrer_innen auch fest angestellt werden und mittlerweile gibt es in mehreren Stadtteilen solche Häuser.
Beinahe die gesammelte Lehrerschaft, etwa zehn Männer von Anfang 30, begrüßt uns herzlich, führt uns durch die Unterrichtsräume und erzählt gemeinsam von ihrer Arbeit.

Zunächst einmal eine Frage zum Geschlechterverhältnis: Wie viele Frauen arbeiten hier als Lehrkräfte und wie hoch ist der Anteil an Schülerinnen?
Insgesamt arbeiten hier 18 Lehrkräfte, darunter drei Lehrerinnen. Sie unterrichten die Fächer Geschichte und Physik. Und eines der Vorstandsmitglieder ist eine Frau. 70 Prozent unserer Schüler_innen sind Mädchen. Durch die kurdische Freiheitsbewegung, ihr Paradigma der Geschlechterbefreiung und dadurch, dass sie den Leuten sagt: „Schickt eure Töchter auf die Universitäten“, hat sich die Einstellung der Bevölkerung in der Region diesbezüglich zum Positiven verändert. Wir haben es uns zum Ziel gesetzt, mindestens 40 Prozent der Stellen mit Frauen zu besetzen, aber wir bekommen zu wenige Bewerbungen. Vielleicht ist der geringe Anteil an Frauen unter der Lehrerschaft auch darauf zurückzuführen, dass die Frauen die besseren Universitätsabschlüsse haben und sich deswegen auch an staatlichen Schulen bewerben können, die deutlich höhere Gehälter als diese Einrichtung zahlen.

Wie alt sind eure Schüler_innen?
Wir unterrichten 17-21 Jährige. Wenn die Schüler_innen die Aufnahmeprüfungen der Universitäten bestehen wollen, müssen sie zur Vorbereitung üblicherweise teure Privatschulen besuchen. Kinder aus armen Familien können deswegen oft nicht studieren. Islamische Sekten gestalten den Unterricht im Sinne der Assimilationspolitik [der Regierung]. Wir hingegen möchten, dass den Kindern die eigene Kultur nicht fremd wird. Wir stehen unter dem Zwang, die allgemeinen Hauptfächer unterrichten zu müssen, bieten aber zwei Wochenstunden Kurdisch-Unterricht an. Perspektivisch möchten wir aber alle Fächer auf Kurdisch unterrichten. Wir unterrichten neun Klassen in zwei Gruppen, wir haben Wochenendkurse für die elfte und zwölfte Klasse und Kurse unter der Woche für die Schüler mit Gymnasialabschluss. Nur montags haben wir frei.

Letztes Jahr fand in dieser Schule ein Razzia statt, fünf ehrenamtliche Lehrer_innen wurden festgenommen. Zwei von ihnen sind inzwischen frei, drei noch immer inhaftiert. Und wir erwarten weitere Repression. Die drei Inhaftierten habe noch immer keine Anklage erhalten, befinden sich also in Untersuchungshaft. Ein Grund für die Kriminalisierung von Lehrer_innen ist ihre Mitgliedschaft in der Bildungsgewerkschaft Eğitim-Sen, weil diese eine oppositionelle Kraft gegen die Herrschenden darstellt. Sie war die treibende Kraft bei der Forderung nach dem Aufbau von Eğitim Destek Evleri wie diesem. Die Razzia fand um vier Uhr morgens statt, sie haben alle Computer mitgenommen. Um diese Uhrzeit war niemand hier anwesend, deswegen haben sie die Türe aufgebrochen. Telefonisch wurde uns später mitgeteilt, die Lehrer_innen der Gewerkschaft hätten verklausuliert zu einer Sitzung eingeladen. In einem abgehörten Telefongespräch hätte jemand gesagt: „Bring mir bitte zwei Eier mit“. Die Polizei machte daraus zwei Molotow-Cocktails.

Im türkischen Unterrichtssystem wird ja vor allem noch frontal unterrichtet. Wendet ihr alternative Methoden an, bei denen sich die Schüler_innen mehr beteiligen können?
Das würden wir gerne, aber wir haben ein Zeitproblem bei der Vorbereitung für die Uni-Aufnahmeprüfungen: Wir müssen den Schüler_innen den Stoff von vier Jahren Oberstufe innerhalb eines Jahres vermitteln. Außerdem sind wir alle nach dem alten System ausgebildet und es ist schwer, alte Gewohnheiten abzulegen. Seit zehn Jahren wird in der Türkei davon geredet, dass sich das Bildungssystem verändern soll, aber das passiert nicht. Seit Gründung der türkischen Republik vor 80 Jahren ist das Bildungssystem nicht wirklich gut. Die Unterrichtssprache ist ausschließlich Türkisch und bei den täglichen Fahnenappellen sind die Schüler gezwungen, den Eid zu leisten, in dem es unter anderem heißt „Wie glücklich derjenige, der sagt: Ich bin Türke!“ Gegen diese Assimilationspolitik möchten wir angehen und deswegen auf Kurdisch unterrichten. Unsere Schüler_innen denken auf Kurdisch, müssen aber auf Türkisch antworten. Damit sie in der Schule erfolgreich sein können, müssen sie in der Muttersprache unterrichtet werden. Türkische Schüler_innen haben es leichter und sind erfolgreicher, weil sie in ihrer Muttersprache unterrichtet werden.“

Wie geht ihr mit Schüler_innen um, die aufgrund dieser sprachlichen Schwierigkeiten benachteiligt sind?
Es gibt viel Repression gegen kurdischsprachigen Unterricht. 2004 wurde Kurdî-Der1) gegründet, weil die Schüler_innen Kurdisch-Unterricht nicht nur privat, sondern in der Schule erhalten wollten. Erdoğan hat sich bei seinem Deutschlandbesuch [2008] gegen Assimilation und für die Pflichteinführung des muttersprachlichen Unterrichts ausgesprochen. Danach gab es hier Demonstrationen für Kurdisch-Unterricht an den Schulen. Erdoğan sagte damals: „Wer das fordert, will das Land teilen.“ Nach dieser Logik möchte Erdoğan also Deutschland teilen!

Als ich eingeschult wurde, bekam ich Ärger mit meiner Mutter. Sie sagte mir, dass ich nur noch Türkisch sprechen solle. An der Universität haben wir dann erkannt, dass wir anders sind, haben Alternativen aufgezeigt und uns gewehrt. Nach zwei Jahren wurde ich deswegen von der Uni verwiesen, konnte aber trotzdem die Prüfung ablegen. Ich bin Alevit, es wird aber nur sunnitischer Religionsunterricht erteilt. Wir sind in einer zwiespältigen Situation. Ich schäme mich, dass ich meine Muttersprache nicht spreche. Und wir werden ausgelacht, weil unser Türkisch nicht gut ist.

Wie viele Schüler_innen unterrichtet ihr in einem Jahr?
2010 hatten sich 400 Schüler_innen angemeldet. Acht von ihnen wurden verhaftet. Andere haben daraufhin Angst bekommen und sich wieder abgemeldet. Es verblieben 200, von denen 140 die Aufnahmeprüfung für die Universität bestanden haben. 2011 hatten sich 400-415 Schüler_innen angemeldet, die Nachfrage hat sich also verdoppelt. Türkeiweit unterrichten wir in den Eğitim Destek Evleri 13.000 Schüler_innen. Unser Ziel ist es, noch mehr Schüler_innen diese Möglichkeit zu geben.

Wie finanziert sich diese Einrichtung?
Die Schüler_innen müssen nichts bezahlen. Die Stadtverwaltung hat für die Raummiete und die Gehälter der Lehrer_innen ein Jahresbudget zur Verfügung gestellt. Unser Gehalt ist niedriger als das an staatlichen Schulen. Die 68er-Revolutionär_innen haben das Volk völlig unentgeltlich unterrichtet. So wollen wir es auch machen. Wir lehnen es ab, an einer staatlichen Schule zu unterrichten. Wir haben Schülerinnen, die noch viel ärmer sind als wir, und für die sammeln wir Geld. Wir arbeiten mit verschiedenen Vereinen zusammen: mit den Friedensmüttern2, dem Verein der Angehörigen von Gefallenen MEYA-DER, und dem Verein zur Unterstützung der Gefangenen3. Sie schlagen uns Schüler_innen aus besonders bedürftigen Familien zur Aufnahme vor.

Wie sind die Entscheidungsstrukturen des Hauses?
Wir haben wöchentliche und monatliche Sitzungen, dort diskutieren wir alles und versuchen, Konsensentscheidungen zu treffen. Nur, wenn wir keine Einigung erzielen, wird abgestimmt. Jede Klasse hat zwei Vertreter_innen, einen Schüler und eine Schülerin. Auch sie nehmen an den Sitzungen der Lehrer_innen teil und sind stimmberechtigt, sie können dort auch Kritik an den Lehrer_innen formulieren. Darüber hinaus haben wir verschiedene Kommissionen: für Literatur, Sprache, Technik und eine für die Schulordnung. Wir haben keine_n Sekretär_in, sondern fühlen uns alle verantwortlich. Wir haben auch keine Rektor_in, die uns Befehle erteilt, sondern eine Koordinatorin. Wir treffen alle Entscheidungen gemeinsam nach dem Räteprinzip.

  1. Vgl. Kurdisches Sprachenzentrum Kurdî-Der Amed (Diyarbakιr []
  2. Vgl. Die Friedensmütter []
  3. Vgl. TUHAD-FED – Verein zur Unterstützung der Gefangenen []

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