demokratische autonomie in nordkurdistan Rätebewegung, Geschlechterbefreiung und Ökologie in der Praxis

demokratische autonomie in nordkurdistan

8.7 kurdisches sprachenzentrum kurdî-der, amed

„Sprache ist mehr als ein Kommunikationsmittel, sie ist identitätsbildend“

In den Vereinsräumen des Sprachenzentrums Kurdî-Der sprachen wir mit zwei Mitarbeitern. Die Einleitung für diesen Text wurde von unseren Gesprächspartnern selbst formuliert, aber auch wenn es hier im wesentlichen um die praktische Vereinsarbeit und nicht so sehr um die politischen Grundlagen des Demokratischen Konföderalismus geht, sei beides nicht von einander zu trennen: „Selbst in dem Wasser, das wir trinken, steckt Politik.“

„Seit 2004 gibt es Kurdisch-Kurse, 2006 wurde der ‚Verein zur Erforschung und Entwicklung der kurdischen Sprache‘, kurz Kurdî-Der, gegründet. Die Zentrale des Vereins befindet sich in Amed. Es gibt in der Türkei 26 Büros: in Izmir, Mersin, Adana und in den kurdischen Landesteilen. Seit der Gründung der Türkei wird die kurdische Sprache unterdrückt. Die Philosophie der türkischen Republik besteht darin, alle Völker Anatoliens zu assimilieren, ‚türkisieren‘ zu wollen. Auf dem Gebiet der heutigen Türkei haben viele Völker gelebt. Die Minderheiten waren abwechselnd Assimilierung und Verleugnung, beispielsweise durch das Bildungssystem und die Unterdrückung ihrer Sprachen, und physischer Vernichtung oder Massakern, wie dem an der griechischen Bevölkerung im September 1956, ausgesetzt. Im türkischen Teil von Kurdistan leben etwa 20 Millionen Kurd_innen, die wegen der Staatsphilosophie der Türkei bis heute nicht anerkannt sind. Schon in den ersten Jahren nach der Staatsgründung wurden Menschen, die Kurdisch sprachen, kriminalisiert und verfolgt. Noch heute darf in staatlichen Einrichtungen kein Kurdisch gesprochen werden und an den Schulen darf nicht in der Muttersprache unterrichtet werden. Auch wenn der Gebrauch der kurdischen Sprache nicht mehr generell unter Strafe steht, und es so aussieht, als habe sich diesbezüglich die Situation der Kurd_innen verbessert, können wir euch doch zahllose Beispiele erzählen, die zeigen, dass dem nicht so ist. Die Zeitungen berichteten zum Beispiel von einer Frau aus Izmir, die zu einem Arzt ging und dort Kurdisch sprach, sie wurde nicht behandelt, stattdessen aber gedemütigt und weggeschickt. In Konya wurden 2008 Jugendliche aus Amed, die sich mit ihren Angehörigen am Telefon auf Kurdisch unterhielten, von der Polizei wegen ,Ruhestörung‘ festgenommen. An keiner staatlichen Institution wird nicht-türkisch sprechenden Menschen geholfen, ohne Konsequenzen für die Beamten.“

„Linguistisch betrachtet sind Kurdisch und Türkisch zwei grundsätzlich verschiedene Sprachen. Es gibt im Kurdischen Buchstaben, die es im Türkischen nicht gibt wie Q, W und X. Auch wenn türkische Offizielle sagen, dass die kurdische Sprache heute frei ist, gibt es immer noch ein Gesetz aus dem Jahr 1928, das die Benutzung dieser Buchstaben unter Strafe stellt. Das Gesetz heißt ‚Gesetz zum Schutz des türkischen Alphabets‘. Die Sicht des Staates auf die kurdische Sprache hängt zusammen mit der kurdischen Frage und ist durch sie geprägt. Im türkischen Fernsehen laufen Programme der Privatsender wie Show TV oder Fox TV, die diese Buchstaben sehr wohl benutzen. Das Gleiche gilt in den touristischen Hochburgen im Westen. Aber für die Kurd_innen bleiben sie verboten. Das zeigt, dass hier mit zweierlei Maß gemessen wird.“

„Wegen der Probleme der Kriminalisierung und Verbannung der kurdischen Sprache aus dem Bildungssystem befürchten wir, dass sie in Zukunft vom Aussterben bedroht sein wird. Wir haben Kurdî-Der gegründet, um sie zu erforschen und weiterzuentwickeln und um bei den Menschen ein Bewusstsein für ihre Muttersprache zu schaffen. Allerdings ist es sehr schwer, einer Bevölkerung von 20 Millionen nur mit Hilfe eines Vereins die kurdische Sprache beizubringen. Die Leute, die zu uns kommen, um die Sprache zu erlernen, investieren dafür Zeit, in der sie andere Dinge vernachlässigen, weil der Unterricht nach der Arbeit oder der Schule, also in der Freizeit, stattfindet. Außerdem sind wir mit dem Problem konfrontiert, dass wir nur Vereinsmitglieder unterrichten dürfen. Nach dem Vereinsgesetz können aber nur Volljährige Mitglied werden. Obwohl Sprachen am besten im Kindes- und Jugendalter erlernt werden, dürfen wir nur Erwachsene unterrichten. Wir können zu Gruppen, die selbst einen Verein eröffnen möchten, Lehrer_innen entsenden.“

„Der Verein erhält keinerlei staatliche Unterstützung, die Lehrer_innen und der Vorstand arbeiten unentgeltlich. Er ist im Gegenteil mit Behinderungen und Sanktionen konfrontiert. Mit der Ausrufung der Demokratischen Autonomie wurde auch die Forderung der Zwei- und Mehrsprachigkeit erhoben, damit alle Menschen sich in ihrer Sprache ausdrücken können. Es ist sprachwissenschaftlich belegt, dass Sprachen, die keine Unterrichtssprachen sind, sich nicht weiterentwickeln können. In der Region Kurdistan leben auch Türk_innen, Araber_innen, Assyrer_innen, Turkmen_innen und Armenier_innen, und auch wenn sie wenige sind, ist unsere Forderung, dass alle diese Bevölkerungsgruppen ihre eigene Sprachen sprechen und weiterentwickeln können und darin vom Staat unterstützt werden.“

Welche Verbindung besteht zu den Akademien? Welche zum Stadtrat?
Wir arbeiten mit den Akademien, dem Rat und Nichtregierungsorganisationen zusammen. Im DTK [Demokratischer Gesellschaftskongress] ist die gesamte Gesellschaft vertreten, wir gehen zu den Treffen und arbeiten dort mit. Eines der gemeinsamen Projekte ist der Aufbau einer Sprachenakademie.

Wie soll die Zusammenarbeit mit der Sprachenakademie aussehen?
Wir wollen dort professionell Lehrer_innen ausbilden und in die Regionen schicken. Zudem soll dort die Forschung über die kurdische Sprache auf professionellem Niveau stattfinden.

Welche kurdischen Sprachen werden hier unterrichtet?
Es gibt vier kurdische Dialekte. In Nordkurdistan ist es Zazakî (Dimilkî) und Kurmancî. Wenn ich kurdisch sage, meine ich diese beiden Dialekte. In Südkurdistan wird vor allem Soranî und Kurmancî gesprochen. Der Staat versucht, die Zazakî- und Kurmancî-Sprecher_innen gegen einander auszuspielen und aufzuhetzen. Der Freund hier spricht Zazakî, ich Kurmancî, wir sind beide in der Leitung des Vereins.

Es gibt keine staatliche Förderung, wie ihr sagt. Wie finanziert ihr die Arbeit des Vereins?
Alles läuft auf Spendenbasis. Mitglieder und Sympathisant_innen spenden, ihre Transportkosten und Verpflegung müssen sie selbst tragen. Unsere Lehrer_innen arbeiten meist noch woanders, hier arbeiten sie ehrenamtlich. Ein Kollege ist bereits im Ruhestand und hat mehr Zeit.

Ist das Kursangebot kostenlos?
Ja. Wir geben Wörterbücher heraus, mit deren Verkauf wir ein wenig Geld einnehmen. Wenn ein/e Teilnehmer_in kein Geld hat, muss er nichts bezahlen. Der freiwillige Spendenbeitrag beläuft sich auf ca. 50 Lira. Die Leute kommen dann hierher und trinken Tee, wenn es ihnen finanziell gut geht, sollen sie die 50 Lira schon zahlen, aber es ist keine Voraussetzung für die Teilnahme.

Wie wird das Angebot angenommen? Ist es bekannt oder müsst ihr Werbung machen?
Wir würden gerne von Tür zu Tür gehen, aber dazu haben wir nicht die personellen Kapazitäten. Die Leute kommen von sich aus. In einer Klasse unterrichten wir 20-30 Teilnehmer_innen, ein Kurs dauert drei Monate. Es gibt drei Kursstufen. Nach weiteren sechs Monaten kann man dann selbst als Lehrer_in arbeiten.

Wie ist das Geschlechterverhältnis bei den Kurdisch-Klassen? Und wie bei den Lehrkräften?

Bei den Lehrkräften ist es ausgeglichen, bei den Klassen unterschiedlich, wir führen keine Statistik. Wer sich anmeldet, wird aufgenommen.

Müssen die Teilnehmer_innen lesen und schreiben können?
Noch ist das Voraussetzung. Aber es gibt auch Überlegungen, gemeinsam mit der Stadtverwaltung Alphabetisierungskurse, beispielsweise für ältere Frauen anzubieten, in denen gleich Kurdisch gelehrt wird. Zu uns kommen auch Leute, die in der Region leben und gerne Kurdisch sprechen möchten. Das ist eine kleine Anzahl von Türk_innen, die als Ärzt_innen, Lehrer_innen oder Pflegekräfte, aus der Westtürkei hierher gekommen sind.

Der türkische Staat betreibt einen kurdischen Fernsehsender. Gibt es auch staatliche Kurdisch-Kurse?
Es gibt TRT6, aber sein Ziel ist nicht, die kurdische Sprache weiterzuentwickeln, sondern sie verrotten zu lassen: Er sendet Staatspropaganda auf Kurdisch, ansonsten nur Musik. 60 zeitgemäße kurdische Begriffe sind bei TRT6 verboten. Viele, die anfangs mit TRT6 eine gewisse Hoffnung verbunden haben, wurden enttäuscht und viele die dort arbeiteten, haben den Sender wieder verlassen. Der Staat akzeptiert die kurdische Sprache nicht als offizielle Sprache, sie gilt lediglich als lokaler Dialekt. Während der Wahlen wurde die Rolle von TRT6 offensichtlich: Er soll AKP-Propaganda unter den Kurdinnen verbreiten und die kurdische Freiheitsbewegung unterdrücken. Dieser Sender hat keine Rechtsgarantie und kann von der Rundfunkanstalt RTÜK jederzeit verboten werden, wegen der kurdischen Sprache! Es gibt einen weiteren Sender, der teilweise auf Kurdisch sendet, dünya tv von der Gülen-Gemeinde. Sein Ziel ist es, islamische Propaganda in die kurdischen Haushalte zu tragen. Wenn wir hier zehn Kinder versammeln, um ihnen Kurdisch beizubringen, kommt morgen die Staatsanwaltschaft, aber an jeder Ecke gibt es Koranschulen, die auch Propagandastätten der AKP und der Gülen-Bewegung sind. Früher musste ein Kind zwölf Jahre alt sein, um einen Koran-Kurs besuchen zu können, das Alter wurde jetzt auf sieben Jahre herabgesetzt.

Könnten Koran-Kurse nicht auf Kurdisch angeboten werden? Es gibt doch die Imame, die der Bewegung nahe stehen?
Es mag sein, dass es in der Bewegung solche Überlegung gibt. Einige sind gläubig, ich bin es nicht. Ich finde es nicht gut, die Praxis der AKP zu kopieren. Ich bin dagegen. Religionsunterricht muss immer auf freiwilliger Basis erfolgen. Aber siebenjährigen Kindern das aufzuzwingen, hat selbstverständlich nichts mehr mit Freiwilligkeit zu tun. Außerdem gelten auch für den Religionsunterricht bestimmte Standards, die eingehalten werden sollten.

Wie erreicht ihr die Kinder? Wie motiviert ihr sie, die Muttersprache zu sprechen?
Wir ermuntern die Bevölkerung, mit ihren Kinder zu Hause Kurdisch zu sprechen. Wir versuchen auch, Kindergärten aufzubauen, in denen Vorschulkindern Kurdisch beigebracht wird. Das ist ein Plan, aber es gibt noch rechtliche Schwierigkeiten. In den 1960er bis 1990er Jahren wurden viele Internate in Kurdistan errichtet, um die Kinder schon früh aus ihren Familien herauszulösen und zu „türkisieren“.

Gibt es kurdische Kinder- und Jugendbücher oder Kinderfilme?
Es gibt sie, aber leider sind es nur wenige, wir versuchen das zu ändern. Wer Türkisch lesen kann, kann nicht automatisch Kurdisch lesen, das muss erlernt werden. Deshalb lesen die meisten kurdischen Kinder türkische Kinderbücher. TRT6 zeigt keine Kinderfilme, ROJ TV jedoch macht das. Auch deshalb versucht der türkische Staat, diesen Sender verbieten zu lassen. Wir geben alle drei Monate unser Heft zur Sprachförderung heraus, das sich in erster Linie an Kinder richtet. Dies hier ist unsere zweite Ausgabe. „Spiel des Feuers“ hieß die erste, benannt nach einem kurdischen Spiel. Der Name hat nicht so eingeschlagen, deswegen haben wir ihn geändert in „Kinder der Sonne“.

Was sind die Inhalte der Zeitschrift?
Es sind Kindermärchen, Geschichten von Wolf und Esel, aber auch Artikel über Amed, Kurzgeschichten, Witze für Kinder, die Geschichte des kurdischen Alphabets und Erklärungen, wie man es erlernt. Die Zeitschrift richtet sich sowohl an Kinder als auch an Eltern, die daraus vorlesen.

Welche Vereine und Aktivitäten zur Sprachpflege gibt es noch und wie sieht die Zusammenarbeit aus?
Wir arbeiten mit TZP-Kurdî [„Tevgera Ziman û Perwerdehiya Kurdî“, Bewegung für kurdische Bildung und Sprache] zusammen. Hier im Haus hat auch das kurdische Institut seinen Sitz, es arbeitet eher sprachwissenschaftlich und gibt Bücher heraus. Daneben gibt es den Verband kurdischer Schriftsteller_innen. Das sind die Sprachinstitutionen, alle arbeiten unter dem Dach des TZP-Kurdî.

Wir möchten gerne noch etwas über die Tradition des Dengbêj erfahren. Wir haben gehört, dass die so überlieferten Erzählungen verschriftlicht werden sollen. Was könnt ihr uns dazu sagen?

Kurdisch war lange keine Schriftsprache, sondern wurde nur gesprochen. Deshalb sind die Sänger_innen [Dengbêj] oder Märchenerzähler_innen sehr wichtig für uns. Früher kamen sie in die Dörfer und unterhielten die Kinder. Dann kam das ganze Dorf zusammen, manchmal nächtelang. So wurden Sprache und Kultur am Leben gehalten. Die Sprache wurde sehr rabiat unterdrückt, mit dem Knüppel. Wenn jemand aus dem Dorf in die Stadt zum Basar ging, um seine Waren zu verkaufen, bekam er für jedes gesprochene kurdische Wort eine Geldstrafe. Weil die Leute aber aus trotz weiterhin Kurdisch sprachen, konnte es passieren, dass die gesamten Tageseinnahmen für die Bußgelder draufgingen. Heute läuft die Assimilation subtiler, institutioneller – und deshalb muss Kurdisch zur Unterrichtssprache werden.

Ich kenne jüngere Kurd_innen aus Großstädten, die kaum noch Kurdisch sprechen und deswegen an ihrer kurdischen Identität zweifeln. Wie ist die Situation in den Metropolen, wo die Menschen viel massiver mit der Dominanz der türkischen Sprache konfrontiert sind?
Das ist ein Problem in allen Regionen, die an die türkischen grenzen: Dieses antikurdische Bewusstsein der Jugend frisst sich immer mehr nach Osten in Richtung des Zentrums von Kurdistan. Es ist ein Flächenbrand, der eine große Gefahr für die kurdische Kultur darstellt. Dêrsim, beispielsweise, ist schon ziemlich assimiliert. Die Assimilationspolitik klopft an die Stadtmauern von Amed. In der Region wurden im Zuge des Krieges 4.000 Dörfer geräumt, deshalb gibt es hier ein Bewusstsein darüber, dass man Kurd_in ist. Die Menschen wissen, dass dies der Grund für ihre Unterdrückung ist. Aber es ist richtig, die Sprache selbst verliert an Bedeutung, es wird immer mehr Türkisch gesprochen. Deshalb muss Kurdisch zur Unterrichtssprache werden. Sprache ist mehr als ein Kommunikationsmittel, sie ist auch identitätsbildend.

Gibt es auch andere Sprachvereine, zum Beispiel armenische, und wenn ja, gibt es einen Austausch?
Es gibt keine anderen Sprachvereine, beim Unterricht können wir nicht helfen, dazu sind Lehrende und Lernende nötig. Aber wir versuchen alles, um die Kultur der anderen Minderheiten zu unterstützen und so die kulturelle Vielfalt zu bewahren. In Amed werden beispielsweise Kirchen restauriert. Im DTK sind auch die anderen Minderheiten vertreten, vor kurzem gab es hier eine Kurdistan-Konferenz, an der auch sie teilgenommen haben.1 Es ist eine Tatsache, dass die Assimilationspolitik des türkischen Staates bei allen Minderheiten außer bei den Kurd_innen gegriffen hat. Noch vor 30 Jahren konnte ein/e Christ_in oder ein/e Armenier_in in Amed nicht zu ihrer Identität stehen. Ob es einem gefällt oder nicht: Durch den Kampf der PKK hat sich das geändert. Die Minderheiten können zu sich stehen. Das ist eine Errungenschaft des Widerstandes.

  1. Als erste Stadt in der Türkei hat die Stadtverwaltung von Amed einen Sprachendienst eingeführt, der alle hier gesprochenen Sprachen berücksichtigt. []

Kommentare sind geschlossen.

Suche