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demokratische autonomie in nordkurdistan

8.6 mesopotamisches kulturzentrum (mkm) colêmerg

Ziel des Zentrums ist es, die Vielfalt und den Reichtum der kurdischen Kultur zu zeigen und zu bewahren. Die kurdische Kultur ist einem Genozid ausgesetzt, so die Worte eines Mitarbeiters des Kulturzentrums, so wurden Schriftsteller_innen verboten und in den Jahren 1913 -1925 tausende Bücher verbrannt, die nun verloren sind. Viele Dichter_innen durften nicht schreiben und wenn sie es trotzdem taten, wurden sie verhaftet. „Wären unsere Schriften nicht verboten gewesen, hätten wir volle Bibliotheken“, sagt einer der beiden Mitarbeiter, die uns über das Kulturzentrum berichten.

„Die Menschen sind sich ihrer Geschichte bewusst und möchten aktiv ihre Kultur bewahren. Im Gegensatz dazu benutzt der kurdischsprachige staatliche Sender TRT6 unsere Kultur lediglich, um Profit zu machen.“

Die kurdische Kultur und Geschichte überlebt vor allem durch mündliche Überlieferungen, durch Gesang und Tanz. Das Kulturarchiv besteht sozusagen aus mündlichen Überlieferungen und die Bewahrung der Kultur geschieht durch die Menschen. 80 Prozent der Sänger_innen sind Mütter, in den Liedern können sie ihren Schmerz ausdrücken. Alleine in Colêmerg (Hakkari) sind 280 verschiedene Tänze bekannt, wobei der Gowend eine besondere Rolle spielt. „Sie sollen unser Leben ausdrücken, das von Krieg, aber auch von Glück und Kultur geprägt ist.“

Einige europäische Filmgeschichten beruhen auf kurdischen Märchen, dennoch ist vieles zerstört und verloren gegangen. Erst jetzt beginnen Recherchearbeiten und Dokumentationen der Lieder der sogenannten Dengbêj. Es werden zum Beispiel die älteren Mütter in den Dörfern nach ihrer Geschichte befragt und die Geschichten werden aufgeschrieben. „Diese Wahrheit ist uns wichtig, sie haben viel Leid erfahren und unsere Geschichte bewahrt.“ In den Dörfern gibt es teilweise keine Elektrizität, es kann also nur bedingt auf die Technik zurückgegriffen werden. Perspektivisch soll es Veröffentlichungen (Texte) geben und auch ein Filmarchiv von Dokumentationsfilmen soll angelegt werden.

Die kurdische Kultur ist sehr naturbezogen. Der Naturbezug zeigt sich auch in den vielen Blumenmustern der Kleidung. „Zur kurdischen Sprache können wir sagen: Die Kurd_innen sprechen mit den Bergen. Die Natur ist für unsere Mutter, Genossin, Leben, Heimat, Obdach und Zufluchtsstätte. Wir Kurd_innen sind sehr emotional, wir waren nie für Konflikte und Kriege, wir setzen uns für den Frieden ein, aber wir besitzen auch das Recht auf Widerstand, das wir vor allem mit Liedern und Texten ausüben und nicht physisch.“

In der Türkei wurden bisher 38 Mesopotamische Kulturzentren aufgebaut, in denen 200 Künstler_innen beschäftigt sind. In Colêmerg wurde das Zentrum nach dem Dichter Feqiyê Teyran benannt, der die Geschichte Colêmergs vor ca. 600 Jahren in seinen Balladen beschrieben hat. Er musste wegen eines Kriegs ins Exil gehen. Für Aktivitäten stehen dem MKM ein großer Saal und weitere fünf Räume zur Verfügung. Es ist täglich von morgens bis abends geöffnet. An zwei Tagen gibt es Gitarren-Unterricht, an zwei weiteren Tagen Theater-Workshops und Dengbêj-Unterricht. Die Angebote werden über Mund-zu-Mund-Propaganda bekannt gemacht, aber auch durch Plakate und öffentliche Veranstaltungen. Darüber hinaus werden im MKM zu Geschichte, Sprache, Malen und Musik Kurse angeboten. Vor allem gefördert werden aber die Tradition des Dengbêj und des Tanzes Gowend. Mit 1.500 Kindern soll eine Gowend-Gruppe gegründet werden.

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