demokratische autonomie in nordkurdistan Rätebewegung, Geschlechterbefreiung und Ökologie in der Praxis

demokratische autonomie in nordkurdistan

4 die kurdische jugendbewegung …

… entschlossene organisierung zum widerstand

Die Jugendbewegung gehört zu den dynamischsten Teilen der zivilen kurdischen Bewegung. Jugendliche organisieren sowohl den Schutz von Demonstrationen, als auch ihre politische, kulturelle oder sprachliche Ausbildung und Aktivitäten selbst. Nach Angaben von Vertreter_innen der Jugendbewegung sind etwa 50 Prozent der Aktiven junge Mädchen. Diese sind einerseits in gemischten Strukturen mit den jungen Männern gemeinsam aktiv, verfügen aber andererseits auch in allen Bereichen der Jugendarbeit über eigene autonome Organisationsstrukturen.

Die Jugendbewegung arbeitet in allen gesellschaftlichen Bereichen, um den Widerstand zu organisieren und alternative Strukturen aufzubauen. Wir haben mit verschiedenen Vertreter_innen der Jugendbewegung, u. a. aus Gewer (Yüksekova), gesprochen.

Kulturarbeit als politische Bildung und für gesellschaftliche Veränderung
Ein zentraler Bereich der Jugendbewegung sind kulturelle Aktivitäten, sprich Musik, Theater oder Film, die allesamt selbst organisiert stattfinden. In ihrer Kulturarbeit setzten sich die Jugendlichen mit gesellschaftlichen Problemen wie Sexismus und Gewalt auseinander, aber auch mit ihrer eigenen Geschichte. All diese Themen werden beispielsweise in Theaterstücken oder Sketchen thematisiert. Dabei reisen die Theatergruppen auch in entfernte Dörfer, um dort einen Austausch aufzubauen und für eine grundsätzliche gesellschaftliche Veränderung zu kämpfen. Daneben werden auch Geschichten und Lieder aus den Dörfern aufgezeichnet und weiter tradiert, um sie vor dem Vergessen zu bewahren. Darüber hinaus findet politische Bildungsarbeit auch in Form von Lese- und Diskussionsgruppen statt.

Gesundheitsarbeit und Bildung als Form der Selbstverteidigung
Eine große Problematik, insbesondere für Jugendliche in kurdischen Gebieten stellen die von staatlichen Kräften massenhaft verteilten Drogen dar, vor allem Heroin. Durch die Drogen soll das Widerstandspotential der Bewegung geschwächt werden. Drogenabhängige sind für den Staat aber immer auch potentielle Spitzel wie Dokumente und Zeugenaussagen belegen. Die Jugendbewegung arbeitet dem entgegen, indem sie die Jugendlichen beim Entzug unterstützt, sie erneut politisch und sozial einbindet und ihnen, wenn nötig, den Aufenthalt in einer Entzugsklinik finanziert. So wird an verschiedenen Orten versucht, eigene Entzugskliniken aufzubauen, wofür dringend Gelder benötigt werden.

Organisierung an den Schulen bedeutet Widerstand gegen Assimilationspolitik
An Schulen hat die Jugendbewegung Strukturen aufgebaut, um gegen die massive Assimilationspolitik anzugehen. Allein das Sprechen der kurdischen Sprache führt häufig zu Prügelstrafen für Schülerinnen und Schüler. Jeden Morgen sind alle Schülerinnen und Schüler gezwungen, vor der türkischen Nationalfahne anzutreten und zu schwören, dass sie stolz seien Türk_innen zu sein. Dagegen versucht die Jugendbewegung, zum Teil mit großem Erfolg, Boykottaktionen zu organisieren. 
Wie tief diese Organisierung geht, hat die nahezu 100 prozentige Beteiligung der Schüler_innen am Schulstreik in verschiedenen kurdischen Metropolen wie Gewer im September 2011 gezeigt. Weitere wichtige Bereiche der Jugendarbeit, wie die Selbstverteidigung und die Serhildans (Aufstände), werden in den folgendem Interviews näher thematisiert.

Die Jugendbewegung im Visier staatlicher Repression
Die Jugendbewegung ist aufgrund ihrer bedeutenden Rolle immer wieder im direkten Visier des Staates. Derzeit sind hunderte Jugendliche aus Gewer inhaftiert. Die Jugend nimmt die staatliche Repression wie eine mögliche Verhaftung jedoch bewusst in Kauf und lässt sich durch sie nicht einschüchtern. Die Repressionen umfassen nicht nur Verhaftungen, sondern reichen von Psychoterror über Folter bis hin zum „Verschwindenlassen“ von Personen. 
So stoppte das Militär zum Beispiel am 10. Dezember 2010 auf der Straße zwischen Gewer und Wan (Van) einen Kleinbus mit Aktivist_innen der Jugendbewegung. Unter ihnen war der Sprecher der Demokratischen Patriotischen Jugend (DYG) von Gewer, Sedat Karadağ. Die Jugendlichen wurden mit dem Gesicht zum Boden hingelegt, Sedat Karadağ wurde von den Soldaten zunächst schwer misshandelt und anschließend gezielt in den Kopf geschossen. Er überlebte schwer verletzt, verlor jedoch ein Auge. Er befindet sich immer noch in Haft. Derartige Vorfälle sind keine Einzelfall, sondern beschreiben die alltägliche Praxis des türkischen Militärs.

„Für Jugendliche in Kurdistan gibt es nur drei Alternativen: die Berge, das Gefängnis oder unter die Erde.“

Die Stadt Gewer ist sowohl bekannt für schwere Repression gegen die Bevölkerung, als auch für eine sehr tief greifende politische Organisierung. Wenn man das Stadtzentrum betritt, überschreitet man eine inoffizielle Grenze, welche die Staatsgewalt nur mit Hilfe groß angelegter Operationen überschreiten kann. Aufgrund der Stärke der kurdischen Bewegung ist das Leben auffällig anders als in vielen anderen Städten der Region. Frauen wie Männer bewegen sich relativ frei auf der Straße und die generelle Stimmung ist, trotz der hohen Grades an Repression, stark und selbstbewusst. Die Jugendbewegung stellt hier mit ihren eigenen Strukturen gegen Angriffe des Staates und mit dem aktiven Auftreten beispielsweise beim Schutz von Demonstrationen ein augenfälliges Beispiel einer emanzipatorischen Jugendfreiheitsbewegung dar. Sie lässt sich weder von staatlichen noch von feudalen Strukturen einschränken.

Für eines der Interviews treffen wir uns in Gewer mit einer Gruppe von männlichen Jugendlichen zwischen 16 und 26 Jahren. Die jungen Frauen waren an diesem Tag zu einer größeren Frauenkonferenz nach Amed gefahren.

Wir freuen uns mit euch hier in Gewer sprechen zu können. Wir möchten zunächst fragen, wie hat die Ausrufung der Demokratischen Autonomie im Juli 2011 eure Arbeit verändert?
Wir haben im Juli die Demokratische Autonomie ausgerufen und sind damit in eine neue Phase des Widerstandes eingetreten. Ziel ist es, durch einen Aufbau von Strukturen zur Selbstverwaltung der Bevölkerung den Riss zwischen der kurdischen Bevölkerung und den hegemonialen Institutionen des türkischen Staates zu vertiefen.

„Ein wichtiger Teil unserer Politik ist dabei, die kurdische Sprache im zivilen Leben zu stärken und dadurch zugleich das Bewusstsein der Bevölkerung zu stärken.“

Die Schüler_innen versuchen zurzeit, zum Beispiel dadurch Widerstand zu leisten, dass sie mit den Lehrer_innen nur noch kurdisch sprechen, was im hegemonialen türkischen Schulsystem Disziplinarstrafen zur Folge hat. Sie verweigern beispielsweise auch den täglichen Eid „Ich bin Stolz Türke zu sein“ und nützen andere Formen des Widerstandes. Darüber hinaus versuchen wir, die Bevölkerung dazu zu bewegen, auch den offiziellen Schriftverkehr wie Anträge und Rechnungen auf Kurdisch zu erledigen.

Weil du gerade die Schulen erwähnst, wie sieht es hier mit den Strukturen an den Schulen aus? Wir haben auch etwas von einem Schulstreik gehört…
In den Schulen führen wir vor allem einen Kampf für die kurdische Sprache. Du hast Recht, letztens haben wir aus diesem Grund einen fünftägigen Schulstreik durchgeführt, an dem fast 100 Prozent der Schüler_innen teilgenommen haben. Wir fordern, dass Unterricht in kurdischer Sprache möglich ist und in den Schulbüchern auch auf die kurdische Geschichte und Kultur eingegangen wird. Im Moment wird die Existenz von so etwas wie Kurden im türkischen Schulsystem konsequent verleugnet. An den Grundschulen werden Kinder teilweise von den Lehrer_innen geschlagen, wenn sie kein türkisch sprechen. Mir persönlich wurde das Türkische auch mit Gewalt beigebracht. Erst in der 5. Klasse habe ich mich in dieser Sprache ausdrücken können. Außerdem wird von uns verlangt, den türkischen Marsch zu singen und auf die Türkei zu schwören. Wer sich dem verweigert wird einfach rausgeworfen. Doch mit unseren Schulkommissionen sind wir an den Schulen gut verankert und haben einen großen Aktionsradius.

„Die Schulen sind hier ein Instrument des türkischen Staates, um seinen hegemonialen Anspruch durchzusetzen.“

Der Staat versucht die Jugendlichen schon so früh wie möglich zu indoktrinieren, um sie davon abzuhalten, sich der kurdischen Widerstandsbewegung anzuschließen. Deshalb sollen sie auch möglichst früh von ihren Familien getrennt werden. Aus diesem Grund wurde das Einschulungsalter in den kurdischen Gebieten kürzlich auf vier Jahre herabgesetzt. Eigentlich sind wir für eine frühe und umfassende Bildung. Hier geht es jedoch nur darum, dass der türkische Staat versucht, seinen Herrschaftsanspruch aufrecht zu erhalten und dazu die Kinder missbraucht. Für die Aktivist_innen unserer Bewegung findet die Bildung vor allem in den Knästen statt. Trotzdem stellen die staatlichen Schulen für uns selbstverständlich ein wichtiges Kampffeld dar. Der Staat macht dort offen Propaganda, wir machen das versteckt.

Wie seht ihr die Rolle der Jugend im Rahmen der kurdischen Freiheitsbewegung?
Für uns stellt die Jugend die Avantgarde der gesellschaftlichen Veränderung dar. Die Jugend ist natürlicherweise am wenigsten bereit, sich mit dem gesellschaftlichen Verhältnissen abzufinden und sie ist von den Herrschaftsstrukturen des türkischen Staates am wenigsten geprägt. Außerdem haben die Jugendlichen aufgrund der ökonomischen und gesellschaftlichen Realität in der sie aufwachsen, – Krieg, Besetzung, Unterdrückung, nicht viel zu verlieren und sind daher am ehesten bereit Opfer im Widerstand zu bringen.

„Die Jugendarbeit umfasst drei Dimensionen: die kulturelle Arbeit, die soziale Arbeit und die Dimension des Aufstandes (Serhildan)“

Wie ist euer Verhältnis zu Studierenden?
Allgemein haben viele Jugendliche, die mit der Bewegung sympathisieren, einen hohen Bildungsgrad. Viele studieren Medizin oder andere akademische Berufe. Wir appellieren an die Leute, die studiert haben, immer auch an die Bevölkerung zu denken und beispielsweise in den Dörfern bei dem Aufbau kommunaler Strukturen zu helfen. Wir ziehen jedoch für überzeugte Aktivist_innen eine politische Kaderausbildung einer akademischen Laufbahn als Anwält_in oder Mediziner_in vor. Er oder sie sollte Zeit haben, sich ganz der Bewegung zu widmen.

Wie funktionieren eure Strukturen?
Wir organisieren uns nach dem Prinzipien des von Serok Apo1 entwickelten Paradigmas des Demokratischen Konföderalismus in einem Rätesystem. Ein Präsidialsystem ist für uns ausgeschlossen. In den letzten Jahren hat sich die Jugendstruktur transformiert. War sie früher offizieller Teil der Partei, agiert sie heute autonom. Da die Jugend gemeinsam mit der kurdischen Frauenbewegung die am weitesten fortgeschrittenen Teile der Bewegung bilden, haben wir die Prinzipien des demokratischen Konföderalismus auch am weitesten umgesetzt. In allen Stadtteilen und Dörfern rund um Gewer existieren Jugendräte, deren Vertreter_innen auch in den Volksräten und anderen Bereichen mitarbeiten. Die Jugend plant aktuell ganz Gewer zur selbst verwalteten Kommune zu machen. Wir haben die Stadt in 27 Sektoren eingeteilt und für die einzelnen Sektoren Räte aufgebaut. Die Jugend ist nicht nur der wichtigste Faktor bei den Aufständen, den Serhildans und den Widerstandsaktionen auf der Straße, sondern in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens hier in Gewer.

„Unser Ziel ist es, hier in Kurdistan ein freies System aufzubauen und dazu gehört natürlich auch eine vom türkischen Staat völlig unabhängige Gesundheitsversorgung.“

Die Jugendarbeit umfasst drei Dimensionen: die kulturelle Arbeit, die soziale Arbeit und die Dimension des Aufstandes (Serhildan). Bei der kulturellen Arbeit geht es vor allem darum, die lokalen Traditionen zu stärken und damit das Selbstbewusstsein der Bevölkerung zu stärken. Zur sozialen Arbeit gehört unter anderem auch die Gesundheitsversorgung. Es gibt zum Beispiel organisierte Gruppen von Medizinstudent_innen, die auf Demonstrationen die Opfer von Polizeiübergriffen versorgen. Wir organisieren Theateraufführungen zu politischen Themen, zum Umgang untereinander oder Abende, in denen traditioneller kurdischer Sprechgesang der Dengbêj praktiziert wird. Soziale Arbeit meint sportliche Angebote, schulische Nachhilfe, aber auch das ökonomische Empowerment durch Kollektive und Kooperativen mit dem Ziel, die Selbstorganisation der Bevölkerung zu stärken und damit die Unabhängigkeit von den Institutionen des türkischen Staates möglich zu machen.

„Wir möchten, dass das gesamte gesellschaftliche Leben von der Basis aus selbstverwaltet und kommunal organisiert wird. So wollen wir dem türkischen Staat den Boden unter den Füßen wegziehen.“

Unsere Bewegung hat in den letzten 30 Jahren schon große Erfolge erzielt. Ein kurdisches Bewusstsein wurde erweckt, das so schnell nicht mehr einschlafen wird. Im Moment erreichen wir eine neue Qualität der Revolution durch den Aufbau von Kommunen, Kollektiven und Kooperativen. Ziel ist es, durch die ökonomische Selbstorganisation der Bevölkerung die wirtschaftliche Grundlage für eine umfassende Veränderung der herrschenden Verhältnisse zu schaffen und für die Menschen hier konkrete Perspektiven jenseits von Krieg, Armut und Besatzung greifbar zu machen. Die Kollektive und Kooperativen sind unterteilt in Dorf-, Jugend- und Frauenkooperativen. Der Bereich Jugendarbeit hat seit 2007 stark an Dynamik gewonnen. Die Arbeit ist offener geworden und es ist einfacher, auf die verschiedenen Bedürfnisse der Jugend einzugehen. Die verschiedenen Ebenen können heutzutage viel unkomplizierter in den Organisierungsprozess einbezogen werden. Vor allem auf die lokale Stadtteilarbeit hat sich das mobilisierend ausgewirkt.

Ihr spracht von der Dimension der Selbstverteidigung, was muss man sich darunter vorstellen?
Die Jugend stellt auch in der Dimension der Serhildans (Aufstandes) die Avantgarde dar. Wir praktizieren nicht nur militante Selbstverteidigung gegen Polizeiübergriffe auf Demonstrationen, sondern agieren auch offensiv gegen Strukturen und Institutionen des türkischen Staates.

Kommen wir zurück zu den Kooperativen. Welche Form der Kooperativen gibt es hier?
Es gibt vor allem Kooperativen, die Wildtierhaltung und Landwirtschaft betreiben. Die Jugend berät die Dorfbevölkerung bei der Landwirtschaft. Wir haben Freund_innen, die als Ingenieur_innen oder als Tierärzt_innen der Bevölkerung behilflich sein können. Oder wir helfen auf ganz praktische Weise, indem wir Kräuter auf der Weide sammeln. Aber wegen des Einsatzes von chemischen Waffen durch die türkische Armee ist das im Moment nicht möglich. Wir unterstützen also eher die vorhandenen Kooperativen. Eigenen Jugendkooperativen unterhalten wir nicht, weil wir nicht wollen, dass die Jugendlichen untereinander Beziehungen über Geld herstellen. Die Jugendlichen sollen die Avantgarde sein und den Widerstand vorantreiben. Unsere Kader werden dabei nach Möglichkeit von ihren Familien ökonomisch unterstützt.

„Während anderswo auf der Welt die Polizei gegen Rauschgiftkriminalität vorgeht, wird sie hier in den kurdischen Gebieten von der Polizei massiv gefördert.“

„3.500 Jugendliche in Gewer sind drogenabhängig. 1.000 davon sind noch Kinder.“

Wir haben oft gehört, dass in Gewer als Grenzstadt viele Drogen im Umlauf seien. Wie verhaltet ihr euch dazu?
Es ist ein weiteres Problem neben der offenen Repression durch Verhaftungen. Es ist der Versuch, die Jugendlichen durch Drogen vom Widerstand abzuhalten. Die Preise für harte Drogen sind hier extrem niedrig. Freund_innen haben Polizist_innen schon dabei beobachtet, wie sie Heroin und synthetische Drogen an Jugendliche verteilten. Die Polizei nutzt dann deren Abhängigkeit und ökonomische Situation aus, um sie für Spitzeltätigkeiten zu gewinnen. Ein weiteres Problem ist die wachsende Prostitution. 3.500 Jugendliche in Gewer sind drogenabhängig. 1.000 davon sind noch Kinder. Wir von der kurdischen Jugendbewegung würden gerne ein medizinischen Entziehungs- und Rehabilitationszentrum aufbauen, doch uns fehlen die Mittel. Zurzeit betreuen wir 50 drogenabhängige Jugendliche und versuchen, ihnen durch ein soziales Umfeld dabei zu helfen, von den Drogen loszukommen. Wichtig ist für uns, den Jugendlichen eine Therapie zu ermöglichen, teilweise unterstützen wir die Leute dabei auch finanziell. Anschließend versuchen wir, sie wieder in soziale und politische Strukturen einzubinden, d. h. sie als Menschen nicht fallenzulassen. Eine Perspektive wäre für uns natürlich der Aufbau einer eigenen Entzugsklinik hier in Gewer.

Unsere Generation ist mit dem Krieg aufgewachsen.

Wie ist das Leben der Jugendlichen hier in Gewer?
Das Leben hier in Gewer, der alltägliche Kriegszustand, prägt die Menschen von Geburt an. Diese Region ist einer der Teile Kurdistans, die von den Militäroperationen am stärksten betroffen sind, auch weil der Widerstand hier traditionell immer besonders stark war. Wir sind eine Generation, die in diesem Krieg groß geworden ist. Jede_r einzelne hat Familienmitglieder, die getötet wurden oder hat als Kind selbst traumatische Erfahrungen mit dem türkischen Militär gemacht. Ich kann mich erinnern, wie die Armee, als ich sechs Jahre alt war, um 3 Uhr nachts in das Dorf, in dem meine Familie gewohnt hat, eingefallen ist. Sie haben die Türen aller Häuser aufgetreten und die gesamte Bevölkerung auf dem Dorfplatz zusammengetrieben und gedemütigt. Deshalb sind wir hier alle von Kindesbeinen an „Apocus“2. „Biji Serok Apo!“3 sind bei vielen Kindern hier die ersten Worte, die sie sprechen.

Sind eure Strukturen für alle Jugendlichen offen?

Unsere Jugendstrukturen sind offen, jeder kann teilnehmen. Wir haben auch keine Probleme, Kontakt zu den Jugendlichen zu bekommen, da hier sowieso 90 Prozent der Bevölkerung mit der Bewegung sympathisieren. Fast jede Familie hat einen Märtyrer in ihren Reihen. Wir haben jeweils einen männlichen und eine weiblichen Delegierten im Stadtrat. Darüber hinaus verfügt die Jugend hier in Gewer über eine eigene Selbstverteidigungsstruktur, die völlig selbstständig arbeitet und keine „Anleitung“ durch irgendwelche alten Herren braucht.

Wie erreicht ihr die Jugendlichen?
Wir haben verschiedene Wege, die Jugendlichen zu erreichen und in unseren Widerstand einzubeziehen. Viele Kontakte bekommen wir durch die Stadtteilräte, aber auch über die patriotischen und sozialistischen Familien. Außerdem bieten wir kulturelle Aktivitäten, Sport, gesundheitliche Aufklärung sowie politische Bildung an. Wichtig ist es einfach, über die tägliche Arbeit eine vertrauensvolle Beziehung zu den Jugendlichen herzustellen.

Wie ist die Beteiligung von Frauen und Mädchen an der Jugendbewegung? Wie ist euer Verhältnis zur kurdischen Frauenfreiheitsbewegung?
Die Frauen haben auch unter der Jugend den höchsten Organisationsgrad und sind der stärkste, (selbst)bewussteste Teil der Jugendbewegung. Innerhalb der Jugendbewegung organisieren sich die Frauen meistens gemeinsam mit den jungen Männern. Aufgrund der islamischen geprägten Gesellschaft hier diskutieren sie einige Themen wie Gesundheit, Hygiene und sexuelle Aufklärung getrennt von den Männern. Aufgrund der konservativen Vorstellungen, die in der kurdischen Gesellschaft immer noch stark verbreitet sind, ist es auch oft nur Frauen möglich, mit anderen Frauen Kontakt aufzunehmen, auch wenn dieses Problem in der kurdischen Jugend nicht mehr so groß ist. Die Kritik und Auseinandersetzung mit dem Thema Patriarchat und Frauenunterdrückung nimmt in unserer Ideologie eine zentrale Rolle ein und ist ein zentrales Thema der Schulungsarbeit.

„Wir sind der Ansicht, dass eine Befreiung der Gesellschaft ohne die Befreiung der Frau nicht möglich ist.“

Wie ist das Geschlechterverhältnis in eurer Bewegung?
In der Jugend sind Frauen und Männer gemeinsam organisiert. Das Verhältnis beträgt ungefähr 50 zu 50. Die Frauen sind bei uns auch militant, sehr selbstständig und radikal.

Gewer ist ja trotz allem traditionell eher eine konservative Region. Gibt es von Seiten des Staates Versuche, über den Islam, zum Beispiel mit Hilfe der Gülen-Bewegung, die Region zu „befrieden“?
Durch die wichtige geostrategische Lage der Region um Gewer herum und wegen der Stärke des hiesigen Widerstandes, versuchen AKP und Gülen-Bewegung, den Islam als Waffe gegen die Freiheitsbewegung in Stellung zu bringen. Doch ihre Versuche, hier Fuß zu fassen sind anders als in Batman und anderen kurdischen Städten bisher gescheitert. Es gab hier mal ein Zentrum radikaler Islamisten, die versucht haben, in der Bevölkerung Stimmung gegen die kurdische Bewegung zu machen. Jedoch traut die Bevölkerung diesen Leuten nicht über den Weg. Zwar ist die Mehrheit immer noch religiös, jedoch erfahren sie auch die Unterdrückung als Kurd_innen durch den türkischen Staat und wollen deshalb von Gülen und Erdoğan nichts hören.
Es gibt innerhalb der Familien immer noch feudale Strukturen, doch hat sich in den letzten Jahren vieles geändert. Das liegt sicher auch daran, dass die Freiheitsbewegung hier in der Region besonders stark ist. Für junge Frauen ist es beispielsweise heutzutage kein Problem mehr, zum Studium in eine Stadt in der Türkei zu gehen, vor 20 Jahren war das noch fast undenkbar. Vor allem in den apoistisch4-sozialistisch geprägten Familien ist das Problem überwiegend überwunden. Trotzdem sind wir als Bewegung nicht gegen den Islam oder andere Religionen, wir kämpfen gegen die Gülen-Sekte und ihre Vorstellung von einem Großosmanischen Reich. Und wir sind darüber hinaus gegen veraltete feudale Strukturen in den Familien. Wenn zum Beispiel den Kindern aus „religiösen“ Gründen der Schulbesuch verboten wird, stellen wir uns klar dagegen. Und wir sind gegen einen radikalen Islam, weil er mit den Werten einer demokratischen Ideologie nicht vereinbar ist. Aber grundsätzlich stehen wir allen Religionen offen gegenüber. Religion ist Privatsache, wichtig ist für uns die demokratische Ideologie.

3.000 Jugendliche sind derzeit inhaftiert, 1.372 wurden allein in den letzten sechs Monaten verhaftet

Wie wir gehört haben, sitzen viele Freund_innen aus der Jugendbewegung hinter Gittern. Wie geht ihr damit um?
In den letzten sechs Monaten wurden 1.372 Freunde aus der Jugendbewegung inhaftiert, insgesamt sitzen über 3.000 Jugendliche hinter Gittern. Die Strafen liegen in der Regel zwischen sechs Jahren und lebenslänglich. Wir versuchen, während dieser Zeit über die Familien oder die Anwälte den Kontakt zu den Jugendlichen zu halten, doch durch die Repression des türkischen Staates gestaltet sich das oft schwer. Wir arbeiteten eng mit dem IHD [ein wichtiger Menschenrechtsverein in Kurdistan und der Türkei] und anderen zivilgesellschaftlichen Organisationen zusammen. Die Lebensbedingungen in den Gefängnissen sind oft sehr schlecht, viele bekommen währen der Haft schwere, mitunter lebensbedrohliche Erkrankungen.

„Weil die Repression für kurdische Aktivist_innen so alltäglich ist, sind die Gefängnisse für unsere Bewegung zu Schule und Universität geworden.“

Viele werden in einem sehr jungen Alter verhaftet und kommen Jahre später als ausgebildete Kader wieder heraus. Die Lehre im Gefängnis besitzt ein hohes Ansehen in der kurdischen Bevölkerung, besonders unter der Jugend. Einige ärgern sich sogar scherzhaft, dass sie noch nicht festgenommen worden sind, um die „kurdische Hochschule“ besuchen zu können.

„Zwar ist die körperliche Folter durch das Gefängnispersonal etwas weniger geworden, dafür ist die psychologische Folter der Isolationshaft viel schwerer auszuhalten.“

Wie ist die Situation der inhaftierten Aktivist_innen?
Die Repression gegen Jugendliche gehört seit Jahrzehnten zum Alltag. Im Gefängnis nutzen wir die Zeit, um uns zu bilden. Analphabetismus ist immer noch ein großes Problem hier. Das ist ein großes Hindernis, wenn wir uns mit den theoretischen Grundlagen der kurdischen Freiheitsbewegung vertraut machen möchten. Durch die Einführung der F-Typ Isolations-Gefängnisse im Jahr 2000 hat sich die Situation verändert. Ich persönlich wurde beispielsweise 1994 mit 14 Jahren verhaftet und saß etwa sieben Jahre ein. Damals waren es noch ganz gänzlich andere Bedingungen in den Gefängnissen. Wir waren gemeinsam in großen Sälen mit bis zu 60 Menschen untergebracht und waren in der Lage, neben der Schulung auch gemeinsame soziale Aktivitäten wie Fußball oder Tanzen durchzuführen. Durch die Einführung der Isolationszellen wurde das quasi unmöglich gemacht. Zwar ist die körperliche Folter durch das Gefängnispersonal etwas weniger geworden, dafür ist die psychologische Folter der Isolationshaft viel schwerer auszuhalten. Die sogenannte „Weiße Folter“ zielt darauf ab, das Individuum und seinen Geist zu zerstören. Im Gegensatz dazu ging es früher darum, deinen Körper zu zerstören. Die Abschottung von Umwelteinflüssen ist grausam für die Psyche, nur deine politische Überzeugung und der Glaube an die kurdische Revolution helfen dir, das auszuhalten.
Die Zeit im F-Typ Gefängnis war die schlimmste, die ich persönlich je erlebt habe. Die kurdische Gesellschaft ist eigentlich sehr sozial. Wir sind selten allein und sind quasi unser ganzes Leben mit Geschwistern, Freund_innen und Familie zusammen. Das macht es sehr schwer, dieses Alleinsein auszuhalten. Zurzeit sind jedoch so viele kurdische Aktivist_innen inhaftiert, dass die Isolationszellen oft überbelegt sind und bis zu 4 Menschen in einer Zelle sitzen. Dadurch ist im Moment die Bildungsarbeit sogar noch intensiver möglich als früher in den großen Gruppen. Das ist zumindest ein Vorteil der Massenverhaftungen durch den türkischen Staat.

Vor Allem unter deutschen Linken besteht ja immer noch das Vorurteil, die kurdische Freiheitsbewegung wäre nationalistisch. Wie seht ihr das?
Wir verstehen uns nicht als nationalistisch. Wir verstehen uns als internationalistische Sozialistinnen und Sozialisten und sehen uns als Teil einer weltweiten revolutionären Bewegung. Wir beobachten die Kämpfe in anderen Teilen der Welt und fühlen uns mit ihnen verbunden, sei es nun die Umstürze in Nordafrika oder die anarchistische Jugendrevolte in Griechenland. Aber wir werden vom türkischen Staat als Kurden angegriffen und sind deshalb im Moment dazu gezwungen, auf diesem Terrain zu kämpfen. Der Sozialismus und der antikapitalistische Kampf sind wichtige Bestandteile unserer Ideologie, aber im Moment ist die Besatzung und Unterdrückung gegen uns als Kurd_innen hier unser Hauptproblem. Während wir uns politisch als Sozialist_innen begreifen, ist die kurdische Gesellschaft traditionell eher anarchistisch organisiert.

  1. dt. „der Vorsitzende Apo (Abdullah Öcalan)“ []
  2. Anhänger von Abdullah Öcalan []
  3. dt. „Es lebe der Vorsitzende Abdullah Öcalan!“ []
  4. Entsprechend den Ideen von Abdullah Öcalan []

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